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Ansgar Wucherpfennig und vier weitere Frankfurter haben den deutschen Bischöfen für deren heutige Rom-Fahrt einen Auftrag mitgegeben.

Bischofskonferenz in Rom

Theologen plädieren für einen tiefgreifenden Wandel in der katholischen Kirche

Von heute an werden die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen in Rom mit Papst Franziskus über die Kirchen-Krise beraten. Dabei geht es auch um die Missbrauchsfälle. Zuvor gab es eine Podiumsdiskussion in der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, deren Rektor der streitbare Jesuit Ansgar Wucherpfennig ist.

Vor Beginn des Bischofsgipfels zum Missbrauchsskandal im Vatikan steigen die Erwartungen an die Teilnehmer, Verantwortung zu übernehmen. Das wurde auch während einer Podiumsdiskussion in Sankt Georgen in Oberrad deutlich. Der Missbrauchsbeauftragte der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, forderte die Teilnehmer in Rom dazu auf, bei ihren Beratungen die Interessen von Betroffenen über das Ansehen der Kirche zu stellen. „Aus meiner Sicht wäre es ein wichtiger Schritt, wenn Papst Franziskus es mit seiner Autorität schafft, die Bischöfe zu verpflichten, sich dem Thema Missbrauch opferorientiert zu stellen und nicht das Ansehen der Kirche an die erste Stelle zu setzen“, sagte der Trierer.

Einen Schritt weiter geht da Pater Ansgar Wucherpfennig, der Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule: „Vielleicht entwickelt sich zumindest ein weltweites Bewusstsein für die Problematik. Oder es gibt den Anstoß für lokale und kulturell gebundene Lösungen, etwa für den deutschsprachigen Raum.“ Gleichwohl handele es sich „um einen Notgipfel“. Wucherpfennig: „Die Jugendsynode etwa war viel besser vorbereitet und dauerte auch deutlich länger.“

Stärkere Gewaltenteilung bei Diskussionsveranstaltung in Frankfurt gefordert

Von heute an treffen sich die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aus aller Welt für vier Tage in Rom. Nach Angaben des Vatikans nehmen 190 Kirchenvertreter auf Einladung von Papst Franziskus an den Beratungen teil. Darunter auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx, sowie Ackermann.

Während der Diskussionsveranstaltung in Oberrad forderte Ackermann eine stärkere Gewaltenteilung in katholischen Bistümern. Diözesanbischöfe hätten weitreichende Machtbefugnisse. Es gebe keine Kontrollinstanz für die Entscheidung von Bischöfen. „Die Macht ist kirchenrechtlich und sakral im Amt kumuliert“, sagte er. Auf lange Sicht müsse sich daran etwas ändern. Der Machtmissbrauch sei der Knackpunkt des Missbrauchsskandals. Er erhoffe sich, dass die Teilnehmer des Gipfels mit der Einsicht heimkehrten, „dass die Problematik von sexueller, psychischer und spiritueller Gewalt in der Kirche nicht bloß eine Problematik der Bischofskonferenzen des Nordens oder Westens ist“.

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Zur heutigen Rom-Fahrt der deutschen Bischöfe haben sich acht Unterzeichner eines offenen Briefes an den Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, gewandt. Der Brief wurde am 3. Februar in der „FAZ“ veröffentlicht. Fünf der acht Unterzeichner kommen aus Hessen, darunter Ansgar Wucherpfennig, dem der Vatikan im November vergangenen Jahres erst nach öffentlichen Appellen von Theologen die Zustimmung zu einer dritten Amtszeit gewährt hatte. Auch der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz und die Frankfurter Caritas-Direktorin Gaby Hagmans schlossen sich dem Appell an, ebenso wie der Jesuitenpater Klaus Mertes, der 2010 Missbrauchsfälle in der Kirche öffentlich gemacht hatte und nun das Kolleg Sankt Blasien im Südschwarzwald leitet. Der Brief ist gewissermaßen ein Reisebrevier für den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und seine Kollegen.

„Wenn Sie sich an die Spitze der Reformbewegung setzen, haben Sie uns entschlossen hinter sich“, steht in dem Appell, der sich auch an alle anderen Bischöfe richtet. „Schlagen Sie eine neue Seite auf, schreiben Sie ,2019‘ darüber, und fangen Sie an.“

Angesichts der Missbrauchsskandale der vergangenen Jahre sprechen die Verfasser des Papiers auch von einer bedrückten Stimmung in den Pfarrgemeinden: „Die Sonne der Gerechtigkeit kommt nicht mehr durch. Unter einem bleiernen Himmel verkümmert die Freude am Glauben.“ Die Unterzeichner setzen sich für die Öffnung des Weiheamtes für Frauen ein und wollen den Diözesanpriestern die Wahl ihrer Lebensform freistellen, „damit der Zölibat wieder glaubwürdig auf das Himmelreich verweisen kann“.

Vorwurf der unreifen Sexualität an einige Priester

Den Pflichtzölibat freizugeben, ist für Ackermann jedoch keine Lösung, wie er bei der Diskussion in Sankt Georgen sagte. Sexuellen Missbrauch gebe es auch in anderen gesellschaftlichen Kontexten, in denen die Ehelosigkeit keine Rolle spiele. Gleichzeitig sieht Ackermann in einem unreifen, unreflektierten Verhältnis zur Sexualität in Kombination mit einem überhöhten Amtsverständnis einen speziellen katholischen Risikofaktor. Einige Priester hätten vielleicht das Gefühl, sich in ihrem Lebenskontext nicht mit der eigenen Sexualität beschäftigen zu müssen. Das sei falsch.

Ob die Beratungen im Vatikan dazu einen Beitrag leisten, bleibt fraglich. Konkrete Entscheidungen dürfe man wohl nicht erwarten, sagte Ackermann. Aber er habe die Hoffnung, dass seine Bischofskollegen aus aller Welt mit einer veränderten Haltung für die Geschichten der Opfer aus Rom heimkehrten.

(kna,tre,ou)

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