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Weit entfernt scheinen die auf Hochglanz polierten Glasfassaden der Bankentürme, deren Silhouetten nur schemenhaft von der Nordweststadt aus zu erkennen sind. Dabei sind die Wolkenkratzer der Mainmetropole gerade einmal acht Kilometer entfernt.

Stadtteil-Serie (Teil 19)

Frankfurter Nordweststadt: Die Trabantenstadt

In unserer Stadtteil-Serie haben wir in dieser Woche die Nordweststadt unter die Lupe genommen. Das neue Quartier sollte die Wohnungsnot mildern. Eine Fotoreportage.

Wie sich doch die Zeiten gleichen: Ebenso wie aktuell gab es in Frankfurt in den 1950er Jahren viel zu wenig Wohnraum. Deshalb stimmten die Stadtverordneten, dem Vorschlag der beiden großen Wohnungsbaugesellschaften Nassauische Heimstätte und Gewobag zu, zwischen Niederursel, Heddernheim und Praunheim eine Großsiedlung zu bauen. Schon damals waren Anrainer und Landwirte von den Frankfurter Expansionsplänen wenig begeistert.

Das 170 Hektar große Stadtviertel für 25 000 Bewohner wurde vom Stadtplaner Hans Kampffmeyer erdacht und von den Architekten Walter Schwagenscheidt und Tassilo Sittmann umgesetzt. Die Trabantenstadt wurde am Reißbrett entworfen – das ist überall zu sehen: Die neuartige Raumstadt mit viel Platz und Grün zwischen den Häusern besteht überwiegend aus Gebäudegruppen mit Zeilenbauten, Hochhäusern und Reihenhäusern, die konsequent rechtwinklig ausgerichtet sind. Das städtebauliche Konzept berücksichtigt die vorgegebene Lage der überörtlichen Straßen und des Stadtteilzentrums.

Der Entwurf von Schwagenscheidt erhielt seinerzeit für die Entwicklung der geplanten 7500 Wohnungen viel Anerkennung. Sein Ziel war es, die Frankfurter Bevölkerungsstruktur zu spiegeln und eine entsprechende sozial gemischte Bewohnerschaft zu erreichen. Die Nordweststadt war auch zunächst auf einem guten Weg. Neben Kindergärten und Schulen blühte im neuen Stadtteil das Gewerbe: Bäcker, Metzger, Feinkostgeschäfte, Supermärkte und Wäschereien – sie alle waren im Quartier vertreten. Das 1968 eröffnete Nordwestzentrum schien zunächst eine Bereicherung für das Quartier und seine Bewohner zu sein – für die Einzelhändler jedoch nicht. Denn mit zunehmender Beliebtheit des

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s mussten fast alle die Segel streichen. Auch das mittlerweile abgerissene Ladenzentrum am Hammarskjöldring konnte sich nicht halten.

Parallel zum großen Ladensterben änderte sich dann auch die Bevölkerungsstruktur. Die Erstbewohner wurden alt und starben. Deren Kinder zogen weg und junge ausländische Familien siedelten sich in den 1980er Jahren an. Heute haben mehr als 50 Prozent der Menschen in der Nordweststadt einen Migrationshintergrund. FNP-Reporter Michael Faust hat sich umgesehen.

Weit entfernt von der Nordweststadt scheinen die Glasfassaden der Bankentürme zu sein. Nur schemenhaft sind sie zu erkennen. Dabei sind die Wolkenkratzer in der Innenstadt gerade mal acht Kilometer entfernt. Das Leben in der Trabantenstadt ist trotzdem kaum mit dem anderer Stadtteile zu vergleichen – hier prallen Gegensätze aufeinander: Betonklötze neben Grünflächen. Und eingeplante Freiflächen durchziehen die Betonwüste wie ein Netz – und das weckt Begehrlichkeiten. Das Wort Nachverdichtung ist schon seit geraumer Zeit im Stadtteil im Gespräch.

Der Schwarze Platz – ein ehemaliger Hubschrauberlandeplatz – ist bei gutem Wetter fest in der Hand von Skatern, Basketballern und Fußballspielern. Der kleine Park ist gepflegt und ein Anziehungspunkt für junge Familien wie Michael K. mit Sohn Samuel (im Bild). „Wir wohnen eigentlich in Eschersheim, aber meinem Sohn gefällt es hier sehr gut. Wir kommen regelmäßig hier her.“

Rund 260 000 Bade- und Saunagäste besuchen jährlich die Titus Thermen. Damit ist es eines der beliebtesten Bäder in Frankfurt. Neben diversen Becken besitzt die zu den BäderBetriebe Frankfurt gehörende Einrichtung auch Fitness-Center und Wellness-Oase. Zudem finden regelmäßig Sonderveranstaltungen statt, etwa illuminierte Unterwasserkonzerte in Kooperation mit der Alten Oper.

Die grüne Lunge der Nordweststadt ist der Martin-Luther-King-Park. Das von amerikanischen Soldaten mit erbaute Naherholungsgebiet eröffnete im Jahr 1971. Neben großen Freiflächen gibt es auch einen Fitnessparcours und einen kleinen Weiher, der in einer ehemaligen Tongrube liegt. Selbst die mittlerweile selten gewordenen Stockenten fühlen sich hier wohl und schwimmen ihre Runden.

Reste von zwei römischen Töpferöfen wurden 1972 südlich der Titusbrücke entdeckt. Der historisch bedeutsame Fund wird heute in einem Häuschen geschützt, das Archäologische Museum bietet Führungen an. Die Töpferwerkstatt gehörte einst zu der Siedlung Nida, die Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus der Hauptort des Bezirks Wetterau war. Neben der Handwerkskunst gab es dort auch regen Handel – sogar eine Straße führte damals zum Limeskastell Saalburg.

Geschäftlicher Dreh- und Angelpunkt im Quartier ist das Nordwestzentrum mit dem umgebenden Erich-Ollenhauer-Ring. Das multifunktionale Stadtteilzentrum eröffnete 1968 – der

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beherbergt aber auch soziale Einrichtungen wie Saalbau oder katholische Familienbildung. 150 Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe ziehen täglich bis zu 45 000 Besucher an. Allerdings nicht überall stieß die Eröffnung des Nordwestzentrum auf Begeisterung: Der Einzelhandel – nicht nur in der Nordweststadt – musste teils erhebliche Umsatzeinbußen hinnehmen, die vielfach zu Geschäftsaufgaben führten.

Für viele Anwohner ist das „Kleine Zentrum“ in der Thomas-Mann-Straße die einzige Alternative zum Einkaufen im Nordwestzentrum. Eröffnet wurde es im Jahr 1960. Doch die Bausubstanz ist marode und der Leerstand hoch. Der Verein Brücke 71 hat sich jedoch zum Ziel gesetzt, das Kleine Zentrum wiederzubeleben.

Die Wohnqualität in der Nordweststadt hängt stark vom Standort ab. Das Hochhaus in der Thomas-Mann-Straße 18 ist das höchste im ganzen Stadtteil – es hat 18 Stockwerke und misst rund 72 Meter. Bezogen wurde das Gebäude im Jahr 1968. Ursprünglich für Kriegswitwen errichtet, besitzt es lediglich Ein- bis Zwei-Zimmer-Apartments. Eine ausgewogene soziale Mischung ist bei dieser Konzeption nicht umsetzbar. Das Viertel rund um das Hochhaus und die Thomas-Mann-Straße ist vor allem wegen Drogenkriminalität häufiger in den Schlagzeilen.

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