1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurter Stadtdekan: "Zum Reformator fehlt mir alles"

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Alexander Gottschalk

Kommentare

Der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz glaubt: Die Kirche hat mehr als ein Imageproblem.
Der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz glaubt: Die Kirche hat mehr als ein Imageproblem. © Heike Lyding

Johannes zu Eltz ist als Stadtdekan der höchste Vertreter der katholischen Kirche in Frankfurt. Zum wichtigsten christlichen Feiertag hat er mit FNP-Volontär Alexander Gottschalk über Schokoladenosterhasen, das Gute an der Kirchenkrise und den Segen für homosexuelle Paare gesprochen.

Ich habe Ihnen einen rosa Schoko-Osterhasen mitgebracht. Was sagen Sie dazu?

JOHANNES ZU ELTZ: Ich schaue prüfend auf die Marke und sehe, dass der Hase mit ökologischem Bedacht hergestellt worden ist. Ich werde ihn mit Vergnügen verzehren, versuche aber, mich bis zum Osterfest zu beherrschen.

Schokohasen, Oster-Rabattaktionen, Hasen-Kinofilme: Ist es ein Sinnbild für die Kirchenkrise, wenn das Symbole für das wichtigste christliche Fest sind?

ZU ELTZ: Langsam! Nicht jedes Phänomen der Gegenwartskultur ist ein Zeichen für den Untergang des Abendlandes. Ich bin da tiefenentspannt und kulturoptimistisch. Wir sind seit 2000 Jahren im Geschäft und immer mit der Zeit gegangen. Wenn solche Symbole nicht direkt dem widersprechen, was wir an Ostern feiern, bitte schön! Das sind Trailer für die frohe Botschaft.

Die Botschaft müsste die Menschen aber erstmal erreichen. In einem Interview haben Sie zuletzt gesagt, dass sie das nicht tut. Ist das also nur ein Marketing-Problem?

ZU ELTZ: Schön wär’s! Dann könnten wir eine Agentur heuern, einen Werbefeldzug starten und schon läuft der Laden wieder. Aber was uns herausfordert, kommt von weiter her und geht über Imageprobleme hinaus. Wir sind in Gefahr, exkulturiert zu werden. Die überkommene Gestalt der Kirche bindet Kräfte für Erhaltungsarbeiten und Verteidigungsanstrengungen, die nichts bringen. Das zwingt uns zur Beschäftigung mit Nebensachen.

Was sind denn solche Nebensachen?

ZU ELTZ: Zum Beispiel der Zölibat der Priester oder das Kirchensteuersystem. Das hat schon seine Bedeutung. Aber im Vergleich zur Gottesfrage, ob Gott überhaupt da ist, ob mit Jesus Gottes Reich kam, ob Jesus lebt und uns lebendig machen kann, sind diese Streitfragen ein Klacks. Wir sollten sie pragmatisch angehen, statt sie in den Himmel zu heben. Wenn die Leute das Gefühl haben, dass Randphänomene die Kirche definieren, dann nehmen sie uns nicht mehr ernst und haben auch recht damit.

Kirche ist also zu sehr mit Kirche beschäftigt und zu wenig mit Glauben?

ZU ELTZ: Ja, leider. Aber ich will das nicht als Vorwurf an meine Kirche formulieren. Ich bin ja selber ein Rädchen im Getriebe. Das ist die Stärke und zugleich das Verhängnis von Institutionen, dass sie in Krisen ihre Kräfte bündeln und sich auf den Selbsterhalt konzentrieren. Das hat etwas Tragisches.

Es gab schonmal jemanden, der gefordert hat, sich mehr auf das Evangelium zu konzentrieren. Martin Luther. Wollen Sie ein Reformator sein?

ZU ELTZ: Nein, gar nicht. Luther war der festen Überzeugung, dass er Gottes Wort besser versteht als Papst und Bischöfe. Diese Ich-Stärke und die Gewissheit, ein Gesandter Gottes zu sein, gehen mir total ab. Zum Reformator fehlt mir alles. Aber ich bin in meinen Frankfurter Jahren schon noch überzeugter geworden, dass sich in der Kirche vieles ändern muss, damit das Wesentliche erhalten bleibt.

Das Wesentliche zu Ostern, Passion und Auferstehung Christi, kennen viele gar nicht mehr. Wo wirkt Ostern denn unmittelbar darüber hinaus?

ZU ELTZ: Einfaches Beispiel: Jetzt sind Osterferien. Die sind ein Vergnügen für die ganze Gesellschaft. Und alle, die sie genießen, bringen das mit Ostern in Verbindung. Eine kurze und kluge Definition von Religion heißt „Unterbrechung“. In ihrem Dienste stehen auch die Schoko-Osterhasen. Selbst wenn die schon auf den Markt geworfen werden, kaum dass der Nikolaus aus dem Regal fliegt.

