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Frankfurter Virologe warnt: "Auch Omikron-Fälle können zu Long-Covid führen"

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Von: Sarah Bernhard

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Dr. Martin Stürmer (53) hat an der Freien Universität Berlin und der Goethe Universität Frankfurt Biochemie studiert. Er leitet das IMD-Labor im Gutleutviertel und ist außerdem Dozent für medizinische Virologie an der Goethe-Universität. Bevor der Virologe 2017 zum IMD wechselte, arbeitete er 21 Jahre lang an der Frankfurter Uniklinik.
Dr. Martin Stürmer (53) hat an der Freien Universität Berlin und der Goethe Universität Frankfurt Biochemie studiert. Er leitet das IMD-Labor im Gutleutviertel und ist außerdem Dozent für medizinische Virologie an der Goethe-Universität. Bevor der Virologe 2017 zum IMD wechselte, arbeitete er 21 Jahre lang an der Frankfurter Uniklinik. © privat

Dr. Martin Stürmer über die neue Virusvariante, die Impfpflicht und den Nachteil von Totimpfstoffen

Während der Corona-Pandemie wurde der Virologe Martin Stürmer, der in Frankfurt ein Labor unter anderem zur Mutationsanalyse leitet, schnell zum gefragten Fachmann für alle Fragen rund um SARS-CoV-2. Im Interview spricht er darüber, was uns in den kommenden Wochen und Monaten erwartet, für wie sinnvoll er eine Impfpflicht hält und warum er als Virologe manchmal etwas ganz anderes denkt als als Laborleiter.

Herr Stürmer, auf was müssen wir uns in den kommenden Wochen einstellen?

Wir erreichen immer neue Höchstwerte bei der Inzidenz und ich befürchte, dass das in den nächsten Tagen und Wochen auch so weitergeht.

Ist Omikron in Frankfurt denn schon dominant?

Ja. In unserem Labor hat Omikron seit dem Jahreswechsel einen Anteil von über 90 Prozent.

Noch sind unsere Inzidenzwerte dennoch deutlich niedriger als in anderen Ländern. Warum?

Einerseits haben Länder wie Großbritannien und die Niederlande engere Verbindungen zu Südafrika. Auf der anderen Seite haben wir, als es losging, konsequent versucht, der Verbreitung durch Reiseeinschränkungen und Testungen entgegenzuwirken. Dazu kam, dass in Deutschland noch Maßnahmen gegen Delta in Kraft waren: Wir haben unsere Kontakte reduziert und dafür gesorgt, dass viel getestet wurde. Etwas anderes wird uns nun allerdings negativ beeinflussen: Die hohe Quote an Ungeimpften wird dazu führen, dass sich Omikron noch effektiver, schneller und klinisch heftig ausbreiten wird.

Wovon hängt eigentlich ab, wie schnell sich eine Variante breitmacht?

Einmal davon, wie gut sie sich im Wirt ausbreiten kann. Ein Virus ist ein Zellparasit, auf Oberflächen kann es sich nicht vermehren. Also muss es erstmal möglichst effektiv in die Zellen hineinkommen. Dazu braucht es einen Rezeptor, also eine Art Schlüssel. Weil das Virus aus dem Tierreich kam, war dieser Schlüssel am Anfang noch nicht optimal, hat sich mittlerweile aber angepasst. Dazu kommt, dass der Wirt das Virus so effizient wie möglich verbreiten können muss. Denn wenn er schwerkrank und bettlägerig ist, kann er niemanden anstecken. Wenn ich hingegen gar nicht merke, dass es da ist, und draußen herumlaufe, kann es viel besser neue Wirte infizieren.

Aus Sicht eines Virus hat Omikron also alles richtig gemacht.

