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Ihre eigenen Schlittschuhe liegen zuhause in der Schweiz. Doch fürs Foto und den ?Roten Faden? fackelt ein Profi wie Marika Kilius nicht lange und posiert im Hotel Sofitel auch mit fremden Galoschen.

Der rote Faden

Eiskunstläuferin Marika Kilius: Die Eiskönigin

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Sie ist eine Legende, die ehemalige Weltklasse-Eiskunstläuferin Marika Kilius, und sie brachte mit Hans-Jürgen Bäumler das Eis zum Schmelzen. Noch heute schätzt sie Disziplin. Ihr widmen wir Folge 280 der Serie „Der rote Faden“, in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten

Frankfurt - Auf ihre Knöchel konnte sie sich immer verlassen. Marika Kilius streckt graziös ein schwarzbestrumpftes Bein in die Luft, dreht den Fuß im hochhackigen, schwarzen Wildlederschuh und wirkt, als ob sie sofort wieder aufs Eis könnte. „Ich hatte immer nur dünne Schlittschuhe, andere trugen dicke Stiefel“, sagt sie und lehnt sich zurück ins weiche Sofa im Hotel Sofitel. Schier unfassbar, dass sie am 24. März 76 wird. Sie freut sich ob der Komplimente über ihre grazile Figur, ihre Energie und erzählt, dass sie ihre Haare selbst frisiert. Sie trägt Bling-Bling zum roten Kleid, der roten Lederjacke, den rot lackierten Fingernägeln. Den grünen Tee trinkt sie ohne Zucker.

Sie ist freundlich, nahbar. Trotz ihres ikonischen Status. Das „Frankfurter Mädche“, Einzelkind, im Sachsenhäuser Schifferkrankenhaus geboren, in der Wolfsgangstraße im Westend aufgewachsen und als Zweieinhalbjährige von der zielstrebigen Mutter auf die Rollschuhe gestellt, ist eine Sportlegende. Die Alten wissen es noch, als wär’s gestern gewesen: Die Tagesschau wurde verschoben, wenn sie und ihr Laufpartner Hans-Jürgen Bäumler in den 60er Jahren übers Eis glitten, bei ihrer royal choreografierten Hochzeit mit dem Fabrikantensohn Werner Zahn 1964 in Frankfurt riefen Zehntausende Schaulustige ihren Namen, berittene Polizisten mussten den Kartenvorverkauf bei „Holiday on Ice“ sichern, als sie nach ihrer Amateur-Sportkarriere mit Bäumler dort das Eis schmelzen ließ. Der Bekanntheitsgrad des deutschen Traumpaares lag in den 1960er Jahren bei „100 Prozent“, wie Bäumler sagte. Sie waren wie Geschwister, auch wenn sie alle als Paar sehen wollten.

Gerade erst war sie wieder mit „dem Jürgen“ (sie sind noch heute gute Freunde) in Hamburg bei einer Show-Aufzeichnung fürs Fernsehen. Ihr Handy klingelt, ihre Stimme ist kratzig, sie war stark erkältet. „Ciao, ciao“, sagt sie. Sie ist dabei, eine neue Geschäftsidee zu entwickeln. Ihre Gold-Kosmetik-Serie, produziert in der Schweiz, hat sie vor einigen Jahren abgestoßen: „Das wurde mir zu anstrengend.“

Marika Kilius wird nach Schauspielerin Marika Rökk benannt

Marikas Großeltern betreiben zwei Friseurläden mit je 17 Angestellten in einer Seitenstraße der Goethestraße. Vater Hans und Mutter Leni, eigentlich Magdalene, führen die Geschäfte fort. Als ihre Mutter, im sechsten Monat schwanger, ihrem Idol Marika Rökk schreibt und fragt, ob sie ihre Tochter nach ihr nennen dürfe, denn sie solle einmal auch so berühmt werden wie sie, antwortet die Rökk, sie freue sich und werde das Ganze verfolgen. „Als ich dann sechs Jahre alt war“, erzählt Marika Kilius, „traf ich Marika Rökk tatsächlich im Hoppe-Palast im Zoo. Dort lief ich Rollschuh als ,Sternschnuppe’. Wir haben uns bis zu ihrem Tod 2004 nie mehr aus den Augen verloren.“

