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Brandbrief an die Politik: Frankfurter Krabbelstube wechselt in Corona-Notfallplan

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Von: Friedrich Reinhardt

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In einem Offenen Brief kritisieren die Eltern der Krabbelstube „Raupennest“, dass die Politik zu wenig gegen den Personalmangel in der Kinderbetreuung getan hat: Corinna Werner, Teresa Schwehm, Jessica Fuhlbrügge, Laura Odinius und Julia Thutewohl (v. li.). FOTO: Leonhard hamerski
In einem Offenen Brief kritisieren die Eltern der Krabbelstube „Raupennest“, dass die Politik zu wenig gegen den Personalmangel in der Kinderbetreuung getan hat: Corinna Werner, Teresa Schwehm, Jessica Fuhlbrügge, Laura Odinius und Julia Thutewohl (v. li.). © Hamerski

Wegen eines akuten Personalmangels in der Corona-Pandemie können die Kinder in der Frankfurter Krabbelstube nicht täglich betreut werden. Das hat fatale Auswirkungen.

Frankfurt – Von „Systemversagen“ sprechen die Eltern der Krabbelstube Raupennest in Frankfurt, weil die U3-Kita in den Notfallmodus wechseln musste. Knapp bemessenes Personal und eine Krankheitswelle, die auch die Erzieher erwischt hat, haben die Einrichtung dazu gezwungen. Am Donnerstag (09.12.2021) blieb das Raupennest ganz geschlossen, am Freitag (10.12.2021) kann nur die Hälfte der 20 Kinder betreut werden.

„Ab Montag hoffen wir, für alle öffnen zu können“, sagt Kita-Leiterin Ingrid Reitzammer. Doch der Notfallplan könnte bald Dauerzustand werden. Darum haben die Eltern einen Brandbrief an die Lokal- und an die Landespolitik in Hessen geschrieben. Und das Raupennest ist nicht die einzige Kita, die in der Corona-Krise wieder mal Erzieher, Eltern und Kinder an ihre Grenzen bringt.

Corona in Frankfurt: Kinder können nicht betreut werden – dann hagelt es Krankmeldungen

„Was passiert, wenn es am Mittag plötzlich heißt: „Bitte holen Sie Ihr Kind heute früher ab, da wegen Krankheit Erziehermangel im Kindergarten herrscht“, heißt es in dem Offenen Brief. Die Antwort der Eltern auf diese Frage ist: „Systemversagen“. Sie schreiben: „Dann hagelt es Kind-Krankmeldungen bei allen möglichen Arbeitgebern: Die Kassiererin muss kurzfristig Zuhause bleiben, die Restaurantleiterin kommt nicht zur Arbeit, die Sekretärin kann das Meeting nicht vorbereiten, die Arzthelferin nicht assistieren.“ Geschrieben hat die Zeilen Jessica Fuhlbrügge.

Ihr Sohn besucht die Krabbelstube Raupennest. Die Ärztin erfuhr bei einer 24-Stunden-Schicht im Elisabethenkrankenhaus, dass ihr die Betreuung wegbrechen wird. „Zum Glück arbeiten mein Mann und ich im Schichtdienst. So können wir an freien Tagen die Betreuung übernehmen. Ansonsten können meine Eltern einspringen“, sagt Fuhlbrügge. Gut finde sie aber nicht, dass ihr Sohn von jemandem - ihr selbst - betreut werde, der 24 Stunden nicht geschlafen hat.

Corona-Notfallplan in Frankfurter Kita könnte zum Dauerzustand werden

Der nun krankheitsbedingt in Kraft getretene Notfallplan ist das eine. Einrichtungsleiterin Reitzammer ist optimistisch, dass ihr Personal am Montag (13.12.2021) wieder arbeiten kann. Sie selbst liegt mit Husten auf der Couch, organisiert den Notfall und sagt: „Ich kenne mein Team und dessen Pflichtbewusstsein.“ Unberechenbar bleibe es dennoch, wie schnell Menschen gesund würden. Die Kritik der Eltern richtet sich aber nicht an die Erzieher, im Gegenteil. Dankbarkeit für ihre Arbeit ist der Grundton des Brandbriefs.

Das andere ist: Der Notfallplan im Raupennest könnte ab Februar Dauerzustand werden. Ende Januar geht eine Vollzeitkraft in Ruhestand. Eine andere sei jüngst ausgewandert. Ab Februar gibt es drei Fachkräfte und eine Zusatzkraft. Zu wenige für 20 Kinder, da nicht alle Vollzeit arbeiten.

Kinderbetreuung in Frankfurt in der Krise: Lange Listen mit offenen Stellen

Auf der Internetseite des BVZ, dem Träger der Krabbelstube, ist die freie Stelle ausgeschrieben - neben vielen anderen. Über 12 Seiten erstreckt sich die Liste der freien Stellen - nur beim BVZ und nur für pädagogische Fachkräfte. Hinzu kommen Listen für Leitungspositionen, pädagogisches Zusatzpersonal, für Küchen- und Hauswirtschaftskräfte. „Und bei anderen Trägern sieht es genauso aus“, sagt Reitzammer.

Deutschland steckt in einem gewaltigen Fachkräftemangel bei der Kinderbetreuung. Und der könnte sich in diesem Jahrzehnt noch verschärfen. „Eine kindgerechte Personalausstattung und zugleich ausreichend Plätze in allen Kitas sind in diesem Jahrzehnt nicht mehr zu realisieren“, informierte im August die Bertelsmann-Stiftung über das Ergebnis des „Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule“. Bis 2030 fehlten bundesweit mehr als 230.000 Erzieher. Um so viele Erzieher auszubilden, fehlen Berufsschullehrkräfte. Auch seien bis 2030 nicht genügend Quereinsteiger zu gewinnen.

Frankfurter Krabbelstube im Notfallplan: 5000 pädagogische Fachkräfte fehlen in Hessen

In Hessen fehlten bis 2030 insgesamt rund 5000 Fachkräfte, 25.000 bräuchte es, nur rund 20.000 Fachkräfte werden auf den Arbeitsmarkt kommen. Für Nieder-Erlenbacher Eltern ist das ein Versagen der Politik. „Was wird getan, um diesen Beruf attraktiver zu machen? Wann wird das Gehalt der Erzieher endlich angepasst?“, fragen sie.

Für den jetzigen Kita-Ausnahmezustand hat Fuhlbrügge eine Lösung gefunden. Wie sie ab Februar die Betreuung organisieren soll, weiß sie nicht. Eines könnten Eltern aber tun, um die Kitas in Zeiten des Personalmangels zu unterstützen, sagt Reitzammer: „In dem sie ihr krankes Kind nicht in die Kita bringen.“ Sonst steckten sich Kinder und Erzieher an. Und am Ende müsse dann auch die Kita schließen. (Friedrich Reinhardt)

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