Dass sie Brüder sind, können sie nicht verleugnen: Der HR-Moderator, Autor und Künstler Klaus (l.) und Metzgermeister und Innungs-Chef Thomas Reichert mit einem Foto ihres Vaters Willi, dem Begründer des Oktoberfests bei Haxen-Reichert.
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Dass sie Brüder sind, können sie nicht verleugnen: Der HR-Moderator, Autor und Künstler Klaus (l.) und Metzgermeister und Innungs-Chef Thomas Reichert mit einem Foto ihres Vaters Willi, dem Begründer des Oktoberfests bei Haxen-Reichert.

Packender Appell für bewussten Tierverzehr

Frankfurter Radiomoderator Klaus Reichert: "Fleisch ist mir nicht Wurst"

  • Michael Forst
    vonMichael Forst
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Der bekannte HR-Mann stammt aus einer Metzgerfamilie - und macht sich jetzt in einem Buch stark für die Familientradition und unsere Esskultur.

Frankfur -Als preisgekrönter Radiomoderator ist der aus Höchst stammende und in Friedrichsdorf lebende Klaus Reichert keiner von den Dampfplauderern mit chronisch guter Laune, sondern ein feinfühliger Moderator, der weiß, wie er seine Zuhörer bei der Stange halten kann. Das kommt ihm auch als Autor zugute: Mit "Fleisch ist mir nicht Wurst" hat er jetzt ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, in dem er autobiografische Erzählung und kritische Betrachtung eines hochaktuellen Themas geschickt verknüpft.

Auch wenn er selbst das blutige Handwerk nicht lernte - berufen, darüber zu schreiben, ist er doch: als Mitglied der Höchster Metzger-Dynastie, die der Großvater Hans 1935 in der Brüningstraße begründete und die Vater Willi als "Haxen Reichert" fortführte. Sein Sohn Thomas, der Bruder Klaus Reicherts, leitet den Betrieb mittlerweile in dritter Generation in der Fußgängerzone auf der Königsteiner Straße.

Den zur provokanten Überspitzung neigenden Präsidenten der Fleischer-Innung Frankfurt-Darmstadt-Offenbach lässt Klaus Reichert immer wieder zu Wort kommen, auch in eingeschobenen Passagen, in dem Reichert das Metzgerhandwerk und die deutsche Esskultur - mal wirtschaftlich, mal kulturhistorisch - durchleuchtet.

Sich bewusst machen, woher Fleisch kommt

Der Corona-Skandal in der Tönnies-Fabrik hat jüngst in den Blickpunkt gerückt, wie die Billigproduktion von Fleisch unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen Menschen wie Tieren schadet. Als Konsequenz fordert Klaus Reichert aber nicht den Umstieg auf vegetarische Ernährung, sondern, Fleisch beim lokalen Metzger des Vertrauens zu kaufen und seltener, aber bewusster zu genießen. Die Frage, ob es moralisch vertretbar ist, Tiere zu töten, um an ihr Fleisch zu kommen, müsse jeder für sich selbst beantworten, schreibt er, "Ich glaube, es ist Teil unserer Kultur, und ich weiß, es ist Teil meiner Natur, Fleisch zu essen." In einem aber wisse er sich mit jedem Tierethiker einig: "Wir müssen den Tieren Leid ersparen. Das gilt für ihre Aufzucht, für den Transport und auch für den Moment, wenn sie geschlachtet werden." Jedem Fleischesser empfiehlt der Autor, einmal beim Töten der Tiere dabei zu sein, um sensibilisiert zu werden für das, was der Philosoph Michael Pollan den "evolutionären Pakt" nennt: "Wir kümmern uns um die Nutztiere, und dafür essen wir sie auf." Dieses Wissen um den Ursprung des Fleisches, für das für das ein Tier sein Leben lassen muss, sei dem modernen Menschen verloren gegangen.

