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Ob heute alle Kinder fröhlich mit ihren Zeugnissen wedeln wie diese hier? Sind die Noten schlecht, ist Krach zu Hause programmiert. Auch deshalb seien die beschreibenden und konstruktiven Zeugnisse besser, sagen die Lehrer an der IGS Süd in Sachsenhausen.

Bildungspolitik

Zeugnis-Rebellen: IGS Süd verzichtet seit Jahren auf Noten und alle sind zufrieden

Als das Hessische Kultusministerium im Januar grünes Licht für notenfreie Zeugnisse gab, entfachte das einen alten Glaubensstreit neu. In Sachsenhausen hat man einst subversiv Fakten geschaffen. Die dienen jetzt als gutes Beispiel.

Frankfurt - Vier Seiten liegen heute vor Henri, Martha und Katharina. Vier Seiten, auf denen die Sechstklässler der IGS Süd nachlesen können, was sie geschafft haben im vergangenen Halbjahr, was sie gut gemacht haben, worauf sie in der 7. Klasse achten sollen. "Unsere Stärken werden betont", sagt Katharina, "und es werden Punkte aufgeführt, die wir noch verbessern können." Noten gibt es zwar auch, aber im Hintergrund. Heißt: Wollen Eltern ein herkömmliches Zeugnis sehen, erhalten sie Einblick. Nur wenige, sagt Leiter Uwe Gehrmann, nähmen das Angebot wahr. Vor drei Jahren startete die Gesamtschule in der Textorstraße mit ausgefeiltem Konzept und hehrem Anspruch: Jedem Kind mit seinen Ressourcen, Neigungen und seinem Tempo gerecht zu werden. Freies Lernen und Entwicklung fördern: Darum geht es im Kern. Auch die Zeugnisse folgen einem griffigen Motto: "Nicht werten, beschreiben." Was das bedeutet, formuliert der zwölfjährige Henri so: "Ich weiß genau über mich Bescheid."

Notenfreie Schule: Eltern waren geschockt

Zum Premierenjahr meldeten auch Eltern ihre Kinder an, die von alldem nichts wussten, auch nichts von den notenfreien Zeugnissen. Manche waren geschockt. Dabei war die Schule wegen dieses damals noch subversiven Sonderwegs in aller Munde - nicht nur in Frankfurt. Besonders im eher konservativen Sachsenhausen vermuteten manche Kuschelpädagogik für Lernschwache. Martha hat das bei der Mutter einer Freundin erlebt. Als die erfuhr, dass Martha auf die IGS Süd gehen würde, sagte sie: "Warum denn? Du bist doch gar nicht dumm?"

Nun, da Martha in die 7. Klasse kommt und die Schule die 8. Stufe eröffnet, hat sich das Bild gewandelt. Schulleiter Gehrmann, der zuvor zwei Jahrzehnte lang die vor allem im links-alternativen Milieu beliebte IGS Nordend geführt hat, registriert ein stadtweit steigendes Interesse an der notenfreien und auch sonst etwas anderen Gesamtschule - auch bei vielen Schülern mit Gymnasialempfehlung.

Julia Grabensee, Elternbeirätin und als Mutter eines 13-Jährigen eine der Pionierinnen der IGS Süd, wird mittlerweile von Bekannten beneidet dafür, dass sie für ihren Sohn einen Platz auf der IGS Süd ergattert hat. Davon, wie stark ihn die Schule mache, berichtet sie, wie viel Vertrauen sie ihm in seine Fähigkeiten vermittle und wie gut er sich an dem ausführlichen Zeugnis nebst einem Beiblatt für Arbeits- und Sozialverhalten orientieren könne, um an sich zu arbeiten.

"Das motiviert mehr als eine 4", sagt auch Noch-Sechstklässlerin Martha. In vier Jahren werden sie, Henri und Katharina ihren Abschluss machen: mit Noten. Könnte es da für manches Kind ein böses Erwachen geben? Schulleiter Gehrmann glaubt das nicht. Zwar arbeite man zurzeit daran, die Zeugnisse kindgerechter zu formulieren, spätestens aber in den halbjährlich stattfindenden Lern- und Entwicklungsgesprächen erhielten Schüler und Eltern ein klares Leistungsbild.

Ob Texte aussagekräftiger sind oder Ziffern von 1 bis 6, bestimmt seit langem einen Glaubensstreit - unter Pädagogen und Politikern. Als die hessischen Grünen die reguläre Option auf notenfreie Zeugnisse in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU durchboxten, liefen manche Christdemokraten Sturm. Der habe sich gelegt, heißt es aus dem Kultusministerium.

Keine Noten für Schüler: Mehr Arbeit für Lehrer

Ab 2020 soll es losgehen. Zwei weitere Gesamtschulen Frankfurts seien interessiert, heißt es. Wer das Genehmigungsverfahren durch alle Gremien meistern will, muss ein ausgefeiltes Konzept vorlegen - und zum Mehraufwand bereit sein, sagt Elke Wagenblast, Leiterin der Römerstadt-Grundschule, die bislang zweite Frankfurter Schule ohne Noten. Dass die Textzeugnisse Lehrer zum differenzierten Blick zwingen und damit länger an den Schreibtisch, mag mancherorts die Idee im Keim ersticken. Die eloquenten Sechstklässler Henri, Martha und Katharina jedenfalls wissen die Leistung ihrer Lehrer an der IGS Süd zu schätzen: "Die haben mit den Zeugnissen viel mehr Arbeit als andere Lehrer."

"Erkenne dich selbst." Was die Griechen in ihren Tempel in Delphi meißelten, galt zwar unserer Endlichkeit, aber zur Causa Schulnoten taugt das Motto ebenso: Was außer dem diffusen Eindruck der Durchschnittlichkeit erkennt ein Schüler in einer "3" von sich selbst? Was genau lief gut? Was fiel ihm schwer? Und selbst wenn der Schüler für sich zu einem Ergebnis kommt: Kommen die Eltern zum selben? Und wie erklärt der Lehrer die Note und damit sich selbst? Es ist doch altbekannt: Wo Noten dem Vergleich zwischen Schülern dienen sollen und es gar nicht können, sind Interpretationen über den Einzelnen Tür und Tor geöffnet. Es ist deshalb gut, wenn Lehrer in Zeugnissen präzise beschreiben, wie ein Kind sich entwickelt in jeder Weise, in jede Richtung. Und es ist für alle Beteiligten hilfreich, wenn den Schülern Wege und Ziele aufgezeigt werden - in den zu den notenfreien Zeugnissen gehörenden Gesprächen mit Lehrern und Eltern. Mit Kuschelpädagogik, wie Kritiker argwöhnen, hat das nichts zu tun. Im Gegenteil: Klartext ist deutlicher und überprüfbarer als manche leichthin vergebene "2". Zu vermuten ist, dass wenige Gymnasien die vom hessischen Kultusministerium offerierte Option auf Notenfreiheit nutzen - Widerstand vieler Eltern wird befürchtet. Ein Mittelweg wäre schon vernünftig: Alle Schulen sollten zum sorgsam bedachten Blick auf Schüler und zu entsprechenden Halbjahresgesprächen angehalten sein. Nur so erhält auch eine schnöde "3" für alle nachvollziehbar Sinn und Verstand.

VON MARK OBERT

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