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Das Orange Beach unter der Eisenbahnbrücke in Griesheim.

Alleine an Weihnachten

Heiligabend am Orange Beach: Ein Ort gegen die Einsamkeit

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In Deutschland waren rund 2,5 Millionen Menschen an Heiligabend allein. Andere wollen Weihnachten gar nicht mit der Familie verbringen. Sie verbinden damit „Geschenke-Terror“ oder den Zwang zur Besinnlichkeit. In der Griesheimer Bar „Orange Beach“ kommen an Heiligabend einige von ihnen zusammen. Eine Perspektiven-Schau auf den Heiligabend.

Helmut Braunbarth an Heiligabend im Orange Beach.

Frankfurt - Helmut vermisst seine Frau. „Wie verrückt“, wie er sagt. Es ist sein erster Heiligabend, den er in 40 Jahren ohne sie verbringt. So lange sind sie schon ein Paar. Ein ganzes Arbeitsleben als Eisenbahner liegt hinter ihm und ein paar Jahre Rente. Inzwischen sind seine Haare samt Bart so weiß wie Schnee, seine Grundhaltung aber nicht weniger optimistisch. 70 Jahre ist er alt und 37 Jahre davon mit seiner Frau verheiratet. Wegen eines Schlaganfalls ist sie nun zur Kur. So steht Helmut am Abend des 24. Dezember in Ecke des Orange Beach, der kleinen Bar dort direkt am Main unter der Griesheimer Eisenbahnbrücke. Helmut trinkt Bier, macht Witze und diskutiert quer durch den Raum.

2,5 Millionen Deutsche sind Heiligabend allein

Es sind eine handvoll Leute, die mit Helmut hier den Abend verbringen. Manche haben sonst niemanden, zu dem sie gehen können und auch keine Verwandten kommen sie besuchen. Rund 2,5 Millionen Menschen sind Heiligabend allein. Das ließ vergangene Woche die dpa über den Ticker laufen und bezog sich auf eine Studie des Marktforschungsunternehmens GfK.

Auf einem alten Küchenofen köcheln Nudeln und Gulasch.

Andere im Orange Beach sind vom "ganzen Weihnachts-Tamtam" einfach genervt und halten es für das genaue Gegenteil von Entspannung. Alle aber hier kennen sich. Sie sind Stammkunden und wenn der Inhaber Olaf Gries auf dem kleinen Holzofen den Gulasch für alle kocht, dann verbreitet das nicht nur die behagliche Atmosphäre einer kleinen Berghütte, sondern auch die einer bunt zusammengewürfelten Patchwork-Familie.

Der typisch deutsche Heiligabend

Wäre Helmuts Frau nicht zur Kur und müsste sie deshalb nicht um 22 Uhr auf ihrem Zimmer sein und hätte das Paar nicht Angst, die Versicherung würde sie auf den Kosten sitzen lassen, wenn sie die Regeln brechen, dann sehe ihr Heiligabend aus, wie es typisch deutscher kaum sein kann. „Meine Frau würde bis 16 Uhr in der Küche das Essen vorbereiten“, erzählt Helmut, „und ich würde im Garten werkeln.“ Abends habe es dann meist Würstchen mit Kartoffelsalat gegeben, dann Bescherung und Entspannung. Familientreffen kommen in Helmuts Schilderung allerdings nicht vor. Laut GfK-Studie feiern 86 Prozent der Deutschen Heiligabend mit Kindern, Eltern, Geschwistern oder Großeltern.

„Dann sitzt man da, schaut dauernd auf die Uhr und wartet bis man frei ist, um sich mit Freunden zu treffen“, sagt Hisham. 24 Jahre ist er alt und das dritte Jahr in Folge an Heiligabend im Orange Beach. Mit seinen Eltern habe er das Geschenke-Prozedere auf den Vormittag verlegt. Dann könne danach „jeder seins machen“.

Erschöpft vom Weihnachtsgeschäft

(v.l.) Jan Gries, Werner Dettinger, Wolfgang Seipp und Kirsteen Altgassen diskutieren im Orange Beach über Weihnachten und die Welt.

