Eine Pflegerin geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.
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Eine Pflegerin geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.

Impfen

Frankfurter Pflegekräfte sehen sich zu Unrecht am Pranger

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Eben noch Corona-Helden, jetzt in der Kritik: Pflegekräfte. Umfragen zufolge will sich die Hälfte nicht impfen lassen. In Frankfurt sieht das anders aus.

Umfragen zufolge soll die Hälfte der Pflegekräfte in Deutschland nicht bereit sein, sich gegen Corona impfen zu lassen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) brachte gar eine Impfpflicht ins Gespräch und erntete dafür Kritik. Das Problem in Frankfurt indes scheint nicht die mangelnde Impfbereitschaft zu sein, sondern das mangelnde Vakzin.

"Wir haben bei uns im Haus eine Umfrage gestartet", sagt Mathias Rosenberger, Leiter des Johanna-Kirchner-Altenhilfezentrums der Arbeiterwohlfahrt (Awo). 120 Pflegekräfte beschäftigt er. "Die Hälfte hat schon zugesagt, sich impfen zu lassen, und nur elf haben bislang abgelehnt." Die Umfrage läuft noch.

"Ich würde mir eine 100-Prozent-Abdeckung wünschen, aber mit den beim Ausbruch im Herbst positiv getesteten Mitarbeitern, die ja ein halbes Jahr lang als immun gelten, kämen wir schon auf eine gute Herdenimmunität", sagt Rosenberger.

In den vergangenen zwei Wochen wurden in Frankfurt mehr als 5000 Menschen geimpft, davon rund 2000 in Pflegeheimen und 3000 in Kliniken. Der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, Prof. René Gottschalk, bezeichnet die Bereitschaft der Pflegekräfte, sich impfen zu lassen, als "erfreulich hoch".

Ute Bychowski, Pflegeleiterin beim Frankfurter Verband, weiß, dass die Impfbereitschaft der Pflegekräfte in den drei Heimen des Verbands unterschiedlich hoch ist. "Ich würde das jetzt auch mal abwarten", sagt sie, "momentan gibt es ja noch gar nicht genug Impfstoff." Bychowski befürchtet, dass der Druck, der aktuell gegenüber vermeintlich impfunwilligen Pflegekräften aufgebaut wird, einen gegenteiligen Effekt haben könnte. "Eben waren sie noch Corona-Helden, jetzt gelten sie als verantwortungslos. Das geht doch nicht." Sie schlägt der Politik vor, erst mal für genug Impfstoff zu sorgen, so dass wirklich jeder geimpft werden könne, der will. "Und dann werden wir sehen, wo die Pflegekräfte stehen." Ihre Mitarbeiter seien in den vergangenen Monaten an die Grenzen ihrer Kräfte gegangen, um die Bewohner gut zu versorgen. Da müsse man ihnen auch mit Respekt begegnen.

Ursula Poletti, Direktorin des St. Katharinen- und Weißfrauenstifts, berichtet von einer "sehr hohen Bereitschaft" der Pflegekräfte. "Wir sind froh, wenn wenigstens alle die erste der beiden Impfungen erhalten haben."

Noch keinen Überblick hat Gerhard Eiselen, beim Caritasverband Abteilungsleiter der Alten- und Krankenhilfe. "Wir haben ambulante und drei vollstationäre Einrichtungen und 360 Mitarbeiter. Einige konnten geimpft werden - die Bereitschaft dafür ist groß." Was Eiselen fehlt - und was er wohl auch nicht erhalten wird - ist ein Überblick, welche der Mitarbeiter sich beim Impfzentrum angemeldet haben.

Im Klinikum Höchst laufen die Umfragen noch. Bislang haben sich aber schon 70 Prozent der Mitarbeiter bereit erklärt, sich impfen zu lassen, sagte Sprecherin Petra Fleischer.

Hilke Sauthof-Schäfer, bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi im Bezirk Frankfurt zuständig für Krankenhäuser, hat bei allen Gesprächen eine große Impfbereitschaft der Mitarbeiter herausgehört. "Ich wüsste nichts von Impfskepsis. Eher im Gegenteil beschweren sich Mitarbeiter darüber, dass sie nicht drankommen." So wurden die Impfwilligen in den Krankenhäusern nach Dringlichkeit eingeordnet: Intensivstation, Notfallmedizin und Anästhesie zuerst, weil sie den dichtesten Kontakt zu den Patienten haben. "Andere beschweren sich jetzt, weil sie warten müssen", so Sauthof-Schäfer. "Aber es gibt nicht genug Vakzine. Wenn es Diskussionen unter den Pflegekräften gibt, dann nicht darüber, ob man sich impfen lässt, sondern darüber, was der Impfstoff eigentlich kann." Denn ob er eine Ansteckung verhindert oder die Weitergabe von Viren, ist noch nicht klar. Klar scheint bislang nur, dass das Impfmittel von Biontech/Pfizer eine schwere Erkrankung verhindert.

Kommentar

Erst die Hausaufgaben machen

Corona ist noch lange nicht ausgestanden. Erstens gibt es nicht genug Impfstoff für alle. Zweitens gibt es bislang keinen Impfstoff, der zuverlässig vor einer Weitergabe der Viren schützt. Drittens bleibt abzuwarten, ob ein solcher Impfstoff auch gegen die Mutationen des Corona-Erregers Sars-CoV-2 wirksam ist. Aufgabe der Politik und der Wissenschaft muss es deshalb sein, sicherzustellen, dass der Wirkstoff Ansteckungen verhindert und dass von diesem Wirkstoff genug zur Verfügung steht. Und danach, wenn also das Mittel ausreichend vorhanden ist, muss man auch über eine Impfpflicht sprechen. Söder hat da schon recht. Es gibt ja bereits eine Impfpflicht in Deutschland: In die Kita dürfen seit März 2020 nur Kinder und Erzieher, die gegen die Masern geimpft sind. Aber in Sachen Corona gibt es erst mal andere Probleme zu lösen.

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