Das Thema Schlachtung prägt auch das erzählerische Rückgrat von "Fleisch ist mir nicht Wurst": Auf einem Schlachtfest soll Klaus Reichert nach dem Willen seines Bruders zum ersten Mal in seinem Leben ein Tier schlachten - ausgerechnet der Kinderliebling Eber Engelbert muss dran glauben. Es geht um Bruder-Rivalität und Familienehre: "Du musst zeigen, dass du ein Haxen-Reichert bist und keine kleine Medienmuschi!" Immer wieder blendet die Erzählung diese schicksalhafte Begegnung zwischen Mensch, Schwein und Bolzenschussgerät ein. Und die deftige Wortwahl ist Programm bei Klaus Reichert: Seine Sprache ist pointiert, zupackend und niemals langatmig. Das macht vor allem jene Passagen zum großen Lesevergnügen, in denen er die Geschichte seiner Metzger-Dynastie und die eigene erzählt. Dabei serviert er dem Leser keine nostalgisch schöngefärbte Version einer Kindheit und tischt ihm auch kein trautes Familienidyll auf.

Trotz des Respekts vor den unternehmerischen Leistungen von Vater und Großvater, die sich in Höchst etablierten, erfasst Klaus Reicherts Blick auch die Schattenseiten des Erfolgs - und lotet emotionale Abgründe aus. So schreibt er etwa über die stille, aber spürbare Verachtung der Großeltern für die emanzipierte Frau von Vater Willi: "Opa und Oma waren für den Moment zufrieden über die Enkel, die Schwiegertochter hassten sie heimlich weiter. In der Metzgerei Reichert war es nicht nur in den Kühlräumen eisig kalt."

Und er erweckt Szenen zum Leben wie die Ausflüge der Reichert-Buben zum Schlachthof: Klaus und Thomas sitzen im dunklen Laderaum des knallroten VW-Bulli auf halben Schweinen und purzeln bei jeder Vollbremsung des chronisch betrunkenen Metzgerlehrlings Jochen hin und her. Freilich ohne Verletzungsgefahr: "Denn die toten Schweinekörper waren weicher als jede blaue Schul-Turnmatte. Wir haben es geliebt."

Auch an seinem tiefen Bedauern darüber, den Anblick des sterbenden Großvaters im Krankenhaus nicht ertragen und die Flucht ergriffen zu haben, anstatt ihn zu umarmen, lässt Reichert den Leser eindringlich teilhaben. Überhaupt, sinniert er, sei das Mitgefühl keine Stärke seiner Familie; spürbar auch in der fehlenden Trauer um Hans Reichert: "Selbst am Tag der Beisetzung des Firmengründers blieb die Metzgerei Haxen-Reichert nur vormittags geschlossen."

Als "Hungerhaken" geschäftsschädigend

Das Verhältnis zum Vater, für den sein Laden die Welt ist und der mit den Gästen und Kunden mehr anfangen kann als mit seinen Söhnen, ist ein schwieriges. Und wenn sich der trotz bester fleischhaltiger Verpflegung dank der Model-Gene der Mutter spindeldürr gebliebene Bub im Geschäft der Kundschaft zeigt, zieht er gar den Ärger seines Vaters auf sich: Ein "Hungerhaken" als Metzgersohn sieht er als geschäftsschädigend an.

Mit dem "Showdown" des Buches schließlich, der Reise der Reichert-Brüder zum Sehnsuchtsort Helgoland mit der Urne des Vaters im Gepäck, ist Klaus Reichert ein kleines Meisterstück geglückt. Hier kommen die beiden ungleichen Brüder sich und paradoxerweise auch ihrem Vater so nah wie noch nie in ihrem Leben. Dichte Dialoge wechseln mit kluge Beobachtungen über Trauer, Tod und Totgeschwiegenes. Das ist verfilmungsreif.

"Fleisch ist mir nicht Wurst"

Das Buch ist im Verlag HarperCollins erschienen, kostet 16 Euro und hat die ISBN-Nummer 978-3-95967-369-3

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