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Wechsel nach zehn Jahren an der Spitze der Industrie- und Handelskammer Frankfurt: Ulrich Caspar (rechts) ist zum neuen Präsidenten gewählt und löst damit Mathias Müller ab.

Streit bleibt aus

IHK-Spitzenwechsel: Auf Müller folgt Caspar 

Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt (IHK) hat einen neuen Präsidenten: Ulrich Caspar. Die Vollversammlung wählte den Immobilienunternehmer aus Frankfurt und früheren CDU-Landtagsabgeordneten mit sehr großer Mehrheit. Das überrascht nicht nur Beobachter.

Frankfurt.Es ist dieser Moment, auf den alle hinfiebern. Als der scheidende Präsident Mathias Müller die Kandidatur von Ulrich Caspar (62) für seine Nachfolge angekündigt hat. Und dann fragt: "Gibt es weitere Kandidaten?"

Überall recken sich die Hälse im Oval des Plenarsaals der Frankfurter Industrie- und Handelskammer (IHK). Hebt sich die Hand eines der anderen 77 Mitglieder der Vollversammlung? Dann müsste der frühere CDU-Landtagsabgeordnete Caspar spontan eine Kampfkandidatur durchstehen.

Erst im Januar war Ulrich Caspar nach 14 Jahren aus dem hessischen Landtag ausgeschieden. Er wollte sich mehr seinem Immobilienunternehmen, vor 38 Jahren gegründet, widmen. Doch der Frankfurter ist absolut omniaktiv. Er arbeitete bei Wohnungsunternehmen und Bauträgern, war Bankdirektor, er saß in Aufsichtsräten diverser städtischer Betriebe in Frankfurt, engagiert sich in IHK-Gremien, bei Unternehmer- und Eigentümerverbänden, arbeitete sich im Politischen vom Ortsbeirat über die Stadtregierung bis in den Landtag empor.

Als Caspar seine Bewerbungsrede hält, ist diese Erfahrung umfassend zu spüren. Er lobt seinen Vorgänger Mathias Müller, der nach zehn Jahren abtritt. Er dankt den IHK-Beschäftigten, kündigt den IHK-Mitgliedern seine intensive Kooperation an. Caspar streichelt die Seele der Unternehmer, als er den Kampf gegen die anschwellende Debatte über Enteignungen ankündigt. "Es ist ein Irrglaube, mit mehr Bürokratie die Probleme besser lösen zu können, als wenn man es dem Markt überlässt." Natürlich fallen zentrale Sätze wie: "Die Wirtschaft hat stets den Menschen zu dienen." Oder auch: "Unternehmer können Erfahrungen in die Gesellschaft einbringen, die andere nicht haben."

Mehr tun für Start-ups

Die größte Herausforderungen in den nächsten Jahren? Caspar nennt den Fachkräftemangel, dem die IHK mit noch mehr Aus-, Weiter- und beruflicher Bildung begegnen solle. Eine Ursache für den Mangel an Beschäftigten sei aber auch der Mangel an günstigem Wohnraum. In den vergangenen Jahren "haben die Kommunen viel zu wenig Bauland ausgewiesen", geißelt er die gesamte Region.

Zudem kündigt Caspar an, er wolle die IHK "zum Vorbild bei digitaler Darstellung" machen. Ebenso will er eine spezielle Unterstützung für Start-ups und Unternehmensgründungen ganz neu auf die Beine stellen. So konziliant, allumfassend und kurz die Rede ausfällt, so offenbart sie zugleich, wie sehr der Politiker auf die neue Aufgabe hinfiebert. Er überlässt nichts dem Zufall, liest den Text vom Manuskript ab, obschon ihm freie Rede in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Das bemerken auch drei seiner vier Kinder und seine Frau, die von der Empore aus zuschauen. Ja, räumen die vier ein, er sei schon unruhig gewesen in den vergangenen Tagen.

Das hat gute Gründe. Zum einen, weil im Vorfeld nicht nur Beifall für Caspars Kandidatur kam. Schon wieder ein Immobilienunternehmer wie Vorgänger Müller, erneut ein CDU-Politiker, wieder keine Frau an der Spitze der Vertretung der fast 111 000 Unternehmen in Frankfurt, Hochtaunus- und Main-Taunus-Kreis. Zum anderen hatte es in der Vergangenheit bei der IHK schon Überraschungen gegeben, als sich bei sicher geglaubten Personalentscheidungen erst direkt vor dem Wahlgang Gegenkandidaten meldeten.

Spannende Auszählung

Auf die Frage von Mathias Müller nach weiteren Kandidaten bleiben an diesem Abend aber alle Hände unten. Womit die erste Spannung bei Ulrich Caspar verfliegt. Denn nun bleibt alleine die Frage: Klappt es mit der absoluten Mehrheit im ersten Wahlgang? Die Wahl ist geheim, das Auszählen dauert einen Moment. Dann das Ergebnis.

Mehr als 83 Prozent der 78 anwesenden Vollversammlungsmitglieder votieren für den Frankfurter: 65 Ja-Stimmen, zehnmal Nein, zwei Enthaltungen. "Besser als ich erwartet habe", räumt Caspar ein, hochzufrieden.

von Dennis Pfeiffer-Goldmann

Kommentar von Dennis-Pfeiffer-Goldmann

Ulrich Caspar tritt in große Fußstapfen. Vorgänger Mathias Müller hat die Frankfurter IHK geschickt gelenkt und gut aufgestellt. Das haben sogar Gerichte bestätigt im Streit um die IHK-Gebühren. Auf den neuen Präsidenten warten also große Aufgaben: Fachkräftemangel, Wohnungsnot, Digitalisierung - das ist zwar nicht neu. Aber dass Caspar diese Themen als die wichtigsten anführt, zeigt, dass er sehr zielgerichtet vorgeht. 

In dieser Hinsicht dürfte die Vollversammlung die richtige Wahl getroffen haben. Mit der Erfahrung eines langjährigen Vollblutpolitikers kann Ulrich Caspar bestens Lobbyarbeit machen für die Unternehmer und den Standort. Denn an diesem, auch da liegt Caspar goldrichtig, läuft gerade ein Trend vorbei. Just bei den zukunftsweisendsten Firmen gilt das arrivierte Frankfurt nicht als erste Wahl. Start-ups zieht es lieber ins unkomplizierte Berlin. Hier aufzuholen, das ist genau die richtige Aufgabe für Frankfurts derzeit erfahrensten Job-Neuling.

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