Ihre Kindheit ist knallhart getaktet. Nach der Schule muss sie zwei Stunden schlafen, dann trainiert sie täglich viele Stunden: Ballett („Kautschukschule“, sagt sie) und Rollschuhlaufen. „Ach, mit fünf war ich schon Stadtmeisterin“, winkt sie Fragen nach einer etwaigen Normalität ab. Abends rollt sie vor den US-Amerikanern im I.G. Farben Haus über die Parkettböden, als Bezahlung gibt’s Kaffee, Kaugummi, Schokolade. Und Zigaretten für den Kette rauchenden Vater. Sie sagt: „Und nachmittags kamen die Amerikaner zu mir ins Training ins Nizza. Das gab mein erstes Titelbild auf dem US-Magazin ,Weekend’.“ Da war sie fünf. „Ich lief dort jeden Abend, machte also regelrecht Truppenbetreuung“, sagt sie und feixt. Gefiel ihr dieses Leben? „Hat mich jemand gefragt? Nein. Es hieß, du machst das. Ende, aus.“ Spaß machte es ihr „ganz sicher nicht. Wie kann das Spaß machen, wenn man den ganzen Tag Rollschuh läuft? Training ist kein Zeitvertreib!“ Sie wäre gern Ärztin geworden. Oder Friseurin. Und sie las gern, auch wenn ihr dabei immer schnell die Augen zufielen.

Das kleine Mädchen stiehlt sich unbewusst die Freizeit zurück, schaukelt morgens gedankenverloren auf einem Spielplatz an der Hansaallee, kommt zu spät in die Schule. Der Lehrer sagt nichts, sie tut ihm leid. Nach einem Jahr teilt er es der Mutter mit. „Das war das Ende meines Spielplatzglücks“, schreibt sie später in ihrer Biografie „Pirouetten des Lebens“.

Die Mutter schickt Marika von der Rollschuh- auf die Eisbahn nach Bad Nauheim und in Camps nach Garmisch. Das Training wird noch härter, Talent ist nicht alles. Siebenjährig steigt sie mit Franz Ningel in den Eispaarlauf ein, mit zwölf nimmt sie erstmals an seiner Seite an den Olympischen Spielen teil und verpasst mit dem vierten Platz nur knapp eine Medaille. Mit 15 Jahren ist sie Rollkunstlauf-Weltmeisterin, noch heute ist sie die jüngste deutsche Weltmeisterin aller Zeiten. Als sie Ningel, ihr längst wie ein lieber Bruder ans Herz gewachsen, über den Kopf gewachsen ist, 1957 ist das, wird der 15-jährige Hans-Jürgen Bäumler ihr neuer Eiskunstlaufpartner. Schon 1958 werden sie Deutsche Meister, ein Jahr später Europameister, 1960 holen sie olympisches Silber in den USA. Sie zieht das Pensum klaglos durch, heute sagt sie: „Ich habe mich nie darum gerissen, aufs Eis oder die Rollschuhbahn zu gehen. Erst später, in der Eisschau, da fing die Kür, der Spaß für mich an.“ Sie ist 22, als sie sich von der Amateurlaufbahn verabschiedet. Und fühlt sich endlich frei.

Marika Kilius hat zwei Kinder – und eine tolle Karriere

Fast ein Vierteljahrhundert tourt sie mit „Holiday on Ice“ durch Europa, von 1964 bis 1988, unterbrochen nur von den Geburten ihrer Kinder: 1965 bringt sie Melanie, 1973 Alexander zur Welt. Nach 13 Jahren ist ihre Ehe mit Werner Zahn passé, sie trennen sich friedlich. Sie kauft ein Haus in Frankfurt, zieht mit ihren Kindern und den Eltern dort ein. Und auch Jake Orfield lebt dort, ein hübscher, lustiger Amerikaner, der bei „Holiday on Ice“ im Backstage-Management arbeitet. Sechs Jahre sind sie ein Paar, vier davon verheiratet. Die Hochzeit steigt in Las Vegas, sie wohnen in Frank Sinatras Suite.

Sie ist bereits 38, als sie praktisch noch einmal von vorn anfängt, weil Bäumler aus der Eisrevue aussteigt. Sie macht weiter: „Ich habe alles umgestellt, zum Adagio hin – mit ausgefallenen Schleuderfiguren, Hebesprüngen, Einfuß-Schleudern, Saltos von oben runter.“ Ihr neuer Partner wird Billy Binkowsky. „Der war toll, sehr stark, hatte Hände wie Klodeckel – sensationell! Aber ich war jeden Abend froh, wenn ich nach Hause ging und es war nix passiert.“ Eislaufen ist nicht ungefährlich. Sie ist fast 50, als sie endgültig mit dem Eislaufen aufhört. „Es wurde dann doch zu anstrengend“, sagt sie.

