16 000 gegen Pegida

Frankfurter setzten ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit

100 Pegida-Anhänger, 4500 Gegendemonstranten und eine Kundgebung gegen Fremdenfeindlichkeit mit 12 000 Teilnehmern. Die Polizei musste sich gestern mächtig anstrengen, um in der Innenstadt den Überblick zu behalten. Autonome Aktivisten nutzen die Lage aus, um Krawall zu machen. Es gab mehrere Verletzte.

Von Christian Scheh, Thomas J. Schmidt und Sven Weidlich

Die Kundgebung der islamfeindlichen Initiative Pegida Frankfurt/Rhein-Main hat noch gar nicht begonnen, da kommt es auf dem Friedrich-Stoltze-Platz schon zu Ausschreitungen. An der Passage, durch die die Polizei Pegida-Anhänger zum abgesperrten Versammlungsort an der Katharinenkirche schleust, gehen Gegendemonstranten auf Beamte los. Glasflaschen fliegen durch die Luft und zerschellen auf dem Boden. Ein Riesenböller geht hoch. Vermummte Aktivisten greifen sich die Stühle vor einem Café und schleudern sie in Richtung der Polizisten. Diese setzen Pfefferspray und Schlagstöcke ein, um die Angreifer zurückzudrängen.

Es war die erste, aber nicht die einzige hässliche Szene, zu der es gestern in der Frankfurter Innenstadt kam. Während eine mit 12 000 Teilnehmern riesige Kundgebung vor dem Rathaus völlig friedlich verlief, drohte die Situation bei der Pegida-Demonstration zeitweise zu eskalieren. Außer 100 Pegida Anhängern waren 4 500 Gegendemonstranten erschienen, um den islamfeindlichen „Spaziergang“ von Pegida zu verhindern. Linksradikale Gruppen, unter ihnen auch die Autonome Antifa, hatten dazu aufgerufen.

Unter den Gegendemonstranten waren auch „erlebnisorientierte“ Aktivisten, die offenkundig Auseinandersetzungen mit der Polizei und Vertretern der rechtsextremen Szene suchten. Aus der Menge wurden immer wieder Pyrotechnik, Flaschen und Eier auf die Pegida-Anhänger geworfen. Die Polizei forderte die teils vermummten Autonomen über Lautsprecher auf, keine Menschen in Gefahr zu bringen. Nach dem Ende der Kundgebung spielten die Krawallmacher in der Innenstadt „Katz-und-Maus“ mit der Polizei. Immer wieder flogen Böller. Ein Polizeisprecher sprach am Abend von mehreren Verletzten auf beiden Seiten.

Die Stimmung war während der ganzen Pegida-Kundgebung an der Katharinenkirche aufgeheizt. „Haut, haut ab!“ und „Nazis raus, Nazis raus!“, skandierten die Gegendemonstranten. Pegida gab sich europäisch, schwenkte außer Deutschland-Fahnen auch solche aus Frankreich, Österreich oder der Schweiz. Unter den Rednern war auch die Anmelderin Heidi Mund. Sie erklärte, dass „Meinungsfreiheit zur Mutprobe geworden“ sei und kritisierte die Böllerwürfe. „Das ist blamabel, hier sind ältere Leute“, rief sie den Gegendemonstranten zu. Diese schrien „Buh! und „Verpisst Euch!“ Die Geräuschkulisse war gewaltig, Mund und die anderen Redner waren zeitweise kaum zu verstehen. Den Plan, einen „Spaziergang“ durch die Innenstadt zu machen, verwarf die Anmelderin schließlich. Allerdings kündigte sie für den kommenden Montag eine weitere Kundgebung am selben Ort an.

Nach dem Ende der Versammlung mussten die Pegida-Anhänger angesichts der aufgebrachten Gegendemonstranten noch geraume Zeit an der Katharinenkirche ausharren. Schließlich gelang es der Polizei, ihnen unter anderem über die B-Ebene der Hauptwache einen Fluchtweg zu eröffnen. Brenzlig wurde es noch einmal, als sich Polizisten im „Krater“ an der Hauptwache postierten, um die Zuwege zur B-Ebene zu sichern. An den erhöhten Geländern ringsum standen unzählige Autonome, die vereinzelt auch Pyrotechnik hinabschleuderten.

Vergleichsweise friedlich verlief die Kundgebung des Römerberg-Bündnisses. Dazu aufgerufen hatten mehr als 200 Organisationen – von der Industrie- und Handelskammer über Gewerkschaften, den Stadtjugendring, Kirchen bis zum Magistrat. Das Motto der Veranstaltung auf dem vollends gefüllten Römerberg lautete „Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit“. Zu den Rednern zählten der OB Peter Feldmann (SPD) und der Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler (CDU). Feldmann sagte: „Der Hass hat das Gegenteil erreicht. ,Je suis Charlie‘, heißt es weltweit. Wir stehen zusammen für Demokratie und Mitmenschlichkeit.“ Die Kundgebung mit 12 000 Menschen war die größte, die das Römerberg-Bündnis je organisiert hatte. Feldmann betonte: „Wir sind das wahre Gesicht der Stadt. Frankfurt hat für vieles Platz, aber nicht für Rassismus.“

Stephan Siegler versuchte in seiner kurzen Ansprache, den Ruf „Wir sind das Volk“ als Sprechchor zu initiieren, „so laut, dass man es bis zur Hauptwache hört!“ Er brachte seinen Ärger darüber zum Ausdruck, dass die Pegida-Demonstranten in Dresden den Ruf der mutigen Bürgerbewegung aus dem Jahr 1989 aufnehmen. Auf dem Römerberg waren viele Fahnen von Parteien zu sehen, doch auch solche gegen den Flughafenausbau. Am Rathaus lehnten Transparente: „Nie wieder Faschismus!“ Einige Demonstranten hatten selbstgemalte Plakate dabei.

Von der Bühne vor dem Rathaus herab sprachen unter anderem die evangelische Pröpstin Gabriele Scherle, die das Römerberg-Bündnis vertrat; der Flüchtling Abdul Aziz aus Ghana, der die Abschaffung der Grenzen forderte; Selcuk Dogruer vom Rat der Religionen und die Integrationsdezernentin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne). Außer vorm Römer drängten sich auch auf dem Paulsplatz und in den Seitenstraßen Tausende Menschen.

Die Frankfurter Polizei begleitete die Kundgebungen in der City mit einem Aufgebot von mehreren Hundert Beamten. Außer Einsatzkräften der hessischen Bereitschaftspolizei waren auch Beamte aus Rheinland-Pfalz zur Unterstützung herbeigerufen worden.

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