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Robert Del Naja kennt keinen Schmerz.

Schmerzhaftes Soundgewitter

So war die Show von Massive Attack in der Frankfurter Jahrhunderthalle

"Massive Attack" nahmen ihre Fans mit auf eine Zeitreise zurück in die späten Achtziger. Da emanzipierten sich die Trip-Hop-Pioniere gerade von dem von ihnen mitgeprägten Genre.

Frankfurt - Selten ist ein Bandname so programmatisch wie der von „Massive Attack“ beim ausverkauften Konzert in der Jahrhunderthalle. Denn die Briten bombardieren ihre Fans mit einem Soundgewitter und einer überbordenden Bilderflut.

Robert Del Naja und Grantley Marshall, die beiden verbliebenen Gründungsmitglieder von 1987, haben sich was vorgenommen. Den 20. Geburtstag ihrer dritten Produktion „Mezzanine“ galt es zu feiern. Seit 2018 Jahr sind sie auf Jubiläumstournee, um ihr epochales Werk hochleben zu lassen. Das galt auf der Insel für die Neunzigerjahre als so richtungsweisend, dass man „Massive Attack“ in eine Reihe mit den „Beatles“, „Led Zeppelin“ und „Duran Duran“ stellte, die die Dekaden davor prägten.

Das schürt Erwartungen. Bevor die Band aber die Bühne entert, müssen die Besucher bis halb Neun Musik aus der Konserve ertragen, die so mulmig, dumpf und laut aus den Boxen donnert, dass man sich vorkommt wie bei einer Kernspintomografie. Kein gutes Omen für den Auftritt. Der gönnt den Zuhörern dann doch ein ausgewogeneres Klangbild. Nur geschmeichelt wird den Ohren in den nächsten gut anderthalb Stunden selten.

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Schließlich hat Del Naja einen Nostalgie-Albtraum versprochen. Nur langsam setzen sich erste Songstrukturen gegen heftiges Rauschen, verzerrte E-Gitarren und Echolot-ähnliches Tönen zu flackerndem Stroboskop-Licht im Intro durch. „I Found A Reason“ von „Velvet Underground“ klingt im Original von 1970 fast wie ein Countrysong mit dylanesker Mundharmonika, hier ist es ein vergleichsweise schwelgerischer Einstieg im Schunkeltakt.

Fiese Fratze

Wilder sind die Bilder dazu auf den riesigen LED-Wänden. Auch dafür zeichnet Del Naja verantwortlich. Eher wie eine zufällige Zusammenstellung wirkt das zunächst. Die Subtexte und Botschaften kristallisieren sich noch heraus, als Barbie und Britney Spears mit Kriegsbildern und eingeblendete Motti wie „Liberté, égalité, fraternité“ konterkariert werden. Porträts der politischen Führer der Welt werden so übereinander geblendet, bis sie zu einer fiesen Fratze verschmelzen.

Die politische Korrektheit des Gesamtkunstwerks „Massive Attack“ gipfelt in der Aufforderung, die bösen Geister zu vertreiben und endlich zu beginnen, die Zukunft selbst zu gestalten. Immer angriffslustiger gestaltet die Band ihre Musik. Tiefe, schwere Bass-Grooves, hypnotische Beats mit Echo-Dub-Effekten, schroff-schrille Gitarren-Einwürfe – die Performance ist oft schmerzhaft laut. Selten gönnen „Massive Attack“ sich und ihren Anhängern Ruhepausen. Für den schlurfigen Reggae-Titel „Man Next Door“ kommt der erste Gastvokalist auf die Bühne. Der 67-jährige Horace Andy genießt Kultstatus auf der Insel. Er war einst bei der Produktion von „Mezzanine“ dabei, wie auch die frühere Frontfrau der „Cocteau Twins“, Elizabeth Fraser, die ihren Auftritt beim atmosphärischen „Black Milk“ hat. Ihre Live-Version des Hits „Teardrop“ zum Cembalo-Motiv ist der Höhepunkt des Abends und wird frenetisch beklatscht. Nicht immer überzeugt der Gesang. Andy hat dieses charmante Altherren-Tremolo, Fraser einen Kleinmädchen-Sopran. Von Sinnlichkeit wie früher kaum noch eine Spur.

Besonders schlimm klingt das im Pete-Seeger-Klassiker „Where Have All The Flowers Gone“. Ansonsten sind es die Coverversionen von „The Cure“, „Bauhaus“ und „Ultravox“ mit Post-Punk-Appeal, die für songhafte Momente sorgen. Die eigenen Tracks haben oft etwas Collagenhaftes. Schließlich kommen die Chefs im Ring aus der Programmier- und Sample-Ästhetik.

von Detlef Kinsler

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