+

Völkerschauen

Als im Frankfurter Zoo Menschen ausgestellt wurden

  • schließen

Im 19. Jahrhundert wurden im Frankfurter Zoo auch Menschen ausgestellt. Sie sollten den Besuchern die exotischen Völker aus Übersee näherbringen. Ganze Familien lebten in Gehegen damals im Zoo – direkt neben Vögeln, Fischen und Echsen.

Es ist ein schöner Frühlingstag, der erste in diesem Jahr. Die Sonne scheint, nur einige Schäfchenwolken am hellblauen Himmel. Der perfekte Tag für einen Zoo-Besuch. Zwischen dem Zebra-Gehege und dem Affenhaus schlendern gut gelaunte Besucher, ein paar Kinder rennen lärmend über den Gehweg. Neben dem Zoo-Restaurant hört man die Affen brüllen und im Vogelgehege hat eine Schleiereule ihren Kopf in den Federn versteckt.

Menschen im Gehege

Auch im Gehege daneben herrscht geschäftiges Treiben. Drei junge Männer klopfen mit Steinen auf einem Stück Holz herum. Um das Lagerfeuer neben ihnen sitzen Frauen, Kinder und Alte. Eine Traube Zoobesucher hat sich vor ihnen versammelt. Getrennt werden die beiden Gruppen durch eine Kette. Davor und dahinter liegen zwei Welten – die einen schauen, die anderen werden ausgestellt. Denn zwischen den Menschen gibt es einen grundlegenden Unterschied: Die einen sind schwarz, die anderen weiß.

Hauptsache barbarisch

Eine Szene, die heutzutage unvorstellbar ist. Aber sie ist so passiert, überall in Deutschland - auch im Zoo Frankfurt. Neben Tieren werden Menschen ausgestellt. Menschen aus anderen Teilen der Erde. Hauptsache exotisch, Hauptsache irgendwie barbarisch oder zumindest gefährlich müssen sie aussehen. Das war die Realität während der sogenannten „Völkerschauen“, die von 1870 bis 1940 ihre Blütezeit hatten. Ganze Familien wurden damals in Zoos ausgestellt – direkt neben Vögeln, Fischen und Echsen.

Diese Familien waren allerdings nur in seltenen Fällen echte Verwandte. „Das Ganze war ein Schauspiel und Spektakel“, erzählt Anja Horstmann. Die 40-Jährige ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Fachjournalistik Geschichte an der Uni Gießen. „Die Ausstellungen liefen besonders gut, wenn die Menschen möglichst „wild“ wirkten oder etwas Erotisches ausstrahlten, wie zum Beispiel die Zurschaustellung von Frauengruppen aus Samoa. Je exotischer und fremder, desto besser.“ Zu diesem Zweck wurden die Ausgestellten vor den passenden Kulissen platziert und mit Werkzeug ausgestattet. Hütten aus Pappe, ein Lagerfeuer, Palmen. Ob es in ihrer Heimat so aussah und wie sie dort wirklich lebten, war eher nebensächlich.

Ausstellungsobjekt gegen Geld

„Diese Ausstellungen waren für die Leute gemacht, die niemals in diese fremden Länder reisen würden“, erzählt Horstmann. Die ausgestellten Menschen seien damals in Übersee angeworben worden, teilweise in den deutschen Kolonien oder in anderen Ländern. Für die angeworbenen Teilnehmer sei dies eine gute Verdienstmöglichkeit gewesen, erzählt die Forscherin. So richtig mit Vertrag. Mit dem in der Tasche seien sie dann nach Deutschland gegangen. Hier wurden sie bezahlt und erhielten Unterkunft und Verpflegung. Was in den Verträgen stand, die sie unterschrieben, verstanden sie aber meistens gar nicht.

Organisiert wurden die Schauen meist von Unternehmern, die im Kolonialwarengeschäft mitspielten. Besonders aktiv war dabei der Hamburger? Zoodirektor Karl Hagenbeck, der mit seinen Völkerschauen jahrelang durch Deutschland tourte und schließlich in seinem Tierpark bei Hamburg sogar ein eigenes Ausstellungsgelände eröffnete.

Akrobatik und Zauberkünste inklusive

Auch Frankfurt hatte mit Adalbert Seitz einen interessierten Unterstützer der Völkerschauen. Der in 1860 geborene Insektenforscher wurde 1893 zum Direktor des Zoologischen Gartens. Auch dort wurden immer wieder Angehörige nicht-europäischer Volksgruppen ausgestellt. Frankfurt war als Standort für eine Völkerschau geradezu ideal: Eine große Stadt mit großem Zoologischen Garten und eine zentrale Lage. So kündigte die Frankfurter Zeitung 1904 an, dass im Zoologischen Garten „mehr als siebzig Personen“ aus Indien ausgestellt werden, samt Elefanten, Eseln und anderen „Haustieren“. Mit ihren „Schaustellungen fremder Volksstämme“ boten die Inder etwas ganz besonderes, unter anderem Akrobatik und Zauberkünste.

Interesse auch an der Anatomie

Hatten die Menschen ihre Verträge dann erfüllt, ging es zurück in die Heimat. „Den deutschen Behörden war wichtig, dass die Menschen dann auch wieder nach Hause fuhren. Hier in Deutschland wollte man sie vorrangig als Ausstellungsobjekt.“ Aber auch die Wissenschaft, gerade die Ethnografie, hatte Interesse an der Anatomie der „Wilden“.

Während den Zeiten der Weimarer Republik lies dann langsam das Interesse an den fremden Menschen im Gehege nach. Der Grund? Das Kino. Filme, die in anderen Ländern spielten, lösten die Schauen ab und befriedigten das Fernweh und die „Lust“ am Fremden der Zuschauer.

Darüber, wie es den Menschen ging, nachdem sie wieder zurück in ihre Heimatländer verfrachtet werden, ist heutzutage kaum etwas bekannt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare