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Schüler in Afghanistan gefangen: "Ich dachte, dass die uns abknallen"

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Von: Brigitte Degelmann

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"Wir wollen unsere Mitschüler*innen aus Afghanistan zurück" und "We miss you" steht auf Transparenten, die monatelang an der Fassade der Höchster Hostatoschule hingen. Nun sollen sie durch "Jubeltransparente" ersetzt werden, denn alle sind wohlbehalten zurück. FOTO: margarete magiera
"Wir wollen unsere Mitschüler*innen aus Afghanistan zurück" und "We miss you" steht auf Transparenten, die monatelang an der Fassade der Höchster Hostatoschule hingen. Nun sollen sie durch "Jubeltransparente" ersetzt werden, denn alle sind wohlbehalten zurück. © Margarete Magiera

Monatelang hingen Schüler aus Frankfurt in Afghanistan fest. Nun sind sie zurück und berichten von Bombenhagel, Straßenkämpfen und ihrer abenteuerlichen Flucht nach Hause.

Frankfurt - Monatelang hingen die Transparente an der Hostatoschule in Höchst. "Wir wollen unsere Mitschüler*innen aus Afghanistan zurück" stand darauf und "We miss you". Sie galten den acht Hostatoschülern, die in den vergangenen Sommerferien mit ihren Familien in das Land am Hindukusch gereist waren, dort vom schnellen Einmarsch der Taliban überrascht wurden und mehrere Monate ausharren mussten, bis sie nach Deutschland zurückkehren konnten. Umso größer ist jetzt die Erleichterung darüber, dass vor wenigen Tagen endlich auch der letzte von ihnen in Frankfurt angekommen ist.

Frankfurt: Hostatoschule in Höchst schreibt Brief ans Außenministerium

Froh und glücklich sei man in der Schule darüber, dass nun alle wieder da seien, heil und gesund, sagen Schulleiterin Marianna Papadopoulou und Caritas-Theaterpädagogin Margarete Magiera. Über Monate hinweg habe man um die Schüler gebangt. Die Schule verfasste sogar einen offenen Brief an den damaligen Außenminister Heiko Maas, um sich für die acht Kinder und Jugendlichen sowie weitere vier ehemalige Schüler einzusetzen, Zehntklässler gestalteten außerdem Transparente, um auf den Fall aufmerksam zu machen.

Zu den acht Hostatoschülern, die in Afghanistan festsaßen, gehören auch die drei Zehntklässlerinnen Alena*, Shirin* und Leila* (*Namen von der Redaktion geändert). Aus Sorge um ihre Familien wollen sie unerkannt bleiben. Mitte Juli seien sie zu elft zu ihren Verwandten in die Hauptstadt Kabul gereist, erzählt Alena - ohne zu ahnen, dass sie dort vom Einmarsch überrascht werden könnten: "Keiner von uns hat erwartet, dass die Taliban so bald zurückkommen."

Schüler aus Frankfurt in Afghanistan: "Ich hab' die Hitze im Gesicht gespürt. Das war ein Schock."

Die erste Woche hätten sie noch genossen. Doch dann begann der Alptraum. Nachts, als sie und ihre Cousine wegen der sommerlichen Hitze auf der Terrasse geschlafen hätten, sei plötzlich ganz in der Nähe eine Bombe explodiert, schildert Alena: "Ich hab' die Hitze im Gesicht gespürt. Das war ein Schock."

In den folgenden Nächten knallten weitere Bomben, einmal fünf oder sechs hintereinander - "da haben wir keine Minute geschlafen". Da der Stadtteil, in dem ihre Verwandten leben, von den Taliban als erstes eingenommen wurde, bekam sie die Gefechte hautnah mit. "Die kämpften vor unserer Haustür", erinnert sich Alena.

Schüler in Afghanistan gefangen: Rückreise nach Frankfurt nicht mehr möglich

"Wir haben uns alle im Wohnzimmer versammelt und hörten die Schüsse. Das war so laut, ich dachte, dass die uns abknallen." Vor allem auf den nahe gelegenen Bahnhof konzentrierten sich die Kämpfe - "am Morgen hat man dann gesehen, dass dort ein Haus nach dem anderen verbrannt ist". Zum Glück sei das Haus ihrer Verwandten heil geblieben. Die Schwestern Leila und Shirin, die mit ihrer Familie Verwandte in einer anderen afghanischen Stadt besuchten, erzählen ähnliches.

