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Die Stadtteilhistorikerin Rosemarie Wesp nimmt den Gedenktag zum Anlass, um über die Leistikow-Fenster als letzte Spur der Nachkriegsmoderne in der Inneneinrichtung des Doms zu forschen.

Vor 65 Jahren feierlich wiedereröffnet

Wie der Frankfurter Dom seine Weite erhielt

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Vor 65 Jahren wurde der nach dem Krieg wiederaufgebaute Kaiserdom Sankt Bartholomäus feierlich eröffnet. Die künftige Stadtteilhistorikerin Rosemarie Wesp nimmt den Gedenktag zum Anlass, um über die Leistikow-Fenster als letzte Spur der Nachkriegsmoderne in der Inneneinrichtung zu forschen.

Bekanntlich war Sankt Bartholomäus nie ein Dom im Sinne einer Bischofskirche. Doch lässt sich der Kunsthistoriker und Frankfurter „Altstadtvater“ Fried Lübbecke (1883–1965) beim Anblick der wiederaufgebauten weiten Kirchenhalle zu einem Vergleich mit Köln, Reims oder Paris hinreißen: „Von heute an gehört der Frankfurter Dom zu den Kathedralen der Christenheit“, sagt er in einem Beitrag dieser Zeitung zur Einweihung am 28. November 1953, zu der der Limburger Bischof Wilhelm Kempf und der Stadtdekan Alois Eckert neben zahlreichen Stadtprominenten auch den Mainzer Bischof Albert Stohr begrüßen konnten.

Doch Lübbeckes „Erhebung“ des Kaiserdoms zur Kathedrale war nicht den hohen Kirchenvertretern geschuldet, sondern einem völlig neuen Raumeindruck: Nach dem Wiederaufbau und der neuen Innenausstattung durch Hermann Mäckler, Alois Giefer und Hans Leistikow bot sich den zahlreichen Besuchern und Ehrengästen zur Altarweihe am 28. November ein weiter, erhabener Blick durch eine lichtdurchflutete Kirchenhalle mit hellen Fenstern und weißen Wänden. „Geblieben sind davon nach der Restaurierung der 90er Jahre nur die geometrischen Fenster von Hans Leistikow, der seit den 1920er Jahren unter Ernst May arbeitete und sogar einen neuen Stadtadler gestaltete“, stellt Wesp fest.

Zwar seien 65 Jahre kein rundes Jubiläum, folglich sind auch seitens der Stadt und der katholischen Stadtkirche keine Gedenkveranstaltungen geplant. Doch dafür würdigt Wesp, die als künftige Stadtteilhistorikerin der Polytechnischen Gesellschaft über die Leistikow-Fenster in Frankfurts Gotteshäusern forscht und nach der Sanierung eines Teils der Domfenster eine Leistikow-Ausstellung im Dommuseum mit Leiterin Bettina Schmitt in der ersten Jahreshälfte 2020 plant, die Verdienste der frühen Aufbaujahre. „Gerade angesichts der rekonstruierten Altstadt lohnt der Blick in ein Stück Nachkriegsmoderne, das im Frankfurter Dom noch zu finden ist.“

Einiges wurde verbannt

Dafür wurden beim Wiederaufbau die Sänger- und Orgelempore zwischen der Turmhalle und dem Langhaus ebenso verbannt wie historische Ausmalungen von Eduard von Steinle. Dafür erhielten die Kirchenwände einen weißlichen Anstrich und helle Fenster, die zarte Farbnuancen in Grau, Türkis, Hellgelb oder Violett aufweisen. An einigen Stellen wurden Reste der neugotischen Fenster von Alexander Linnemann eingesetzt.

„Leistikow verwendet Quadrate, die sich in Anlehnung an die Trinität, in Dreiecke unterteilt immer weiter nach oben verjüngen“, beschreibt Wesp den Effekt. An einigen Stellen wurden Embleme und Wappen von Firmen und katholischen Studentenverbindungen eingesetzt, die den Wiederaufbau unterstützten. Zuvor hatte Leistikow bereits die Fenster der wiederaufgebauten Westend-Synagoge gestaltet, wo sich die Dreiecke zu Davidssternen ergänzen. Auch für die Fenster der katholischen Kirche Maria Hilf im Gallus entschied sich der Künstler und Grafiker für eine entsprechende Symbolik.

Historische Akzente

Doch zur Dom-Restaurierung anlässlich des 1200. Stadtjubiläums im Jahr 1994 wollte man historische Akzente setzen: Die weißen Wände wurden nach originalen Befunden in einem dunklen Rot mit weißer Fugenmalerei gefasst, freigelegte Malereien von Steinle mit Szenen von Otto dem Großen und Bernard von Clairvaux im südlichen Querhaus restauriert. „Doch die Leistikow-Fenster wurden in der Wahlkapelle durch andere moderne Fenster von Johannes Schreiter ersetzt“, wundert sich Wesp. „Immerhin wurden im vierten Stock des Hauses am Dom seine ehemaligen Fenster aus der Wahlkapelle verbaut.“ „Doch Teile der Fenster sind damals auch abhanden gekommen“, erinnert sich der langjährige frühere Direktor des Dommuseums August Heuser.

Ansonsten habe man der Kapelle mit Fenstern von Schreiter eine größere Festlichkeit geben wollen. Die weißen Wände seien für das Denkmalamt problematisch gewesen, da sie eben nicht die ursprüngliche Farbigkeit des Doms widergaben. Das sah Lübbecke 1953 anders, der für den weiten Blick Goethe bemühte. Den soll es ja auch nach „mehr Licht“ verlangt haben.

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