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Frankfurter Stadtdekane Johannes zu Eltz und Achim Knecht: "Es ist eine sehr anstrengende Zeit für die Menschen"

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Von: Katja Sturm

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Die Frankfurter Stadtdekane Johannes zu Eltz (links) und Achim Knecht.
Die Frankfurter Stadtdekane Johannes zu Eltz (links) und Achim Knecht. © Rolf Oeser

Die beiden Frankfurter Stadtdekane Johannes zu Eltz und Achim Knecht leben die Ökumene. In diesem Sinne haben sich der katholische und der evangelische Pfarrer kurz vor den Weihnachtsfeiertagen gemeinsam den Fragen von Katja Sturm gestellt. Es ging um das bevorstehende Fest, die Coronavirus-Krise und die Perspektiven, die die beiden Geistlichen für ihre Kirchen sehen.

Was erwarten Sie und was haben die Gläubigen zu erwarten von diesem zweiten Weihnachtsfest, seitdem die Corona-Krise bei uns angekommen ist?

JOHANNES ZU ELTZ: Das Weihnachten wird dem im vergangenen Jahr sehr ähnlich sein. Es steht unter den weiter geltenden Restriktionen, was die Gottesdienste betrifft, ergänzt durch die G-Regeln, die es 2020 noch nicht gab. Ich vermute, dass wir erneut nicht überströmt werden mit Besuchern. Es gibt eine große Vorsicht - beim vernünftigen Teil der Bevölkerung ebenso wie bei den Kirchgängern. Die Angebote in unseren großen Kirchen werden deshalb ausreichen. Es wäre eine Horrorvorstellung, sollte man Leute von der Tür abweisen müssen. Wenn alles auf Anmeldung gestellt ist, kann man sie auch nicht in eine andere Kirche schicken.

ACHIM KNECHT: Im vergangenen Jahr haben die Kirchengemeinden für Weihnachten viel experimentiert. Diesmal kommt der Aspekt der Ernüchterung und Ermüdung dazu. Alle sind die Pandemie leid und würden gerne aus dieser herauskommen. Jetzt müssen wir noch einmal eine Schleife drehen mit erneuten Restriktionen, die auch die Kirchen betreffen. Die Pfarrerschaft versucht das Beste daraus zu machen und bereitet die Gottesdienste mit viel Liebe vor. Es wird darin eine wichtige Botschaft vermittelt. Aber es ist eine sehr anstrengende Zeit für die gesamte Gesellschaft und die Menschen.

Wie schwer fällt es gerade, Hoffnung zu vermitteln?

ZU ELTZ: In der Tradition unseres Glaubens haben wir Zugriff auf Erinnerungen, die uns sagen, dass die dürren Jahre und Durststrecken lange dauern können. Die zeitgenössische Erwartung, dass alles ratzfatz vorbei sein muss, vor allem Belastendes, stimmt wohl nicht. Das ärgert den Gegenwartsmenschen, dass er die Dinge nicht technokratisch aus der Welt schaffen kann, weil er es an vielen Stellen gewohnt ist, eine Exit-Option zu ziehen und nicht mehr mitzumachen, wenn es nicht vorwärts geht. Jetzt wird die ganze Gesellschaft gepeinigt, aber es wird ihr auch erlaubt, daran zu wachsen, dass die Dinge nicht so gehen, wie sie will. Da haben wir als Kirche etwas beizutragen. Ich will nicht von 40 Jahren in der Wüste reden. Aber längere Strecken, bis sich nach einer langen Nacht endlich das Licht wieder zeigt, gibt es gerade in den biblischen Traditionen. Das ist eine realistische Hoffnung.

