In Berlin

Frankfurter Schulleiterin berichtet Merkel von ihren Nöten

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50 Lehrer aus Hessen und Berlin haben sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel getroffen, um über das Thema Integration an Schulen zu sprechen. Die Initiative geht auf die Frankfurter Schulleiterin Ingrid König und einen Fernsehauftritt zurück.

Ingrid König ist eine Frau der klaren Worte. Die Leiterin der Frankfurter Berthold-Otto-Schule benennt die Probleme an ihrer Grundschule in Griesheim. Sie spricht von Brennpunkt, einem maroden Gebäude und fehlenden Lehrern. Sie erzählt von einer scheiternden Integration, von Kindern, die kein Deutsch sprechen, von Kindern aus Familien mit wenig Geld, die mit knurrendem Magen in die Schule kommen. Die Sorgen und Nöte ihrer Schüler liegen Ingrid König am Herzen. Doch jahrelang wollte dies bei der Stadt niemand hören. Überall stieß die Schulleiterin auf taube Ohren, galt bald als lästig.

Doch jetzt hat König jemanden gefunden, der ihr zuhört. Und dabei handelt es sich nicht um irgendwen, sondern um die Bundeskanzlerin höchst persönlich. Gemeinsam mit 50 Schulleitern und Lehrern aus Hessen und Berlin war König am Mittwoch im Kanzleramt, saß Seite an Seite mit Angela Merkel. Es wurde über Integration in Schulen gesprochen, über Wertvermittlung, Gewalt und Diskriminierung. Mit dabei war auch Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU), Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU), Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD), Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz (CDU), die Berliner Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) und der Präsident der Kultusministerkonferenz, Helmut Holter (Linke).

Mittendrin in der Politikerrunde war die Frankfurterin Ingrid König. Das ist nicht verwunderlich, schließlich war sie mit ihren offenen Worten der Auslöser für dieses Treffen. Im vergangenen September, zehn Tage vor der Bundestagswahl, war die Pädagogin nämlich zu Gast in der ZDF-Sendung „Klartext Frau Merkel – Bürger fragen die Bundeskanzlerin“. Dort erzählte König vor einem Millionenpublikum vom Alltag an der Berthold-Otto-Schule. Sie berichtete von Kindern, die zu Hause Gewalt erleben, die sich kaum konzentrieren können sowie von kulturellen Unterschieden. Und sie fragte die Kanzlerin, warum es unmöglich sei, bestimmte Probleme anzusprechen, ohne gleich in die rechte Ecke geschoben zu werden. Angela Merkel versicherte ihr, dass sie über Probleme sprechen dürfe und sogar müsse, sonst könne man sie nicht lösen. Sie versprach König, sie mit anderen Lehrern nach Berlin einzuladen, um die Probleme an den Schulen anzugehen.

Das Versprechen löste sie jetzt ein, nahm sich Zeit für die Lehrer. Zwei Stunden dauerte das Treffen. König durfte als Erste reden, merkte an, dass man nur integrieren könne, wenn ein Wille dazu da sei. Der würde aber oft fehlen. Die Bundeskanzlerin habe interessiert zugehört, habe genickt, ihr zugestimmt.

Das hat Benedikt Gehrling beobachtet. Der Leiter der Erich-Kästner-Schule in Niederursel war ebenfalls mit in Berlin. Auch einen Tag nach dem Treffen, auf dem Weg zurück nach Frankfurt, zeigt er sich am Telefon beeindruckt von der Zusammenkunft. „Die Kanzlerin hat sich wirklich für unsere Probleme interessiert“, sagt er. „Sie war uns zugewandt, hat zugehört, nachgefragt und die Probleme erkannt.“ Und Probleme, die würde es zuhauf geben. Die Bundeskanzlerin aber habe erkannt, dass Schulleiter und Lehrer das Thema Integration nicht alleine schultern können, sie hätte von mehr Sozialpädagogen an den Schulen gesprochen.

Man hätte mit der Kanzlerin aber auch über den Umgang mit der Schulpflicht gesprochen. „Wenn zu uns in die Schule ein Kind aus Rumänien kommt, hat es zuvor oft keine Bildung erfahren, keine Schule besucht“, erzählt Gehrling. „Das will die Kanzlerin nun auf europäischer Ebene ansprechen.“ Aber auch in Deutschland soll die Schulpflicht wieder stärker überwacht werden. Es gebe Überlegungen, die Nichteinhaltung mit Sanktionen zu verbinden. „Wir haben darüber gesprochen, dass den Eltern möglicherweise das Kindergeld gestrichen wird, wenn die Kinder nicht regelmäßig in die Schule geschickt werden“, sagt Gehrling. „Das sind dicke Bretter, die gebohrt werden müssen. Aber die Politik hat das Problem erkannt.“

Neben der Kanzlerin hat den Schulleiter aber auch Familienministerin Giffey beeindruckt. Als ehemalige Bezirksbürgermeisterin von Neukölln sei sie tief in dem Thema drin, wisse genau, um was es geht. Und so fuhr Gehrling mit dem Gefühl nach Hause: „Da sind Leute in der Regierung, die Lösungen für unsere Probleme finden werden.“ Aber nicht von heute auf morgen. Das weiß auch er. „Solche Dinge brauchen Zeit.“ In einem Jahr, so die Vereinbarung, wollen sich die Pädagogen abermals mit der Bundeskanzlerin treffen.

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