Die Mieter des Hauses in der Kepplerstraße holten sich gestern Beratung ein, um gegen die Kündigungen vorgehen zu können.
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Die Mieter des Hauses in der Kepplerstraße holten sich gestern Beratung ein, um gegen die Kündigungen vorgehen zu können.

Zoff in der Keplerstraße

Frankfurter Mieter wehren sich gegen Rauswurf

Großer Ärger bei Anwohnern eines Wohnblocks in der Keplerstraße: Erst müssen sie sich seit geraumer Zeit ihre vier Wände mit Ratten und Mäuse teilen, jetzt droht allen gleichzeitig der Rauswurf.

Zuerst habe er versucht, es zu ignorieren, das Kratzgeräusch in der Nacht auf dem Treppenflur und an der Tür. Dann siegte bei dem 26-jährigen Anwohner im vierten Stock eines fünfstöckigen Wohnblocks in der Keplerstraße aber doch die Neugierde: „Und als ich die Tür aufgemacht habe, saß da wirklich eine dicke Ratte direkt vor mir“, berichtet der Mieter perplex, als könnte er es immer noch nicht fassen. „Da hab ich dann auch wirklich Angst bekommen und das Tier mit einem Besen verscheucht.“ Rückblickend kam der nächtliche Besuch durch das Nagetier aber nicht wirklich überraschend. Auch sein Nachbar im ersten Stock, der hier seit 14 Jahren mit seiner kleinen Familie wohnt, kennt das Problem. Bei ihm liefen die Mäuse gut sichtbar regelmäßig durch die Wohnung. „Das kennt man, seit Jahren kümmert sich eigentlich niemand so richtig um das Haus, in den oberen Etagen sind nicht einmal doppelverglaste Fenster verbaut, und unsere Brandmelder wurden nur mit doppelseitigem Klebeband aufgehängt – die stürzten natürlich sofort ab.“

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Bis Ende August alle raus

Man hatte sich schon damit abgefunden. Doch dann, im vergangenen November, der Schock: Allen zehn Mietparteien und auch den Bewohnern des zur selben Erbengemeinschaft gehörenden Hinterhauses wurde aus heiterem Himmel gekündigt, sie bekamen eine sogenannte „Verwertungskündigung“ ausgehändigt. Aufgrund des Bedarfs an „tiefgreifenden baulichen Änderungen“ würden die Mietverhältnisse zum nächsten Zeitpunkt aufgelöst, so das Schreiben. Für den 26-Jährigen im vierten Stock würde das bedeuten, Ende Mai seine Wohnung zu räumen, alle anderen Mieter müssten spätestens Ende August ausziehen.

Großer Ärger in einem Wohnblock in #Frankfurt: Erst mussten sich die Mieter ihre vier Wände mit Ratten und Mäuse teilen, jetzt droht allen der Rauswurf. Wie kam es dazu?

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„Ein solches Vorgehen ist leider wirklich symptomatisch für die großen Immobilienbesitzer in den Ballungsgebieten geworden“, kommentiert das Michael Bödecker von der Nachbarschaftsinitiative Nordend, Bornheim und Ostend (NBO). „Erst werden die Mieter mit rechtlich zwielichtigen Kündigungen aus den lange Zeit vernachlässigten Gebäuden hinausgeworfen. Dann wird das Gebäude grundsaniert und teuer weitervermietet oder in Wohnungen aufgeteilt und verkauft.“ Gentrifizierung hieße wohl auch hier das Stichwort, so Thomas Heinzelmann-Ekoos, ebenfalls aktiv in der NBO. Sein Wohnhaus in der Wingertstraße sollte ebenfalls luxuriös saniert werden. Natürlich ohne die alten Mieter darin, die ja hinterher Anspruch auf ähnliche Mieten hätten.

Alternativen

„Wehren kann man sich da einfach nur auf zwei Wegen“, weiß Heinzelmann-Ekoos aus eigener Erfahrung. „In unserem Fall hatte der lautstarke und öffentliche Protest die Medien auf den Plan gerufen, das hat dann im Endeffekt die Investoren vergrault.“ Der andere Weg ist der juristische. Hoffnung schürt in dieser Hinsicht bei den Anwohnern in der Keplerstraße die erste grobe Einschätzung der Lage durch Sieghard Pawlik (SPD), Stadtverordneter und Vorsitzender des Mieterbundes „Höchster Wohnen“. „Eigentlich müsste der Bedarf nach Sanierung noch schwerwiegender sein, als in der Anlage zur Kündigung formuliert“, sagte Pawlik. Aber zunächst einmal, so die Empfehlung des Stadtverordneten, sollten die Mieter aus den Häusern vereint auftreten, Informationsstellen für den Mieterschutz aufsuchen und mit Hilfe der Solidarität ebenfalls Betroffener öffentlich gegen das „unsoziale“ Vorgehen der Eigentümer protestieren.

(wib)

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