KNECHT: Wir sind es in der Überflussgesellschaft gewohnt, dass es an Weihnachten viele Geschenke gibt, ein hoher Anspruch gestellt wird an Essen und Trinken, dass man aus dem Vollen schöpft. Der herbe Einschnitt jetzt lenkt zurück darauf, dass das biblische Weihnachten, auf das wir uns beziehen, keine idyllische Story ist. Es ist eine sehr harte Geschichte von jungen Menschen in prekären Verhältnissen und einer ungeklärten Vaterschaft, die bald in einer Flucht in ein anderes Land mündet. In dieser herausfordernden Realität erklingt die Weihnachtsbotschaft, die die Haltung der Menschen verändern kann. Das ist auch die Hoffnung, die ich jetzt habe in dieser Pandemie. Die Realität kann sich verändern, indem ich sie anders ansehe und sie in einen größeren Zusammenhang stelle. Die Weihnachtsbotschaft kann da viel Kraft geben.

Wie schafft sie das in einer Zeit, in der die Kirche viele Menschen nicht mehr auf gewohnte Weise erreicht?

ZU ELTZ: Die Kirche an Weihnachten ist nicht nur die feiernde und verkündigende Kirche, sondern auch die dienende. Es gilt, auch denen Hoffnung zu machen, die zu Gottesdiensten nicht kommen können oder wollen. Die große Freude soll dem ganzen Volk zuteilwerden, nicht nur den Kirchgängern, die überwiegend aus dem bürgerlichen Segment der Stadtgesellschaft kommen. Ich bin denjenigen dankbar, die das gewährleisten. Unsere karitativen und diakonischen Dienste haben sich sehr angestrengt, ihre Türen immer offen zu halten, während andere Einrichtungen schließen oder ihre Öffnungszeiten beschränkt haben. Die Bedürfnisse der Leute werden nicht geringer. Auch als man rief, wo die Kirche während der Pandemie sei, war sie an dieser vielleicht wichtigsten Stelle immer da.

Wie hat sich das Verhältnis der Gläubigen zur Kirche durch die Krise geändert?

ZU ELTZ: Die Einstellung der Leute hat sich nicht großartig verändert. Die Gottesdienste laufen nach dem ersten Schrecken und dem zwischenzeitlichen Verbot gut. Gerade im Advent suchen die Leute nach Vertrautem, nach dem Brauchtum, das durch Wiederholung Identität und Sicherheit schafft.

KNECHT: Wir haben uns an geringere Zahlen in den Gottesdiensten gewöhnt. Die Menschen haben die Teilnahme daran in den persönlichen Überlegungen stärker zur Disposition gestellt. Das ist schon immer etwas Protestantisches. Als Gemeindepfarrer habe ich öfter gehört: Wir sind evangelisch, wir gehen nicht so oft in die Kirche. Jetzt hat sich die Tendenz verstärkt, dass Menschen sich persönlicher positionieren und überlegen, wie weit sie wo mitwirken. Die Teilnahme an Gottesdiensten ist noch weniger selbstverständlich geworden. Bei den Mitgliederzahlen haben sich Prozesse beschleunigt, mit denen wir, besonders in der Stadt, schon länger zu tun haben: dass die Zahlen zurückgehen.

Überraschen Sie derartige Tendenzen angesichts der Krise, in der die Kirche dem Einzelnen helfen könnte?

ZU ELTZ: Es funktioniert nicht automatisch, dass die Menschen in die Kirche rennen, sobald eine Not größer wird. Ich glaube, diese Vorstellung hat etwas Mythologisches. Auch nach den großen Zusammenbrüchen wie nach 1945 in Deutschland sind die Kirchen keineswegs wieder voll geworden. Wenn durch Säkularisierung eine langsame, unauffällige, aber scheinbar unaufhaltsame Entfremdung von institutionellen Formen des Christlichen stattfindet, hat sie jetzt einen Schub bekommen. Wenn man sowieso nicht supermotiviert ist, an der Gemeinschaftsfeier teilzunehmen, und es kommen gesundheitliche und epidemiologische Bedenken dazu, gibt das vielleicht den Ausschlag. Es gibt Anlässe dafür, dass die Mitgliederzahlen bei uns schon lange stabil abnehmen und diese Tendenz jetzt beschleunigt wurde. Vielleicht nicht in erster Linie die Seuche, aber die großen Skandale, die wir uns geleistet haben, und die Unzufriedenheit mit einer unbeweglichen und auf das eigene Überleben konzentrierten Institution.

KNECHT: Die Pandemie wirkt als Beschleuniger einer stärkeren Institutionsskepsis. Wir müssen uns von Illusionen, es könnte noch mal so werden wie früher, verabschieden. Wir müssen frei dafür werden, in einer veränderten Gesellschaft dem Auftrag der Kirchen neu gerecht zu werden. Das bedeutet auch, Vertrautes und Liebgewonnenes loszulassen. Aber so können sich weniger institutionelle Formen herausbilden, um Menschen zusammenzubringen. Ich bin vertrauensvoll, dass sich für die Kirche ein Weg zeigen wird, um den Menschen weiterhin Hoffnung und Orientierung zu geben. Auch als Minderheit kann man Gehör finden. Manchmal entfaltet sich Wirksamkeit am besten, wenn nichts stabil ist, aber die Botschaft gut.

Wie haben sich die Schwerpunkte der Kirchenarbeit verlagert?

ZU ELTZ: Manche besorgniserregenden Zustände in den sozialen Dimensionen der Gesellschaft haben an Beunruhigungskraft erheblich dazugewonnen. Bei mehr als 50 Prozent Singlehaushalten wie in Frankfurt ist Einsamkeit immer ein Thema am Horizont. Durch die uns auferlegte und teilweise selbst gewollte Isolierung hat sich das verstärkt und wird schnell existenziell bedrohlich. Wenn Ämter nicht offen sind und die Wege noch komplizierter werden, bricht in der Daseinsvorsorge schnell etwas ein. Die, die sowieso nicht laut sind, verdienen jetzt noch mehr Aufmerksamkeit. Das gilt auch in Fragen der Wohnungslosigkeit, der Armutsmigranten, der Angebote für Frauen und Jugendliche. Überall sind wir gefordert.

Sie haben als evangelische und katholische Kirche in Frankfurt eine gemeinsame Website ins Netz gestellt. Hat die Pandemie die Ökumene vorangetrieben?

KNECHT: Wir waren schon vorher in vertrauensvoller Zusammenarbeit unterwegs. Aus der Erfahrung heraus, dass es mehr Verbindendes als Trennendes gibt. Die Zeit, in der man versucht hat, sich zu profilieren und den Unterschied zur Schwesterkirche zu betonen, ist vorbei und ein Luxus, den man sich nicht mehr leisten kann. Das war schon vor Corona klar und hat sich nicht verändert. Corona war kein Trigger, aber auch kein Hemmschuh für die Ökumene, abgesehen von den Einschränkungen in der Kommunikation.

ZU ELTZ: Wir haben in guten Jahren an tieferen Beziehungen gearbeitet. Die sind belastbar und sind jetzt auch belastet worden. Es ist nicht so, dass man nicht anders wäre als der andere. Aber das Andere als etwas Spannendes, Schätzenswertes und Bereicherndes zu erleben, ist der entscheidende Punkt.

Was bedeutet das: "Wir können nur gemeinsam wahrgenommen werden", wie es kürzlich hieß?

ZU ELTZ: Wir machen seit Jahren monatlich mit der Domsing- und der Bläserschule den Evensong, ein Format mit Musik von Kindern und Jugendlichen. Von liturgischer Seite sind es die Pfarrerin Anne-Katrin Helms aus Oberrad und ich, die diesen Gottesdienst leiten. Erkennbar evangelisch und katholisch, dazu Frau und Mann. Die Leute schätzen es, wenn in einer ganz großen Selbstverständlichkeit diese unterschiedlichen Elemente zu einem großen stimmigen Ganzen zusammengeführt werden. Der Gesellschaft fehlen solche Ereignisse gelingender Gemeinsamkeit. Es gibt diese Spaltungstendenz. Ein Diversity Management, pfleglich und wertschätzend mit Unterschieden umzugehen und die Lust darauf darzustellen, wie das gelingen kann, ist für mich ein Mehrwert der Ökumene.

