Schuhputzer Thomas Ganick lehnt an seinem Auto, daneben sein Lasten-Fahrrad.
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Ein Mann und seine Dienstfahrzeuge: Schuhputz-Profi Thomas Ganick aus Frankfurt.

Frankfurt

Mit Berliner Schnauze, Herz und Kaschmirbürsten: Er ist Frankfurts einziger Schuhputzer

  • vonSabine Schramek
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Frankfurts einziger Schuhputzer bietet nicht nur einen eigenen Hol- und Bringdienst an, er verkauft auch Mode und Parfum. Sein Traum: ein Stand am Flughafen.

Frankfurt – Vor rund 200 Jahren hat der französische Schriftsteller Honoré de Balzac einen Satz notiert, der bis heute Gültigkeit hat: "Ein scharfer Beobachter erkennt am Zustand der Schuhe immer, mit wem er es zu tun hat". Schuhputzer Thomas Ganick macht das Beste aus allen Schuhen. Er reinigt, pflegt und poliert sie, bis sie wie neu aussehen.

Ohne Schirm, aber mit Charme und Melone fährt der Schuhputzer Thomas Ganick (57) regelmäßig durch Frankfurt, um Sneakers, Halbschuhe, Stiefel oder High Heels abzuholen und blitzeblank und glänzend wieder zurückzubringen. Oder, um Kunden auf seinen hohen bis zu 12.000 Euro teuren Stühlen, die wie Throne wirken, in der Mörfelder Landstraße Platz nehmen zu lassen, damit sie nach Verlassen des Ladens "beschwingter gehen, wa?", sagt er lachend.

Einziger Schuhputzer in Frankfurt ist gelernter Industriemechaniker

Der Beruf des "Schuhputzers" ist beim Arbeitsamt nicht bekannt. Dennoch ist er eine Kunst. Ganick hat lange schmale Finger, mit denen er Palmfett auf glatte Lederoberflächen reibt, bis es verschwunden ist. Er lässt kleine und große Bürsten über Schuhkappen fliegen und bekommt einen fast zärtlichen Blick dabei, wenn er sie bearbeitet. "Pferdeleder, das ist das dollste für Schuhe", kommentiert er ein Paar, das dunkelblau gefärbt ist. Von ihm selbst, denn er kann nicht nur Schuhe putzen.

Ursprünglich kommt Ganick aus dem Bergbau und hat dort "14-Tonnen-Dinger gefahren". Danach war er auf Montage, ist vor der Berliner Mauer "geflitzt", lernte Industriemechaniker und war irgendwann arbeitslos. Ein Kumpel aus Hamburg hatte einen "Shoe-Shine Stand am Flughafen, wollte in den Urlaub fahren und fragte mich, ob ich einspringen wollte." So kam er auf den Geschmack und machte sich in Berlin selbstständig.

Schuhputzer in Frankfurt desinfiziert Schuhe mit Ozongenerator

"In der Stadt war ich nicht glücklich und ein Rechtsanwalt aus Frankfurt, der regelmäßig zu Prozessen kam und sich von mir die Schuhe putzen ließ, erzählte 2007 von einer freien Wohnung. Zwei Wochen später bin ich eingezogen." Vor dem Schuheputzen in Frankfurt putze er Klinken. "Viele Klinken", betont er. Bei Firmen und Banken, bei Kanzleien und Praxen. Auf Messen und Kongressen baute er seinen damals einzigen Stuhl auf, polierte und schrubbte.

Er bot Kurse zum Schuheputzen an und Seminare für die perfekte Pflege. "Wegen Corona ist das alles weggefallen. Trotzdem habe ich Glück, weil Schuheputzen vielen auch dann wichtig ist, wenn es keine Veranstaltungen gibt." Die Zeit nutzt Ganick auch damit, noch mehr Schuhe in Büros und Firmen abzuholen. "Das ist wie im feinen Hotel, nur besser", meint er selbstbewusst. Er arbeitet Arbeitsschuhe auf, die - gerade von Saisonarbeitern - weiter gegeben werden. Dafür hat er einen Ozongenerator, der sie komplett desinfiziert und geruchsfrei macht. "Das funktioniert auch bei Lederjacken, die im Keller gemodert haben oder alten Stiefeln", berichtet er stolz.

Schuhputzer verkauft in Frankfurt auch Mode und Parfum

Neben Schuhen, die er selbst in Wunschfarbe lackiert und passenden Gürteln, verkauft er jetzt auch die Mode eines extravaganten Österreichers. Dazu gehören Gehröcke, Jacketts, Blusen, Kilts, Schottenröcke, Galets mit unzähligen Knöpfen und auffälligen Farben. Rettl ist seit 1868 auf Tracht spezialisiert und hat das Sortiment in elegant-frech verwandelt für Modemutige. Daneben verkauft er Parfums und alles, was man zum Schuheputzen brauchen kann. "Kaschmirbürsten sind das Highlight, aber auch Bürsten aus den Haaren vom Tibetanischen Hochlandyak sind fein." Nur bei Wasserpolitur seien Bürsten absolut tabu. Wenn er seine Finger an Glattleder arbeiten lässt und sich Kunden eine Wasserpolitur wünschen, "können sie auf der Schuhspitze die Uhrzeit auf ihrer Armbanduhr lesen", meint er lachend. "Wer einmal gesehen hat, wie viel Aufwand das ist, hält freiwillig mehr als Corona-Abstand, um ja keinen Fleck draufkommen zu lassen."

Ganick lebt seinen Traum. Beim Europa-Contest in Italien der Schuhputzer hat er die "goldene Schuhbürste" für Deutschland gewonnen. "Nur eines bekomme ich einfach nicht hin. Seit Jahren kämpfe ich vergeblich darum, meinen Service an einem guten Platz am Frankfurter Flughafen anbieten zu können. Jeder große Flughafen der Welt, der etwas auf sich gibt, bietet Schuhputzen per Hand an. In Dubai, in Singapur, in London, aber nicht in Frankfurt."

Informationen zum einzigen Schuhputzer Frankfurts mit Hol- und Bringdienst gibt es auf der Facebook-Seite Mein Schuhputzer - Thomas Ganick. (Sabine Schramek)

Der Frankfurter Thomas Faulstich wollte eigentlich Fußballprofi werden. Jetzt ist er Schuhmachermeister in Frankfurt-Niederrad und weiter über die Grenzen seines Stadtteils hinaus bekannt.

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