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Die B1-Fußballer des Sportklubs Makkabi beim Training.

Toleranz und Tore

Der jüdische Sportverband Makkabi fördert das Miteinander von Nationen und Religionen

Kein Sportverein wie jeder andere: Der Verband Makkabi vereint 37 deutsche Sportvereine mit jüdischen und nichtjüdischen Mitgliedern. Sie betonen Toleranz und Sportsgeist – und müssen sich gegen Beschimpfungen und Attacken wehren.

Es ist kalt, die Fußballer gehen unter Flutlicht auf den Platz. Die B1-Jugend läuft sich für das abendliche Training warm. Die 16-Jährigen aus Frankfurt sind eine bunte Truppe verschiedener Herkunft und Religion. Hervorstechend ist aber ihr Sportsgeist: „Bei uns kämpft jeder für jeden“, sagt Mohamed. Der junge Fußballer kam vor zwei Monaten von einem anderen Verein. „Die Mannschaft hier ist viel netter, der Zusammenhalt ist groß“, schwärmt er.

Dass der Turn- und Sportverein Makkabi ein jüdischer Verein ist, stört ihn nicht. „Religion spielt beim Sport keine Rolle“, sagt Mohamed. Manche seiner Freunde fragten ihn, warum er einem jüdischen Verein beigetreten sei. „Ich bin hier, um Fußball zu spielen, nicht um meine Religion zu wechseln“, entgegnet er. „Ich verstehe nicht, warum Leute einen jüdischen Verein beschimpfen.“

Die Wurzeln von Makkabi reichen mehr als 100 Jahre zurück, die Nazis lösten den deutschen Verband auf, 1965 wurde er wiedergegründet. „Wir haben auch viele Muslime bei uns“, sagt Alon Meyer, Präsident des deutschen Sportverbands und zugleich des Frankfurter Ortsvereins. „Wir haben viele Hautfarben, Religionen, Menschen mit Beeinträchtigungen – wir können zusammen!“

37 Ortsvereine

Makkabi mit seinen 37 deutschen Ortsvereinen wolle Begegnung schaffen und so Vorurteile gegen Juden abbauen. „Der Erfolg der vergangenen Jahre gibt uns recht.“ Dass ein jüdischer Verein dies schaffe, verdeutliche auch das „neue deutsch-jüdische Selbstverständnis“, wie Meyer sagt: „Wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wir wollen bleiben.“

Zu Makkabi Frankfurt gehören rund 1600 Mitglieder, die sich in 34 Sportarten engagieren. Sie seien deutscher, marokkanischer, türkischer, serbischer Herkunft, Juden, Christen, Muslime und Atheisten, bestätigt der Sportliche Leiter und Jugendleiter Max Eilingsfeld. Am sichtbarsten kommt die jüdische Trägerschaft darin zum Ausdruck, dass am Sabbat und an hohen jüdischen Feiertagen kein Training stattfindet. Und Jugendmannschaften besuchen auch schon mal das Lernlabor „Anne Frank. Morgen mehr“ der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank.

Eilingsfeld ist vor 18 Jahren über Schulfreunde zu Makkabi gekommen. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht, denn hier fühle er sich sehr wohl: „Wir sind ein familiärer Verein. Man geht liebevoll miteinander um, man kümmert sich umeinander.“ Die Mitglieder anderer Vereine verhalten sich im Wettstreit nicht immer so.

Beschimpfungen wie „Scheiß Juden“, „Ihr bringt Kinder um“ oder „Man hat vergessen, euch zu vergasen“ bekämen die Spieler besonders in den Jugendmannschaften zu hören, berichtet Eilingsfeld. Vor einigen Wochen habe bei einem Spiel der Fußball-B2-Jugend ein Spieler der gegnerischen Mannschaft beim Händeschütteln gesagt: „Gebt den Juden keine Hand!“. Der Verein habe nicht um Entschuldigung gebeten, jetzt liege der Protest beim Hessischen Fußball-Verband vor. „Es ist schwierig, damit umzugehen“, sagt der Sportliche Leiter. „Aber wir wollen nicht wegsehen.“

Manchmal reagiert ein Verein. Als neulich ein Jugendlicher einer gegnerischen Mannschaft „Scheiß Judenverein“ gerufen habe, habe der Schiedsrichter dies in seinen Bericht eingetragen, berichtet Eilingsfeld. Daraufhin habe der Club Germania Enkheim den Spieler gesperrt und auf einen Kurs geschickt, und der Fußballverband habe sich eingeschaltet.

„Wir wollen unsere Spieler schützen und stärken“, sagt der Sportliche Leiter. In Extremfällen ist dies auch körperlich nötig, es sei schon zu Faustschlägen gekommen. Bei zwei Auswärtsspielen von Jugendmannschaften habe Makkabi aufgrund der Bedrohungen Polizeischutz angefordert.

Angst und Ärger

Die jugendlichen Fußballer gehen mit antisemitischen Beschimpfungen unterschiedlich um. „Im ersten Moment höre ich nicht hin. Es bringt nichts, zurückzubeleidigen“, sagt John (16), der aus einer jüdischen Familie stammt. „Im zweiten Moment bin ich traurig. Aber ich bekomme mehr Lust, den Gegner zu besiegen.“ Ben (16), der in dem Verein ist, weil er in der Nähe wohnt und der Verein ihm gefällt, nimmt Beleidigungen wie „Wir machen euch zu Asche wie früher“ eher selten wahr und versucht sie zu ignorieren. Daniel (16), der über Freunde in den Verein gekommen ist und für den die jüdische Trägerschaft keine Rolle spielt, hat in einem Extremfall schon Angst verspürt. Antisemitische Beschimpfungen von Zuschauern nennt er eine „psychische Herausforderung“.

Ein Höhepunkt sind hingegen die Meisterschaften der Makkabi-Vereine untereinander. Das Gemeinschaftserlebnis packt alle Spieler: „Die Juniorgames 2018 in München waren ein tolles Erlebnis, sehr inspirierend“, erinnert sich Daniel. Für ihn bedeutet Makkabi: „Jeder steht für jeden ein.“

von Jens Bayer-Gimm

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