KNECHT: Als evangelische Kirche geht es uns nicht darum, das Evangelische, sondern das Christliche voranzubringen. Das muss man über die eigene Kirche hinaus buchstabieren.

Ein Thema, das spaltet, sind die Impfungen. An Heiligabend wird es eine Aktion im Dom geben. Warum engagiert sich die katholische Kirche so?

ZU ELTZ: Wir haben zwei Vorhallen im Dom, so dass wir das zusammen mit dem Arbeiter-Samariter-Bund und dem städtischen Gesundheitsamt durchführen können. Das sind keine kirchlichen Player, und das ist ein Zeichen, dass wir alle an einem Strang ziehen. Das Besondere bei uns ist, dass wir Allerweltsereignisse als Überraschungen des Himmels erkennen und deuten dürfen. Die Impfung ist bei uns wie jede andere. Aber in den erfolgreichen Anstrengungen, in dramatisch kurzer Zeit etwas anbieten zu können, das den Leuten eine Chance gibt, gesund oder wenigstens nicht schwer erkrankt durch die Zeiten zu kommen, sehen wir ein Geschenk Gottes. Die Wirklichkeit ist unerbittlich und fügt sich nicht unseren Wünschen. Aber wir haben die Möglichkeit, sie zu deuten. Ich hoffe, dass mit dieser Botschaft nicht das Gefühl von Genötigtwerden rüberkommt, sondern sie als Impuls verstanden wird, Ängste zu überwinden und sich in eine Solidargemeinschaft hineinzustellen. Selbst die Impfpflicht wäre kein Zwang, sondern die Erkenntnis, dass Individualinteressen nicht um jeden Preis durchgesetzt werden können, wenn es um das Wohl einer ganzen Gemeinschaft geht. Wir wollen mit der Weisheit unseres Glaubens und der guten Erfahrung, die wir schon so lange mit Solidarität und Nächstenliebe haben, einen kleinen Dienst leisten. Als einer von vielen. Es ist nichts Besonderes.

KNECHT: Da möchte ich korrigieren: Es gibt wenig prominentere Stellen, als in der Vorhalle des Doms, um an Heiligabend den Zusammenhalt der Gesellschaft ins Bewusstsein zu rufen und auch symbolisch deutlich zu machen. Weihnachten repräsentiert auch den familiären und freundschaftlichen Zusammenhalt.

Mit welchen Erwartungen schauen Sie auf das Jahr 2022?

ZU ELTZ: Christen sind die Menschen, die das Beste immer vor sich und Grund zur Hoffnung haben. Aber ich habe das Gefühl, dass wir mit der Seuche und ihren Beeinträchtigungen Anfang des nächsten Jahres noch nicht durch sind. In persönlicher Hinsicht haben wir ein großes Projekt vor der Brust: die gemeinsame Unterkunft für die Frankfurter Jugendkirchenmusik. Wenn alles gut geht und wir Unterstützung bekommen, können wir in Rufweite vom Dom ein Haus dafür errichten, in dem Kinder und Jugendliche gemeinsam mit das Schönste, Kraftvollste und Eindrucksvollste betreiben können, was christliche Tradition zu bieten hat: die Musik. Diesen ökumenischen Leuchtturm wollen wir zum Leuchten bringen.

KNECHT: Innerkirchlich stehen wir vor Verständigungsprozessen als Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und als Evangelische Kirche in Frankfurt und Offenbach darüber, wie wir produktiv und konstruktiv mit gesellschaftlichen Veränderungen umgehen können. Wir planen dazu ein Großtreffen im Frühsommer unter dem Thema "Kirche der Zukunft", um die Fantasie der Menschen freizusetzen, die in der Kirche Verantwortung übernehmen. Wir wollen Wege zu einer zukünftigen Gestaltung von Kirche finden und wie wir unseren Auftrag in der Stadtgesellschaft weiter erfüllen können.

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