Eine Ausreise sei damals schon nicht mehr möglich gewesen, berichten die drei übereinstimmend. Per Mail habe sie das Auswärtige Amt davor gewarnt, zum Flughafen zu fahren und ihnen stattdessen geraten, an einem sicheren Ort zu bleiben. So harrten sie weiter bei ihren Verwandten aus. Höchstens zum Einkaufen von Lebensmitteln seien sie auf die Straße gegangen, sagt Leila, doch nie alleine. Zum Glück hätten ihre Verwandten einen Innenhof und einen Garten, so dass sie nicht die ganze Zeit im Haus sitzen mussten.

Schüler aus Frankfurt in Afghanistan gefangen: "Das waren sehr schlimme Tage"

"Bei uns haben nur noch die Männer eingekauft", ergänzt Alena. Sie erinnert sich, als sie und andere aus der Familie krank wurden und zum Arzt mussten. An das Chaos in der Arztpraxis und in den Straßen, wo es vor Bewaffneten wimmelte, an die Angst, die sie dabei hatten: "Wir haben uns irgendwann einfach wieder ins Auto geschmissen und sind zurückgefahren. Das waren sehr schlimme Tage."

Auch viele Gerüchte hätten damals die Runde gemacht, sagt Alena. Zum Beispiel, dass Personen mit einem deutschen Pass vier weitere Personen bei der Ausreise mitnehmen dürften - was sich später als falsch herausstellte. Da jeder aus ihrer Familie einen deutschen Pass habe, seien immer wieder Menschen gekommen und hätten sie angefleht: "Bitte nehmt uns mit", erzählt die Zehntklässlerin. "Das war für uns ein großer Druck." Dazu kamen die TV-Bilder vom überfüllten Flughafen in Kabul. Von Menschen, die sich verzweifelt an startende Flugzeuge klammerten, bis sie schließlich zu Boden stürzten und starben. "Da gab es so viele Tote, das hat uns das Herz gebrochen."

An der Grenze von Afghanistan: Schülern aus Frankfurt wird die Ausreise verweigert

Leila und Shirin machten sich mit ihrer Familie schließlich auf den Weg zur Grenze nach Pakistan. Dort jedoch wurde ihnen die Ausreise verweigert. Daraufhin fuhren sie nach Kabul, wo sie tatsächlich zum Flughafen gelangten und Plätze in einer Maschine nach Katar ergatterten. Von dort aus ging es zurück nach Frankfurt, wo sie viereinhalb Monate nach ihrer Abreise eintrafen. Auch Alena, ihre Eltern und Geschwister schlugen sich per Bus zur pakistanischen Grenze durch. Stress pur sei das gewesen, sagt sie - die Hitze, die Angst und dann das Chaos bei der Ausreise selbst: "So viele Leute wollten weg, und es war unklar, wer über die Grenze darf." Doch sie hatten Glück. Weil ihre Namen auf einer Liste des Auswärtigen Amts standen und weil sie deutsche Pässe vorweisen konnten, durften sie das Land verlassen. Wegen Problemen mit ihren Rückflugtickets hingen sie anschließend allerdings noch mehrere Wochen in Pakistan fest, ehe sie wieder nach Deutschland zurück konnten, drei Monate nach ihrer Abreise aus Frankfurt.

Nach Rückkehr aus Afghanistan: Frankfurter Schule plant neue Plakataktion

Trotz der schrecklichen Erlebnisse hätten sie das Geschehene ganz gut verkraftet, sagen die drei Zehntklässlerinnen, die in diesem Jahr ihren Abschluss machen wollen. Erleichtert sind sie auch darüber, dass sich die Situation in Afghanistan offenbar etwas verbessert hat. "Wir telefonieren oft mit unseren Verwandten, es geht ihnen ganz gut", sagt Leila. Mittlerweile sehe man sogar wieder viele Frauen auf der Straße, schildert Alena.

Die Plakate an der Hostatoschule sind mittlerweile übrigens verschwunden. Stattdessen, sagt Theaterpädagogin Margarete Magiera, soll dort jetzt ein neues Exemplar aufgehängt werden, um zu feiern, dass endlich alle Schüler wohlbehalten zurückgekehrt sind - "ein Jubel-Transparent". (Brigitte Degelmann)

Flüchtende aus Afghanistan sind über den Flughafen Frankfurt nach Deutschland gekommen. Sie berichten über Chaos in Kabul.

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