Viele Kollegen gehen schon in die Richtung, dass Omikron die Pandemie zu einer Endemie machen wird. Dass Corona also nicht mehr verschwinden wird, sich aber auch nicht in immer neuen Varianten weltweit verbreitet, sondern dass die Zahl der Ansteckungen, wie bei der Grippe, über die Zeit etwa konstant bleibt. Ich bin mir da aber noch nicht sicher, weil wir noch nicht genügend Daten haben. Wir wissen zwar, dass bei Omikron deutlich weniger Fälle im Krankenhaus landen, aber bei den Geimpften erwarten wir ja milde Verläufe. Die Frage ist, ob das auch für Ungeimpfte gilt. Zudem zeigen Studien, dass Long Covid nicht von der Symptomausprägung abhängt. Wir können also nicht ausschließen, dass auch Omikron-Fälle zu Long-Covid führen. Und solange ich das nicht weiß, kann ich auch nicht sagen, dass SARS-CoV-2 jetzt harmlos ist.

Wie geht es denn Ihrer Meinung nach im Frühling und Sommer weiter?

Meine optimistische Schätzung lautet: Im März oder April werden wir einen an Omikron angepassten Impfstoff bekommen. Dann kommen wir auch in die wärmere Jahreszeit, die Übertragungsrisiken in Innenräumen sinken, der Hals-Nasen-Rachenraum ist stabiler. Ich denke, dann wird der Impfstoff auch für Unter-Fünfjährige zugelassen sein, so dass sich jeder, der will, impfen lassen kann, und wir entspannt in den Sommer gehen können. Natürlich nur, wenn nicht gleich wieder eine neue Variante kommt. Der Vorteil von Omikron ist, dass wir lernen werden, wie man schnell einen Impfstoff angepasst, testet, produziert und verteilt. Wir werden aber auch diskutieren müssen, ob wir eine Impfpflicht brauchen, um ihn im Notfall auch schnell verimpfen zu können.

Und, brauchen wir sie?

Für die jetzige Welle kommt sie definitiv zu spät. Die Frage ist, ob wir davon ausgehen, dass es im Herbst eine neue Omikron-Welle geben wird, weil dann der Schutz der jetzt Genesenden endet, oder dass bis dahin eine neue Variante auftaucht. In beiden Fällen haut es uns dann wieder rein. Um das zu verhindern, könnte man überlegen, ob man spätestens im Herbst eine zeitlich befristete Impfpflicht einführt, bis man weiß, ob und wie sich die Varianten verbreiten. Eine Möglichkeit, das Virus durch eine Impfung zu eliminieren, gibt es leider nicht.

Bei den Pocken ging das doch auch.

Für eine Elimination braucht man eine sogenannte sterile Immunität. Das heißt, man infiziert sich nicht und steckt auch niemanden an. Bei Erkältungserregern geht das nicht, weil sie zu variabel sind.

Das heißt, wir müssen uns jetzt regelmäßig gegen Corona impfen lassen?

Wahrscheinlich, aber nicht mehr alle drei Monate. Wir haben im Moment noch die erste Generation Impfstoffe. Sie sind besser als erwartet, aber eben noch nicht perfekt. Ich gehe davon aus, dass sich über kurz oder lang ein akzeptables Impfschema einpendeln wird. Gegen Influenza impft man sich jedes Jahr, bei Corona wird das wohl ähnlich sein.

Bald sollen ja auch Totimpfstoffe auf den Markt kommen. Sind diese, wie mRNA-Impfskeptiker oft sagen, weniger gefährlich als mRNA-Impfstoffe?

Keiner der Impfstoffe ist gefährlich. Beispielsweise hat Biontech schon vor der Pandemie mit der mRNA-Methode in der Krebstherapie gearbeitet, sie sollte also kein Problem sein. Der Nachteil an Totimpfstoffen ist außerdem, dass man dem Immunsystem signalisieren muss, dass es anspringen soll. Solche Aktivatoren, genannt Adjuvantien, haben ein höheres Potenzial für Nebenwirkungen als mRNA-Impfstoffe.

Ich argumentiere mal weiter mit den Skeptikern: Wir kennen vielleicht noch gar nicht alle Nebenwirkungen der mRNA-Impfstoffe.

