+
Forstamtsleiterin Dr. Tina Baumann sitzt auf einem Hochstand im Stadtwald. Sie leitet die Jagd heute.

Jagd

Im Frankfurter Stadtwald soll die Wildschwein-Population reduziert werden

  • schließen

In den vergangenen Jahren haben sich die Wildschweine im Frankfurter Stadtwald rasant vermehrt und sind in der dunklen Jahreszeit auch in die Wohngebiete eingedrungen. Heute wird in Schwanheim wieder gejagt.

Die Schwanheimer Bahnstraße, die den Stadtteil mit dem Kreisel an der Unterschweinstiege verbindet, ist heute zwischen 9 und 15 Uhr wegen einer Jagd im Forstrevier Schwanheim und Goldstein aus Sicherheitsgründen gesperrt: Jederzeit könnten Wildschweine aus dem Unterholz brechen und über die Straße laufen. Nur die Linienbusse dürfen die Schwanheimer Bahnstraße in der genannten Zeit benutzen; anderen Fahrzeugen bleibt die Zufahrt verwehrt. Gejagt wird, um die hohe Wildschwein-Population im Stadtwald zu reduzieren. Seit Jahren ist der Druck gewachsen: Milde Winter und satte Eicheljahre haben dazu geführt, dass die Bachen zum Teil mehrere Würfe Frischlinge aufziehen konnten. Das Problem existiert bundesweit: Erst am Samstag rannte ein Wildschwein in Bensheim durch die Fußgängerzone und stieß Passanten um. Im Mai rettete sich in Hofheim ein Jogger vor mehreren Wildschweinen auf einen Baum, auch in Okriftel gab es gefährliche Begegnungen rund um den dortigen Baggersee.

Zwischen den Häusern

In Schwanheim und Goldstein wurden immer wieder Schwarzkittel zwischen den Wohnhäusern gesichtet, die auf der Suche nach Engerlingen Rasenflächen umpflügten und Vorgärten verwüsteten. Bis über die Straßburger Straße drangen einzelne Wildschweine vor – und verschreckten in den Nacht- und frühen Morgenstunden überraschte Passanten. Deshalb wurden unter anderem Ansitze am Waldrand nur wenige Meter neben den Balkonen der Wohnhäuser aufgestellt, und das Thema „Schutz vor Wildschweinen“ kochte auch im Ortsbeirat hoch. Die Forderung, den Wald einzuzäunen, setzte sich jedoch nach einem negativen Gutachten des Instituts für Tierökologie und Naturbildung in Gonterskirchen nicht durch (wir berichteten): Der Zaun sollte kilometerlang sein und elf Fußgänger- und zehn Großtore für Fahrzeuge haben müssen. Und: Schlüpft ein Wildschwein doch mal durch, findet es den Weg zurück in den Wald nicht – und gerät schlimmstenfalls in Panik.

Das Problem, dass Wildschweine in Wohngebieten auf Nahrungssuche gehen, ist zum Teil auch hausgemacht: Mülleimer quellen über, Stadtmenschen füttern Wildtiere gar aus falsch verstandener Naturliebe mit Katzenfutter, Kartoffeln, Brotresten an – auch in Goldstein.

Im Sommer zu trocken

Über den Sommer war es monatelang ruhig in Schwanheim, Goldstein oder Sachsenhausen: „Es war zu trocken, da sind die Wildschweine im Wald geblieben“, sagt Dr. Tina Baumann, die Leiterin des Stadtforsts. „Jetzt mit dem Regen weicht der Boden durch, Würmer und Engerlinge kommen in den Grünflächen wieder nach oben, und die Wildschweine sind zurück.“ Fünf Schwarzkittel wurden bisher 2018 „innerstädtisch“ erlegt – in den Vorjahren waren es jeweils etwa 15. Bis zu vier „Stadtjäger“ sind zum Teil mit Wärmebildkameras und Restlichtverstärkern im Einsatz.

„Die Zahlen zeigen, dass die Jagd erfolgreich ist“, sagt Baumann. Das bemesse sich im Rückgang der geschossenen Tiere: Im laufenden Jahr wurden bislang 107 Wildschweine im Stadtwald erlegt; bis Jahresende, schätzt Baumann, werden es rund 150 sein. Zum Vergleich: 2017 waren es 194, 2016 gar 362 Tiere. In 2015 kamen die Jäger auf 153 Abschüsse, 2014 auf 132. Das letzte herausragende Jahr – außer 2016 – sei 2013 mit 287 erlegten Wildschweinen gewesen.

Auch dieses Jahr habe es mehrere revierübergreifende Jagden gegeben, sagt die Leiterin des Stadtforsts: „Das kann sehr effektiv sein, aber es kommt immer auch auf das Wetter an.“ Der Rückgang der Abschusszahlen spiegele den Rückgang der Wildschwein-Population im Stadtwald wider. „Es ist eine Messzahl, bei der wir uns nicht entspannt zurücklehnen, aber wir können sagen: Es hat etwas gebracht“, sagt Baumann. Die Jäger wollen „dranbleiben“, denn auch bislang war es ein gutes „Mastjahr“, das den Wildschweinen viel Nahrung bot. „Es gab auch lange keinen strengen Winter, der zu einer natürlichen Mortalität bei den Frischlingen führt“, sagt die Stadtforst-Chefin. Die Bestände würden auch weiterhin aufmerksam beobachtet – auch wegen der Gefahr der Afrikanischen Schweinepest, die zuletzt in Belgien aufgetreten ist. „Sollte sie bei uns auftreten, sind wir darauf vorbereitet“, sagt Baumann.

Weiter gilt: Wer in Waldnähe wohnt, sollte keine Lebensmittel im Garten liegen lassen und sein Grundstück mit stabilen Zäunen oder dichten Hecken sichern. In Grünanlagen hingegen nimmt der Rückschnitt von Sträuchern den Tieren die Deckung. Spezialisten empfehlen außerdem, abseits von Siedlungen mehr Rückzugsgebiete durch die Reduzierung von Waldwegen zu schaffen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare