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Ethik in der Pandemie: „Eine Corona-Impfung ist unsere moralische Pflicht“

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Menschen stehen vor einem Impfzelt in Frankfurt Schlange: Der Medizinethiker Christof Mandry hält es für eine „moralische Pflicht“, sich impfen zu lassen.
Menschen stehen vor einem Impfzelt in Frankfurt Schlange: Der Medizinethiker Christof Mandry hält es für eine „moralische Pflicht“, sich impfen zu lassen. © Arne Dedert/dpa/Archiv

Medizinethik-Professor Christof Mandry aus Frankfurt spricht im Interview über die Corona-Pandemie. Er sagt: „Wir müssen uns um die Art sorgen, wie wir diskutieren.“

Frankfurt - Christof Mandry ist Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt, einer seiner Schwerpunkte ist die Medizinethik. Im Interview spricht er über Sinn und Schwierigkeiten einer Impfpflicht, moralische Absurditäten bei der Triage und die Frage, wie wir die Gesellschaft nach Corona wieder auf den richtigen ethischen Kurs bringen.

Herr Mandry, lassen Sie uns gleich mit einer zentralen Frage anfangen: Brauchen wir eine Corona-Impfpflicht?

Mandry: Zunächst Folgendes: Man kann eine Impfpflicht nicht mit dem Wohl der Person begründen, die geimpft werden soll, denn in Deutschland darf jeder mit seiner Gesundheit umgehen, wie er will. Ziel muss stattdessen sein, besonders vulnerable Gruppen zu schützen, und das Infektionsgeschehen in den Grenzen des Beherrschbaren zu halten. Sinnvoll ist eine Impfpflicht aber nur, wenn hinreichend klar ist, dass sie diese Ziele wirklich erreicht, wenn es keine milderen Wege gibt, sie zu erreichen, und wenn die Pflicht auch umgesetzt und kontrolliert werden kann.

Heißt das jetzt ja oder nein?

Mandry: Wir sollten zwischen einer einrichtungsbezogen und einer allgemeinen Impfpflicht unterscheiden. Zu letzterer war ich bei der Delta-Variante noch positiver eingestellt als bei Omikron. Denn Omikron ist zwar sehr ansteckend, aber nicht ganz so gefährlich, und das Gesundheitssystem scheint nicht überlastet. Außerdem wissen wir angesichts der Mutationsgeschwindigkeit des Virus gar nicht, wann diese allgemeine Impfpflicht erfüllt wäre. Mit der dritten Impfung? Mit der vierten? Wäre das nicht letztlich eine Pflicht zur Dauerimpfung? Das wäre ein sehr schwerwiegender Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Wir wissen auch, dass die Impfung vor allem vor den Folgen einer Infektion schützt, weniger vor der Ansteckung, und um die geht es bei der Beherrschbarkeit. Damit liegt die Impfung vor allem im Interesse der Geimpften, womit sich die Impfpflicht aber wie gesagt nicht begründen lässt. Dazu kommt eine praktische Sache: Ich sehe nicht, wie wir sie durchsetzen könnten.

Forschung zu Corona: „Misstrauen in manchen Kreisen tief verhaftet“

Also keine allgemeine Impfpflicht. Und wie sieht es mit einer einrichtungsbezogenen aus?

Mandry: Die ist etwas anderes, weil es hier um den direkten Schutz vulnerabler Gruppen geht. Aber das Problem der Durchsetzbarkeit gilt auch hier. Bayerns faktisches Aussetzen der Impfverfügung ist eine politische Unverschämtheit, trifft aber ein reales, administratives Problem. Für die Überwachung der Ungeimpften sollen zum Beispiel die Gesundheitsämter zuständig sein. Die sind aber jetzt schon überlastet. Es ist außerdem völlig unklar, wie diese Infrastruktur so kurzfristig aufgebaut werden soll.

Ich frage mich, warum es beim medizinischen Personal überhaupt noch so viele Ungeimpfte gibt.

Mandry: Dazu gibt es noch nicht viel Forschung, aber es scheint sich sowohl regional als auch von Einrichtung zu Einrichtung zu unterscheiden. Ich vermute deshalb, dass es einerseits etwas mit der jeweiligen Unternehmenskultur, andererseits mit der fachlichen Prägung des Personals zu tun hat. Beide Male schätze ich, dass offene Kommunikation erfolgreicher sein könnte als Druck. Andererseits böte die Impfpflicht den Gegnern die Möglichkeit, ihre Meinung ohne Gesichtsverlust zu revidieren. Ethisch gesehen geht es ja darum, seine Haltung nicht aufgrund von Druck, sondern aus guten Gründen zu ändern.