Ähnlich wie Hisham sieht es auch Wolfgang. Der hoch gewachsener Mann Anfang 50 ist mit Kristeen gekommen, seiner Freundin. Als Wolfgang noch verheiratet war, hat er mit seiner Frau und seinen Kindern ganz klassisch den 24. Dezember gefeiert. „Entspannend war das aber nicht“, sagt Wolfgang. Er arbeitet im Einzelhandel und der große Andrang des Weihnachtsgeschäfts laugt ihn jedes Jahr aus. Völlig erschöpft sei er an Heiligabend dann nachmittags Nachhause gekommen. Doch statt ins Bett zu gehen, habe „besinnliche Weihnacht“ auf dem Terminplan gestanden. Das Orange Beach und sein Inhaber Olaf stellen dagegen keine Ansprüche. Rauchen und Bierchen trinken, darum geht es hier und das ist für Wolfgang Entspannung.

Kirsteen dagegen fehlt das Zusammensein mit der Familie. 46 ist sie, ihr Sohn aus erster Ehe ist erwachsen und feiert mit seiner Freundin. Früher seien sie häufig mit Kind, Kegel und allen Verwandten fortgefahren. „Die Tanten haben gekocht und wir haben gechillt.“ Die vergangenen Jahre war sie nun hier bei Olaf. Sie wird kurz still. Ihre Zigarette glüht auf. „Das hat sich halt so entwickelt“, sagt sie dann. Schlimm sei das aber nicht. Sie sei gern hier, auch sie arbeitet im Einzelhandel, ist Heiligabend erschöpft und am zweiten Weihnachtsfeiertag komme ja die ganze Patchwork-Familie zusammen. Mit ihrem Sohn und auch Wolfgangs Kindern.

Weihnachten eben

Dann folgt der weihnachtlichste Moment des Abends. Wolfgang und Kirsteen haben Geschenke mitgebracht. So akkurat in rotes Papier eingepackt, wie wohl nur im Weihnachtsgeschäft erprobte Einzelhändler einpacken können. Das erste Geschenk ist für Olaf. Es ist ein schwarzes Brett, „Haussegen“ steht darauf und in der Mitte ist eine Wasserwaage. „Ein Stimmungsmesser“, ruft Helmut rein. Olaf wird kurz verlegen. „Wie soll ich das vergelten?“ Wolfgang winkt ab. Kein Wort wird danach mehr über das Geschenk gewechselt.

Das zweite Geschenk ist von Wolfgang für Kirsteen. Ein externer Akku für das Handy, der in der Tasche leuchtet. „Toll, oder“, fragt Wolfgang. Kirsteen zuckt mit den Schultern. „Naja“, sagt sie nur. Weihnachten eben.

Olaf Gries hinter der Theke seiner Bar "Orange Beach".

Olaf macht stolz, dass Menschen seiner Bar in ihren weihnachtlichen Ritualen einen festen Platz geben. „Das ist doch ein Kompliment“, sagt er. Als Olafs Frau noch lebte, fuhr er mit ihr und den Kindern nach Polen zu ihrer Verwandtschaft. Das sei immer stressig gewesen und voller Zwänge. Heute feiert ein Sohn in Polen, seine Tochter mit ihrem Partner und sein zweiter Sohn bei ihm im Orange Beach. Olaf findet das gut so. Keine Zwänge und vor allem: „Ohne diesen Konsumterror mit den Geschenken“.

Niemand sollte Heiligabend allein sein

Olaf Gries mit seinem Sohn Jan Gries im Orange Beach.

Nach 20 Uhr wird es ruhiger. Statt schnellen Witzen und viel Gelächter werden die Themen ernster. Dass man die kleinen Dinge schätzen sollte, um glücklich zu sein, sagt Olaf und alle stimmen ihm zu. Die Gäste bleiben noch, aber Helmut muss jetzt los. Die Frau eines Freundes ist in diesem Jahr gestorben und der Freund ist an Heiligabend nun das erste Mal allein. Aber niemand, so sieht das Helmut, sollte Heiligabend allein sein. 

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