Die katholische Kirche als Ruhepol?

ZU ELTZ: Gerne. Aber ich glaube, wir haben noch mehr. Wir hüten die Erinnerung, dass es Anderes gibt als das Einerlei.

Warum sollte das Osterfest 2018 überhaupt noch relevant sein?

ZU ELTZ: Weil der Weg Jesu an den Stationen vorbeiführt, wo die großen Fragen auf uns warten: Wozu bin ich hier? Halten Liebe und Treue stand? Hat Leiden einen Sinn? Hat der Tod das letzte Wort? Wir sind so geschaffen, dass wir auf die Dauer an diesen Fragen nicht vorbeikommen.

Ist das eine Chance…

ZU ELTZ: Ja, immer neu.

…um Leute zur katholischen Kirche zu locken?

ZU ELTZ: Das bringt gar nichts, die Dinge so machen, dass möglichst viele Leute in die Kirche kommen. Die würden auch bald die Absicht merken. Ohne echte, eigene Osterfreude geht es nicht. Wenn wir sie feinfühlig und feierfreudig zum Ausdruck bringen, dann werden die, die uns erleben, fragen: Nanu, was ist das denn? Was machen die da? Warum sind die so?

Das klappt nicht überall. Die Institution schrumpft, an Feiertagen sind die Kirchen aber voll. Wie kommt’s?

ZU ELTZ: In Frankfurt schrumpft die katholische Kirche nicht, weil die üblichen Faktoren, Wegzug, Kirchenaustritt und Tod, derzeit durch Taufen und Zuzug ausgeglichen werden. Auf das Bistum bezogen haben Sie Recht. Aber auch da und an gewöhnlichen Sonntagen sehe ich das Glas halbvoll. Ich wüsste keine andere öffentliche Veranstaltung, die Woche für Woche zigtausend Leute auf die Straße bringt. Friedlich und meist guter Laune.

Ist die Kirchenkrise am Ende etwa gut, weil sich nur noch Menschen engagieren, die von der Sache überzeugt sind?

ZU ELTZ: Ich wage mal die Aussage: Wir hatten noch nie so viele Christen, die sich aus freier Entscheidung aus dem Glauben für Gottes Reich einsetzen, wie heute. Die früher ohne eigene Überzeugung mitliefen, sind in großer Zahl abgedriftet. Der wunde Punkt aber liegt woanders: die uns zornig, enttäuscht, erschöpft den Rücken zudrehen und gehen, weil sie in der Kirche, wie sie sie erleben, den Geist Jesu nicht finden. Damit dürfen wir uns nicht abfinden.

Sie haben zuletzt öffentlichkeitswirksam gefordert, dass die katholische Kirche auch die Partnerschaften von homosexuellen Paaren segnet. Warum?

ZU ELTZ: Nicht nur gleichgeschlechtliche Paare. Auch andere, die nicht kirchlich heiraten können oder wollen. Unser Bischof Georg sagt, wir sollen nicht zuerst fragen, wer die Kirche ist und wie ihre Lehre lautet und wer drin sein darf oder nicht. Sondern: Für wen sind wir da, wem dienen wir? Ich habe überlegt, ob wir den Paaren, die nicht heiraten können, helfen oder schaden, wenn wir ihnen den Segen verweigern. Ziehen wir sie so ans Evangelium heran, oder stoßen wir sie ab? Darauf habe ich eine Antwort gefunden.

Klingt als wollten Sie ihr Bistum dazu bewegen, einen Schritt auf die Lebensrealität vieler Menschen zuzumachen.

ZU ELTZ: Das muss ich gar nicht. Viele sind längst da und waren es auch schon vor mir. Wichtig ist, dass die Frankfurter Initiativen nicht als Ausdruck des guten Willens von Einzelnen stehen bleiben. Hier muss die Kirche ran. Das dauert länger, wirkt aber nachhaltig.

Apropos Lebensrealität. Die Nähe dazu fehlt der katholischen Kirche oft, oder?

ZU ELTZ: Ich glaube nicht. Vielleicht fehlen beherzte Ausdrucksformen. Aber Lebensnähe ist überall verbreitet, wo es Seelsorge gibt. Wir sind ein Teil der Gesellschaft, um deren Lebensverhältnisse wir uns zu kümmern haben. Den Anspruch, eine Parallelgesellschaft dagegen zu setzen, können wir aufgeben. Das setzt Kräfte frei, die wir für die Hauptsache der Kirche brauchen.

Auch interessant

Kommentare