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2005 ? OB Petra Roth und Commerzbank-Vorstand Klaus-Peter Müller in der neuen Arena.

Vom Waldstadion zur Commerzbank-Arena

Frankfurter Stadion: Anpfiff vor 90 Jahren

Hier vergießen Eintracht-Fans Tränen der Freude und Trauer. Hier boxte sich der große Muhammad Ali durch. Hier steigen gigantische Rockkonzerte. Hier sind alle Frankfurter irgendwie zu Hause – seit 90 Jahren. Die Geschichte unseres Stadions im Stadtwald.

Von Kim Herschmann (pia)

Es war 1897, als in Frankfurt das erste Mal der Wunsch aufkam, hier die Olympischen Spiele austragen zu lassen – was fehlte, war eine Sporthalle, die den Sportlern und Zuschauern gerecht wurde. Die Olympischen Spiele kamen zwar nicht nach Frankfurt, doch ein anderes Projekt wurde ein paar Jahre später aus der Taufe gehoben: Der Bau des Waldstadions.

Nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Vereinssport Hochkonjunktur. Ob Schwimmen, Turnen, Boxen oder selbst Skifahren auf dem Trockenen: Frankfurt war eine Sportstadt. Am 21. Mai, an Christi Himmelfahrt vor 90 Jahren, ging es dann im Stadtwald los: Die heutige Commerzbank-Arena, damals noch Waldstadion, wurde feierlich eröffnet.

Bis es allerdings so weit war, gab es viele Rückschläge, unter anderem auch Baustopps. Die Bevölkerung hatte mit den Folgen des Krieges zu kämpfen, und auch die Inflation machte es schwer, den Plan für das Waldstadion aufrecht zu erhalten. Ende 1923 kam der versprochene finanzielle Zuschuss für den Bau aus Berlin: 20 Millionen Mark. Dank der Inflation reichte das Geld jedoch nur, um eine Diskusscheibe und ein Maßband zu bezahlen. Die Frankfurter gaben nicht auf: Zur Eröffnung waren 30 000 Besucher gekommen, und bei strahlendem Sonnenschein jubelten sie den 15 000 Sportlern zu, die durch das Stadion zogen. Der damalige Bürgermeister Frankfurts, Ludwig Landmann, übergab die Stätte ihrer Bestimmung.

Im Juli 1925 ging es bereits sportlich los, mit der „Ersten Arbeiter-Olympiade“. Es maßen sich Teilnehmer aus zwölf Nationen bei einem internationalen Wettkampf. Im Waldstadion tat sich fortan viel, nicht nur auf der Hauptkampfbahn, sondern auch im Schwimmbad, auf der Tennisanlage, im Radstadion und in der Wintersporthalle. Ob Motorrad- oder Leichtathletik-Länderkämpfe, der Europacup der Frauen in der Leichtathletik 1981, American Football, Pokalendspiele im Fußball oder Lauf-Wettbewerbe. Zu den Höhepunkten der Leichtathletik gehört noch immer der Auftritt von Rudolf Harbig. Am 12. August 1939 stellte er in 46 Sekunden einen neuen Weltrekord im Lauf über 400 Meter auf. Zwei Wochen später brach der Zweite Weltkrieg aus. Der große Sportler Harbig starb 1944 an der Ostfront.

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Meisterliche Faustschläge

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Am 28. September 1947 waren 40 000 Zuschauer gekommen, um Max Schmeling boxen zu sehen. Die Masse war außer sich, als er die Arena betrat – viele der 19 000 Sitzplätze brachen zusammen, und nur unter Begleitung von der Militärpolizei schaffte es Schmeling in den Ring. Sein Gegner war der 16 Jahre jüngere Werner Vollmer aus Magdeburg, Schmeling wurde an diesem Tag 42 Jahre alt. In der siebten Runde ging Werner Vollmer k.o. Und während Schmeling noch als der große Favorit vom Publikum gefeiert wurde, war dies später im Kampf Muhammad Ali, damals noch Cassius Clay, gegen Karl Mildenberg genau umgekehrt der Fall. Als Clay ins Waldstadion kam, traute das Publikum seinem Herausforderer kaum zu, die dritte Runde zu erreichen. Am Ende schaffte Mildenberg zwölf Gongs und wurde trotz Niederlage wie ein Held gefeiert. Das war am 10. September 1966, und erst massive Kopftreffer Alis brachten den Ringrichter dazu, den Kampf abzubrechen.

Heute wird das Waldstadion vor allem mit einer Mannschaft verbunden: Eintracht Frankfurt. Aber Fußball wurde dort bereits 1925 gespielt – ohne die Adler, dafür mit dem FSV. Am 7. Juni 1925 wurde auf dem Rasen des Stadions das Finale um die deutsche Meisterschaft ausgetragen. Der 1. FC Nürnberg besiegte den FSV mit 1:0.

Der große Andrang der Fans, der von Beginn an im Waldstadion herrschte, hatte auch seine Schattenseiten. Zum Spiel der Eintracht gegen den Kaiserslautern am 17. Mai 1953 verkauften die Adler 68 000 Eintrittskarten – das Stadion war allerdings nur für 55 000 Personen konzipiert. Immer mehr Fans drängten in Richtung Rasen. Die Folgen waren 200 Verletzte. Nach diesem Spiel fiel der Entschluss: Das Stadion wurde umgebaut. Für 1,6 Millionen Mark wurde die Zuschauerkapazität auf 87 000 erhöht. Diese wurde später auf 81 000 korrigiert. Am 14. Mai 1955 kickten dort zum ersten Mal wieder Spieler – eine Stadtauswahl gegen die Nationalelf aus Irland. Das Finale zur deutschen Fußballmeisterschaft 1959 gegen die Kickers Offenbach konnte die Eintracht nicht in ihrer Heimstätte austragen: Die Adler gewannen in Berlin ihren bisher einzigen Meistertitel.

Es folgten Spiele im Europapokal, die im Waldstadion ausgetragen wurden, sowie die Austragung der Fußball Weltmeisterschaft 1974 mit der feierlichen Eröffnung in Frankfurt. Am 13. Juni 1974 sahen 60 000 Zuschauer das Spiel Brasilien gegen Jugoslawien. Was aber den meisten Fußballfans im Gedächtnis geblieben sein dürfte, ist nicht nur der Gewinn der Weltmeisterschaft im eigenen Land, sondern auch die als „Wasserschlacht von Frankfurt“ bekannt gewordene Partie Deutschlands gegen Polen am 3. Juli 1974. Es war das letzte Zwischenrundenspiel der Gruppe B. Deutschland reichte ein Unentschieden, Polen brauchte den Sieg, um weiterzukommen. Kurz vor dem Spiel hatte es dermaßen geregnet, dass der Platz unbespielbar war. Aufgrund des knappen Zeitplans wurde die Partie dennoch angepfiffen. Obwohl die Feuerwehr das Spielfeld mit Pumpen und Walzen von einigen Wassermassen befreit hatte, war der Spielverlauf eher zäh. Nach einem verschossenen Elfmeter von Uli Hoeneß in der 53. Minute sorgte Gerd Müller in der 76. Minute mit seinem 1:0 für den Befreiungsschlag und für den Finaleinzug des späteren Weltmeisters. Zu den Mitspielern gehörten die Eintrachtler wie Bernd Hölzenbein und Jürgen Grabowski. Danach wurde im Waldstadion eine Drainage mit Rasenheizung eingebaut.

Auf und ab ging es bei der Eintracht seit ihrem Bestehen immer wieder: Bis 2011 stieg der Verein viermal in die Zweite Liga ab, um seit 2012 wieder in Deutschlands höchster Spielklasse mitzuspielen. Aber auch den Frauen gehört in Frankfurt der Rasen: 2002 fand im Waldstadion das erste Finale des Uefa-Womenscup statt: 1. FFC Frankfurt gegen Umeå IK aus Schweden. Frankfurt gewann das Spiel 2:0. Neun Jahre später kam dann die Frauenfußball-Weltmeisterschaft an den Main und damit auch in die Arena. Mehr als 48 000 Menschen sahen das Finalspiel Japan gegen die USA. Trotz des frühen Ausscheidens der Deutschen sind wohl vielen Fußballfreunden die große Festmeile am Main und die stimmungsgeladenen Spiele im Gedächtnis geblieben.

In den 1980er Jahren wurde die Nutzung des Waldstadions immer vielfältiger. 1983 war Frankfurt Gastgeber der Eröffnungs- und Abschlussfeier des Deutschen Turnfestes, 1987 wurde im Waldstadion der Abschluss des evangelischen Kirchentags gefeiert. Zugleich war die Zeit der großen Open-Air-Konzerte gekommen. Bereits 1970 wurde auf der Radrennbahn der „Rock Circus“ ausgetragen, das erste international besetzte Musikfestival in Deutschland. Mit dabei waren unter anderem die „Byrds“, „Deep Purple“, Chuck Berry und „Black Sabbath“. Nachdem 1983 „Supertramp“ ihre Aufwartung machten, folgten 1987 Madonna, 1988 Bruce Springsteen, 1990 die „Rolling Stones“ und auch Tina Turner. In den 90er Jahren gingen die großen Konzerte im Waldstadion weiter – ob Marius Müller Westernhagen, Jon Bon Jovi oder die „Dire Straits“. Bis heute zieht die Arena Konzerte und Großveranstaltungen an. So gibt sich im Juli 2015 der „Panikrocker“ Udo Lindenberg dort die Ehre. Im nächsten Teil lesen Sie: "

Kampf ums Ei

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Seit dem 1. Juni 2005 wurde von der Stadt Frankfurt als Stadioneigentümerin ein neues Konsortium als Betreiber und Vermarkter des Waldstadions eingesetzt. Das neue Waldstadion wurde zum 31. Mai 2005 fertiggestellt, im Februar hatte die Commerzbank für zehn Jahre die Namensrechte am Stadion erworben. Den Vertrag hat die Bank inzwischen bis 2020 verlängert. Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006 wurde das Stadion zwischen 2002 und 2005 als reines Fußballstadion ohne Leichtathletikanlage neu errichtet. Ein neues Kapitel in der Geschichte des Waldstadions, das von nun an Commerzbank-Arena heißt, hatte begonnen – es ist das vierte Stadion an gleicher Stelle.

Das Schwimmbad, die Wintersportanlage und die Tennisplätze sind noch immer vorhanden, die Radrennbahn gibt es nicht mehr. Die Arena hat 51 500 Zuschauerplätze unter dem 37 500 Quadratmeter großen Zeltdach, verteilt auf mehrere Tribünen. Mit dem Confederations Cup Deutschland gegen Australien wurde die Commerzbank-Arena offiziell eröffnet.

1991 bis 2007 kam im ehemaligen Waldstadion zudem noch American Football hinzu, 2008 bis 2010 wurde der German Bowl dort ausgetragen. 2007 wurde zudem die „Kirche in der Arena“ eingeweiht, eine Andachtsstätte für Fans, Trainer und Sportler. Im selben Jahr bekam im Erdgeschoss der Haupttribüne auch das Eintracht Frankfurt Museum seinen Platz. Viele Menschen brachte dann 2009 das Internationale Deutsche Turnfest auf die Ränge und den Rasen und 2009 kam sogar der Dalai Lama für vier Tage in die Commerzbank-Arena.

Auch Musiker zogen weiter ihre Fans in die Arena: Ob Herbert Grönemeyer, die Rolling Stones, Depeche Mode, Bruce Springsteen oder Genesis. Die Musik und die Parties in der Commerzbank-Arena haben langsam Tradition. Am 4. Juli dieses Jahres wird dort eine 90er-Jahre-Party veranstaltet, und zuvor, vom 5. bis 7. Juni, bringt der „World Club Dome“ Citybeats und Elektromusik an den Main. Mit dabei sind weltbekannte Musiker und DJs wie Avicii, Faithless und David Guetta. Eins dürfte jedenfalls klar sein: Die Geschichte des ehemaligen Waldstadions bleibt spannend. Und vielleicht kommen ja doch noch irgendwann die Olympischen Spiele an den Main.

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