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Günter W. vor dem Hindernis, das er in seinem Rollstuhl nicht passieren kann: die Treppe. Er hofft auf eine Erdgeschosswohnung.

Wohnungsmangel

Senior im Rollstuhl ist gefangen in der eigenen Wohnung im ersten Stock - Frau kämpft um Erdgeschosswohnung

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Mehr als zwei Jahre lang war Günter W. in einem Pflegeheim. Jetzt ist er wieder zu Hause. Seine Frau bemüht sich um eine behindertengerechte Wohnung. Bislang vergeblich.

Günter W. (Name der Redaktion bekannt) ist glücklich, wieder zu Hause zu sein. 28 Monate war er in einem Pflegeheim. „Als er zurückkam am 30. November hatte er Tränen in den Augen“, sagt seine Frau Rosemarie. Und doch ist sie mit der Situation ganz und gar nicht zufrieden. „Wir wohnen im ersten Stock. Mein Mann ist in der Wohnung gefangen.“ Jedenfalls wenn er nicht in der Tagespflege ist. 

Der Fahrdienst verfügt über technische Möglichkeiten, einen sogenannten Treppensteiger, um ihren Mann im Rollstuhl zur Haustür zu bringen. Günter W. hofft jetzt darauf, dass die Krankenkasse einen solchen Treppensteiger für ihn bezahlt. „Dann könnte mich meine Frau rausbringen.“

Seniorin Rosemarie W. kämpft bei der städtischen ABG Holding für eine Erdgeschosswohnung

Rosemarie W. ist eine kämpferische Frau. Sie hat sich schon vor vier Jahren, als ihr Mann bereits wegen eines Infarkts teilweise gelähmt war, an die Vermieterin, städtische ABG Holding, gewendet: „Ich habe vorgetragen, dass wir als alte Mieter jetzt in der Situation sind, eine behindertengerechte Wohnung zu benötigen. Am liebsten würden wir hier in Niederrad bleiben, in der Jugenheimer Straße. Uns wäre schon geholfen, wenn wir ins Erdgeschoss ziehen könnten.“

Doch frei werdende Erdgeschosswohnungen sind immer anderweitig vergeben worden. Rosemarie W. ist sauer: „Gegenüber, in der Hausnummer 1, war eine Wohnung frei, behindertengerecht. Dort sind andere Senioren eingezogen, gut. Aber hier, auf unserer Straßenseite, in den Hausnummern 2 bis 10, sind immer wieder Erdgeschosswohnungen frei geworden und an junge Leute vergeben worden.“

Rollstuhlfahrer haben es in Frankfurt oft schwer - über die alltäglichen Probleme eines Rollstuhlfahrers berichteten wir hier.

Mann im Rollstuhl sitzt in Niederrad im ersten Stock fest

Dabei habe ABG-Geschäftsführer Frank Junker ihr zugesagt, sich um ihren Fall zu kümmern. Das war im Mai 2017, nachdem sie einen Brief an Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) geschrieben hatte. Seitdem ist nichts mehr geschehen. Und das, obwohl ihr Mann im Rollstuhl nun seit drei Monaten wieder zu Hause ist.

Frank Junker ist etwas ungehalten: „Frau W. muss sich entscheiden, was sie will. Wir haben hier nur die Bitte um eine behindertengerechte Wohnung vorliegen. Wenn es ihr jedoch genügt, in eine Halbparterre-Wohnung in der Jugenheimer Straße zu ziehen, können wir ihr sicher helfen“, sagt Junker, räumt aber ein, dass es mit dem Umbau in eine barrierefreie Wohnung in der Jugenheimer jedoch schwierig sei. „Das Erdgeschoss liegt im Halbparterre, Treppen haben Sie immer, das kann man nicht umbauen.“

Frau W. weiß das natürlich. „Es sind fünf oder sechs Stufen.“ Die könne ihr Mann bewältigen – notfalls auch ohne Treppensteiger. Ohne diesen ist er jedoch im ersten Stock hilflos. „Aber das weiß die ABG doch.“ In ihrem Brief von 2017 schreibt sie mehrmals, dass sie eine Parterre- oder Halbparterre-Wohnung benötigt.

Noch am Tag der Anfrage dieser Zeitung bei Junker hat sich die ABG bei dem Ehepaar gemeldet und eine barrierefreie Wohnung in der Lyoner Straße angeboten. „Die Wohnung wird gefördert durch das Mittelstandsprogramm“, sagte Junker. „Wir müssen sehen, ob es finanziell klappt.“

Die angebotene Wohnung ist zu teuer

Es klappt nicht. Günter W. berichtet: „Diese Wohnung wäre für uns zu teuer. Es würde die Hälfte unserer Rente kosten.“ Doch gestern erhielt W. einen weiteren Anruf der Wohnungsgesellschaft. Dem Paar werde schnellstmöglich eine Halbparterre-Wohnung in der Jugenheimer angeboten. Das wäre für die beiden Senioren eine deutliche Verbesserung. „Meine Frau wird ja auch nicht jünger, und ich bin jetzt auf sie angewiesen“, sagt W.

Aber auch für Senioren und Flüchtlinge ist der Wohnraum knapp, in Hartheim wird dazu gebaut.

Fast jeder zweite Frankfurter Haushalt hätte Anspruch auf eine Sozialwohnung

Womöglich hätte er sogar Anspruch auf eine Sozialwohnung – wie fast jeder zweite Haushalt in Frankfurt. Dies ergab eine Untersuchung von 2015. „Nicht alle, die Anspruch auf eine solche Wohnung haben, können auch in einer wohnen“, warnte Mark Gellert, Sprecher bei Planungsdezernent Mike Josef (SPD). „Das Amt für Wohnungswesen hat die Belegrechte für rund 32 000 Wohnungen.“ Davon sind 4905 Wohnungen seniorengerecht, also barrierefrei. Eine hohe Zahl. Aber: „Die Wohnungen sind natürlich belegt. Es gibt eine Warteliste.“ 2017 – die neuesten Zahlen – standen 9583 Haushalte auf der Liste. 755 davon benötigen eine der seniorengerechten Wohnungen.

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