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Freundschaft auf Zeit, im Rahmen eines Uni-Projekts. Die 22-jährige Jessica Kleem ist ein ?Balu?. Die siebenjährige Lina ein ?Mogli?. Nicht von ungefähr also stehen die beiden Figuren aus dem Dschungelbuch auf dem Tisch.

Besondere Freundschaft

Projekt „Balu und Du“: „Es ist für jedes Kind toll, einen älteren Freund zu haben“

Die siebenjährige Lina und die 22-jährige Jessica verbindet eine besondere Freundschaft. Beide lernten sich durch das Projekt „Balu und Du“ an der Goethe-Universität kennen und treffen sich seitdem regelmäßig. Jetzt werden Mentoren für eine neue Staffel des Projekts gesucht.

Frankfurt - Nein, wie ein Bär sieht Jessica Kleem wirklich nicht aus. Und doch ist die Studentin für Lehramt Grundschule ein „Balu“ – benannt nach dem großen, gemütlichen Bären aus Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“, der dem kleinen Menschenkind Mogli Halt und Orientierung gibt. Denn die 22-Jährige nimmt am Projekt „Balu und Du“ teil, das am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Goethe-Universität läuft. Dabei kümmern sich junge Erwachsene um Grundschulkinder, „die besondere Unterstützung auf der Schwelle zum Jugendalter benötigen“, wie es in einem Informationsblatt für das Projekt heißt.

„Ich hab’ gewonnen!“

Und so verbringt Jessica Kleem seit vergangenem Mai einen Nachmittag pro Woche mit der siebenjährigen Lina, die mit ihren Eltern und vier Geschwistern in Preungesheim lebt. Geht mit ihr ins Schwimmbad, ins Kino oder zum Fahrradfahren in den Günthersburgpark. Oder in eines der Frankfurter Museen. Auch Bowling stand schon auf dem Programm. Sehr zu Linas Freude, denn „ich hab’ gewonnen“.

An diesem Nachmittag treffen sich beide im Büro von Chiara Schomburg, die das Projekt an der Goethe-Universität koordiniert, und erzählen von ihren Erfahrungen. Was ihr bisher am besten gefallen hat? Lina zögert, weiß nicht so recht, was sie antworten soll. Hilfesuchend blickt sie zu Jessica Kleem. „Vielleicht das Schlittschuhlaufen?“, schlägt diese vor. Die Siebenjährige nickt erleichtert. Ja, genau, der Ausflug in die Eissporthalle sei toll gewesen. Ein wenig schüchtern wirkt sie, klammert sich an ihr Stofftier, das sie zur Unterstützung mitgebracht hat. Oft sucht ihr Blick denjenigen ihres „Balus“, also der 22-jährigen Studentin, die ihr dann ermutigend zunickt.

Neben Jessica Kleem und Lina gibt es momentan acht weitere „Balu-und-Du“-Tandems, die sich einmal pro Woche treffen. Die Mentoren im Alter zwischen 17 und 30 Jahren suchte man bisher unter Studenten der Erziehungswissenschaften, Lehrämter und Psychologie aus. Künftig will man sich jedoch für andere öffnen, auch für Nicht-Studenten.

Die intensive Eins-Zu-Eins-Beziehung zu einem jungen Erwachsenen wirke sich positiv auf die Grundschüler aus, sagt Chiara Schomburg. Dass da jede Woche jemand kommt, der sich einen Nachmittag lang Zeit nimmt, der einem zuhört, mit dem man etwas unternehmen kann – das sei für die Sechs- bis Zehnjährigen eine großartige Erfahrung. „Es ist für jedes Kind etwas Tolles, einen älteren Freund zu haben, der einem durchs Leben hilft“, sagt die Projektkoordinatorin. Jessica Kleem nickt bestätigend: „Jedes Kind freut sich, wenn es einen Balu hat.“

Messbar gute Wirkung

Die positiven Auswirkungen sind übrigens auch wissenschaftlich erwiesen. Durch begleitende Forschung habe man herausgefunden, dass sich die Kinder, im Projekt-Jargon „Moglis“ genannt“, positiv entwickelten, sagt Chiara Schomburg: Sie seien beispielsweise fröhlicher, die Konzentrationsfähigkeit nehme zu, die soziale Kompetenz werde gesteigert, während das Stresslevel sinke.

Lina sind diese Ergebnisse gerade ziemlich egal. Viel wichtiger ist ihr das Kartenspiel „Halli Galli“, das Jessica Kleem aus dem Regal in Chiara Schomburgs Büro geholt hat. Allmählich taut die Siebenjährige auf und kichert begeistert, als sie fixer ist als ihre Mentorin und dafür mit einem dicken Kartenstapel belohnt wird. Jessica Kleem trägt’s mit Fassung. Ob es schon mal Streit gegeben habe? Beide gucken sich an und schütteln dann einhellig die Köpfe: Nein, nie.

Das hört Chiara Schomburg gerne. Schließlich ist sie für die Zusammenstellung der Tandems verantwortlich. Bei Lina und Jessica hatte sie gleich ein gutes Gefühl: „Beide sind eher ruhiger, beide singen und tanzen gern, da habe ich mir gedacht, das könnte passen.“ In anderen Tandems könne es hingegen schon mal zu Konflikten kommen. Wie in jeder Beziehung eben. Auch deshalb bietet Chiara Schomburg eine engmaschige Betreuung an, unter anderem ein begleitendes Seminar. Ein Jahr lang dauern die Patenschaften im Projekt „Balu-und-Du“. Viele der Teams treffen sich aber auch danach noch regelmäßig, sagt Chiara Schomburg. Jessica Kleem will das ebenso halten. Das dürfte ganz in Linas Sinne sein. Ob die Studentin denn inzwischen ihre Freundin sei? Bei der Antwort auf diese Frage muss die Siebenjährige nicht lange überlegen: „Ja“, sagt sie einfach.

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