Alles, was in Richtung seltener Nebenwirkungen möglich ist, müsste mittlerweile aufgeploppt sein. Wenn zum Beispiel einer von einer Million Menschen die Nebenwirkung hat, muss man rein theoretisch eine Million Menschen impfen, um sie einmal zu sehen. Das heißt dann aber noch nicht automatisch, dass man sie mit dem Impfstoff assoziiert. Es könnte ja auch sein, dass das Ereignis zufällig und unabhängig von der Impfung sowieso passiert wäre. Man muss also deutlich mehr impfen, bis man verlässliche Daten hat. Aber nach weltweit fast 9,5 Milliarden Impfungen haben wir diese Daten. Ich halte die mRNA-Impfstoffe deshalb für extrem sicher.

Aber was ist mit möglichen unbekannten Langzeitfolgen?

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Medikament und einer Impfung. Bei einem Medikament, das ich täglich nehme, gibt es Abbauprodukte, die möglicherweise zu Problemen führen. Ein Impfstoff produziert kurzzeitig Viruspartikel in geringer Dosis, das Immunsystem springt an und vernichtet die Partikel. Was soll da in zehn Jahren passieren, da ist doch von den Partikeln gar nichts mehr da! Das Einzige, was bleibt, ist das Gedächtnis des Immunsystems, aber auch das macht nicht nach zehn Jahren plötzlich komische Sachen.

Zum Schluss zu einem anderen Thema: Warum erkennen Schnelltests Omikron nicht so gut, obwohl das doch eigentlich genau ihre Aufgabe ist?

Diese Tests haben grundsätzlich ein Problem mit der Sensitivität, das wussten wir aber auch schon vor Corona. Der Unterschied zum PCR-Test ist, dass wir bei diesem die Erbinformationen des Virus vervielfältigen, während der Schnelltest nur auf die tatsächlich vorhandene Menge an Proteinen reagiert. Bei Geimpften kommt dazu, dass sie schon Antikörper haben, die zusätzlich einen Teil der Virus-Proteine abfangen. Ein negativer Schnelltest bietet also keine hundertprozentige Sicherheit.

Kann man etwas tun, um den Schnelltest zuverlässiger zu machen, zum Beispiel auch noch im Rachen abstreichen?

Ich würde mich an das halten, was in der Bedienungsanleitung steht. Was Sie tun können, ist, sich die Liste des Paul-Ehrlich-Instituts anzuschauen, das Schnelltests auf ihre Sensibilität hin überprüft hat (Anmerkung der Redaktion: online verfügbar unter is.gd/WA2qxF), und von denen, die durchgefallen sind, die Finger lassen.

Eine andere Möglichkeit, um das eigene Sicherheitsgefühl zu verbessern, ist ja ein Antikörpertest. Gibt es dafür mittlerweile einen Grenzwert, ab dem man sich nicht mehr anstecken kann?

Bei der Bestimmung dieses Werts gibt es zwei Probleme. Erstens wird er sich vermutlich von Variante zu Variante ändern. Außerdem messen die meisten Tests nur die Gesamtantikörper und nicht die sogenannten neutralisierenden Antikörper, die die Ausbreitung des Virus verhindern. Und Tests, die sie messen, sind so aufwendig, dass sie nicht in Masse implementierbar sind. Man muss also mit Näherungen arbeiten. Insofern ist ein Antikörpertest nice to have, aber die Entscheidung zum Impfen oder Boostern sollte man nicht davon abhängig machen.

Noch eine letzte Frage: Was halten Sie von verkürzter Quarantäne, um in den kommenden Wochen die Infrastruktur aufrechtzuerhalten?

Eigentlich ist das sinnvoll, wenn die Verkürzung von einem Test begleitet wird. Das Problem ist aber wie gesagt, dass Schnelltests nicht hundertprozentig sicher sind. Deshalb würde ich mir als Virologe wünschen, dass nur noch mit PCR-Tests gearbeitet wird. Als Laborchef muss ich allerdings konstatieren: Viel mehr PCR-Tests kriege ich nicht unter, und auch die anderen Labore arbeiten sehr nah am Limit. Dass Geboosterte in manchen Bereichen von der Testpflicht ausgenommen werden, ist primär ein politischer Kompromiss. Das halte ich zwar für suboptimal, aber wenn die Kapazitätsgrenze erreicht ist, muss man eben auch mal Kompromisse eingehen.

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