Eine Apotheke wirbt für kostenlose Corona-Tests und für die Impfung.
Eine Apotheke wirbt für kostenlose Corona-Tests und für die Impfung. © Sven Hoppe/dpa/Archiv

Wenn das passieren würde, wären wir schon einen Schritt weiter.

Mandry: Ja, aber es ist schwierig. Die Skepsis gegenüber der Wissenschaft ist inzwischen schon beim Infragestellen empirischer Studien angelangt, also etwa der Wirksamkeit der Impfung oder möglichen Nebenwirkungen. Eigentlich sind diese Fragen gut belegt und seriöses Wissen ist leicht zugänglich, aber dieses Misstrauen ist in manchen Kreisen tief verhaftet. Und da sind wir noch gar nicht bei der ethischen Frage, ob man sich nur für sich selbst impfen lässt, oder ob man nicht auch der Gesellschaft verpflichtet ist.

Medizinethiker aus Frankfurt: „Corona-Impfung ist unsere moralische Pflicht“

Also der Frage, wie viel Solidarität man seinen Mitbürgern entgegenbringen sollte. Was denken Sie?

Mandry: Ich bin der Meinung, dass eine Corona-Impfung unsere moralische Pflicht ist. Weil das Risiko und der Aufwand für den Einzelnen gering sind, während das Risiko für vulnerable Gruppen sehr hoch ist. Ein geringer, nicht mal finanzieller, sondern nur zeitlicher Aufwand steht mittlerweile 120 000 Corona-Toten allein in Deutschland gegenüber.

Ich habe eine Freundin, die auf Anti-Impf-Demos unbeeindruckt neben Neu-Rechten marschiert, mit der Begründung, dass sie ja nur neben ihnen läuft und das nicht heißt, dass sie sie unterstützt. Reicht das als Argument, um unbeschwert weiterzumarschieren?

Mandry: Das ist eine Gratwanderung. Auf der einen Seite sollen Menschen ihrer Position Ausdruck verleihen können. Das ist ihr demokratisches Recht, und wir wollen ja einen gesellschaftlichen Diskurs. Auf der anderen Seite sind Demonstrationen nicht nur Meinungsäußerungen von Einzelnen, die sich zufällig nebeneinander finden, sondern sie ballen sich zu einer politischen Wirkung. Das zieht Gruppen an, die diese Demonstrationen für sich ausnutzen wollen. Und da muss man vorsichtig sein, weil man keinen direkten Einfluss darauf hat, ob der neben einem plötzlich ein ganz anderes Schild hochhebt und man unwillentlich zum Unterstützer wird. Ihre Freundin sollte dafür sensibel sein und entsprechend reagieren.

Wie kann man Impfgegner überhaupt erreichen?

Mandry: Man sollte immer miteinander reden. Dabei kann das Ergebnis aber durchaus sein, dass man nicht zueinanderkommt. Für individuelle Freundschaftsverhältnisse, aber auch für eine plurale, aufgeklärte Gesellschaft wie unsere, kann das sehr belastend sein.

Toxische Debatte um Corona: „Müssen uns um Art sorgen, wie wir diskutieren“

Was können wir dagegen tun?

Mandry: Ich denke, dass wir uns um die Art sorgen müssen, wie wir diskutieren. Der gesellschaftliche Diskurs muss verständigungsorientierter werden. Auch wenn man in einer Sache nicht zusammenkommt, muss das gemeinsame Interesse fortbestehen, konstruktiv zusammenzuleben.

Diese konfrontative, rechthaberische Art, miteinander zu reden, ist meiner Meinung nach unter anderem durch die sozialen Medien und die dortige Anonymität entstanden. Müssten wir Twitter und Telegram verbieten?

Mandry: Natürlich haben vor allem Formen des anonymen Beitrags dazu beigetragen, dass sich Menschen unverblümter hinter krassen Aussagen sammeln. Ich glaube nicht, dass wir das verbieten können, aber wir können es regulieren. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, auch dort darf man nicht hetzen. Es ist erschreckend, dass die Polizistenmorde vor einigen Wochen ein so starkes Echo von Polizisten- und Staatshass hervorgerufen haben. Aber es ist gut, dass die Staatsanwaltschaft das nicht auf sich beruhen lässt, sondern dem nachgeht. Die Leute müssen anfangen, Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Aber es ist auch wichtig, dass Menschen mit abweichenden Meinungen ihre Ängste und ihren Dissens mitteilen können. Wie man mit diesen stark abweichenden Weltsichten dann umgeht, ist schwierig zu beantworten. An der Medienkompetenz der Menschen arbeiten wir ja schon lange, etwa in den Schulen. Ob das ausreicht oder weiterentwickelt werden muss, scheint mir eine noch offene Frage zu sein.

Corona-Lage in Frankfurt

Die Corona-Fallzahlen in Hessen sinken Mitte Februar zwar, befinden sich aber weiterhin auf hohem Niveau. In Frankfurt liegt die Sieben-Tage-Inzidenz derzeit (Stand Montag, 21.02.2022) bei 951. In der Mainmetropole schaut man deshalb kritisch auf die Patientenzahlen in den Krankenhäusern. Dennoch glaubt die Landesregierung, die aktuelle Lage lasse Lockerungen zu. Die „Querdenker“-Szene übt trotz geplanter Öffnungsschritte mit Demos in Frankfurt Druck aus – so auch am Wochenende. Neben den Corona-Maßnahmen ist ihnen vor allem die mögliche Impfpflicht ein Dorn im Auge. (ag)

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Ein wichtiges Ziel der Impfung wie auch der Corona-Maßnahmen im Generellen ist es, wilde Triagen, wie sie etwa in Italien passiert sind, zu verhindern. Sollte es dennoch dazu kommen, was würden Sie einem Arzt raten?

Mandry: Das ist keine Frage, die auf dem individuellen Arzt lasten sollte. Stattdessen sollte innerhalb jeder Einrichtung eine klare Verständigung darüber herrschen, wie man mit einer Triage-Situation umgeht. Verschiedene ärztliche Fachgesellschaften haben dazu ja Empfehlungen erarbeitet. Grob zusammengefasst soll sich die Verteilung von Intensivmaßnahmen ausschließlich danach richten, bei wem die Erfolgsaussichten am größten sind. Und zwar zwischen allen Schwerkranken. Allerdings liegen die Erfolgsaussichten bei einer Corona-Intensivbehandlung generell nur bei etwa 50 Prozent. Außerdem ist die Frage offen, ob es wirklich Prognosekriterien für alle relevanten Krankheitsbilder gibt, mit denen man die Erfolgsaussichten unter Zeitdruck sinnvoll abschätzen kann.

Schwierig, ja.

Mandry: Zudem muss man ja sehen, dass Intensivbett nicht gleich Intensivbett ist. Es gibt spezialisierte Plätze und spezialisiertes Personal. Vor der eigentlichen Triage zwischen schwerkranken Patienten kommt also bereits eine planerische Triage-Entscheidung.

Klingt kompliziert.

Mandry: Hinzu kommt noch die zweite Stufe: Alle Betten sind belegt und die nächsten Patienten werden eingeliefert. Die Empfehlungen sehen vor, jedes Mal die Erfolgsaussichten nicht nur zwischen den Neuankömmlingen abzuwägen, sondern auch die bereits Behandelten wieder mit in die Triage einzubeziehen. Also jene, die in der Beatmung liegen und nicht widersprechen können, wenn man gegen ihren Willen den Behandlungsvertrag aufkündigt. Denn die Patienten sterben ja, wenn man sie abnimmt. Ich weiß auch gar nicht, wie man das den Angehörigen beibringen würde. Nicht zuletzt ist es doch auch Ressourcenverschwendung, wenn man jemanden schon vier Tage beatmet hat und ihn dann abnimmt, weil jemand anders höhere Erfolgsaussichten hat. Das könnte zu einer Kette führen, bei der man ganz viele Personen abnimmt, um am Ende eine Person fertig zu behandeln. Das wäre absurd! Und bringt uns zurück zur Solidarität und zur Grundidee der Impfkampagne: Alle stehen in der Verantwortung, dazu beizutragen, dass Überlastungssituationen vermieden werden, die moralisch gar nicht bestanden werden können. Wir sollten immer so handeln, dass wir uns nach der Pandemie noch in die Augen sehen können und nicht jahrelang darüber schweigen müssen, was eigentlich gewesen ist. (Interview: Sarah Bernhard)

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