Der Abschied fällt ihr nicht schwer, sie mag Neues. Ihr Sternzeichen ist Widder. Die der Astrologie Zugeneigte, die sich auch gern mal die Karten legen lässt und unter anderem das Werk des Esoterik-Autors Joseph Murphy schätzt („Die Macht Ihres Unterbewusstseins“), sagt: „Widder ist der Beginner.“ Sie hat sich viel mit Astrologie und Buddhismus beschäftigt, aber eine Buddhistin sei sie nicht, eher ein „spiritueller Mensch“. Dabei waren ihre Eltern null religiös. „Die Einzige der Familie, die in der Kirche saß, war ich.“ Der Grund dafür war ein profaner: Das Mädchen genoss die Stille. Denn ihr Gehör wurde tagtäglich beim Training malträtiert durch laute Musik aus krächzenden Lautsprechern. „Der Klang war oft grauenvoll“, erinnert sie sich.

Auch heute braucht die Quirlige ihre Auszeiten, findet Ausgeglichenheit durch Meditation. Ihre Lebensphilosophie ist: „Was du denkst, das lebst du.“ Und sie sagt: „Ohne Ursache keine Wirkung, keine Wirkung ohne Ursache.“ Beispielhaft nennt sie ihre Mutter: „Die hat das Leben genau vor sich gesehen und hat es durchgesetzt. Sie hat nicht gefragt, ob das was wird oder nicht. Sie war sich sicher. Und es kam, wie sie es wollte.“ Gilt diese Vorgehensweise auch für sie? Sie denkt kurz nach: „Eigentlich schon. Ich versuch’s jedenfalls.“ Gedanken zu kultivieren, das sei wichtig. Wer an sich und seinen Vorhaben zweifle, nehme negative Ergebnisse voraus, glaubt sie.

Sie erzählt davon, wie sie als 30-Jährige 60 Zigaretten pro Tag qualmte. Wie bitte? Als Hochleistungssportlerin? „Ja, und ich fand’s sogar irgendwie gut!“, sagt sie und muss laut lachen. „Ich hab’ als 14-Jährige angefangen. Meine Kinder später auch. Wir haben alle geraucht.“ Alle hörten damit auf. 1994 schaffte sie es. Ein Jahr lang stellte sie sich mental darauf ein. „Ich wollte es mir nicht nur einfach verkneifen, sondern das Verlangen bewusst abstellen.“ Sie trinkt auch keinen Alkohol mehr. Früher tat sie das „noch ganz gerne ab und zu, aber es bekommt mir besser, wenn ich nichts trinke“.

Das liegt auch an ihren schlimmen Migräne-Attacken. Diese begannen ab dem 21. Lebensjahr mit der Geburt ihrer Tochter Melanie. Wie hat sie damit die unfassbar vielen Auftritte, die körperliche Beanspruchung bewältigt? Sie zuckt die Schultern: „Hinter der Bühne übergab ich mich. Habe gelächelt. Keiner durfte was merken.“ Diszipliniert, wie sie ist, verabscheut sie Selbstmitleid. War sie mal wieder vor einer Vorstellung vollgepumpt mit Schmerzmitteln, warnte Hans-Jürgen sie: „Marika, spring bloß nicht vorbei!“ Einmal spritzte ihr ein Arzt ein Schmerzmittel intravenös statt muskulär. Sie überlebte nur aufgrund ihrer Konstitution.

Marika Kilius ist in einer offenen Beziehung

Sie liebt ihre Enkeltöchter Lilli und Lola, 18 und 14, sehr; es sind die Kinder von Tochter Melanie und Schwiegersohn Stefan. Die Familie lebt in Niederrad, ebenso ihr Sohn Alexander. Sie selbst wohnt seit etwa acht Jahren in Zürich, seit 2006 hat sie dort einen Lebenspartner, er ist Geschäftsmann. „Wir haben eine offene Beziehung“, sagt sie. Sie ist gern und viel unterwegs, weil es schon immer so gewesen ist. Die Heimat Frankfurt war ihr eigentlich nur eine bis zum Ende der Schulzeit. Ihre Kindheit bestimmten Trainingscamps, Wettkämpfe, Schaulaufen, Tourneen, Reisen. „Ich war selten zu Hause.“ Eine Woche an einem Ort ohne Beschäftigung zu sein, macht sie nervös. Ihre Erkenntnis: „Leben heißt lernen. Man ist immer auf einem Schleifstein. Bis man so wird, wie man sein soll, das dauert.“

Sie muss los, sie geht mit einem alten Freund essen. Sie hat mehr männliche als weibliche Freunde: „Da gibt’s weniger Blabla, die sind direkter.“ Und wie findet sie Frankfurt heute? „Ich verstehe nicht, wie man das Zentrum so ruinieren kann, alles ist zubetoniert und grau, es gibt viel zu wenig Grün. Jeder regt sich darüber auf, aber die Stadt lässt das zu!“ Doch die Hochhäuser, die findet sie toll. Da ist sie dann doch wieder ganz Frankfurterin.

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