+
Die Frankfurterin Michelle Spillner verzaubert ihr Publikum nicht nur mit Kartentricks und magischen Seilen, sondern auch mit ihren Erfahrungen nach einer überstandenen Krebserkrankung in ihrem neuen Buch „Der beste Sommer unseres Lebens“.

Zauberin und Autorin

Vom Zauber des Lebens nach dem Krebs

Die Zauberin und Autorin Michelle Spillner erzählt in ihrem neuen Buch von vier Frauen, die im Sommer 2007 nach überstandener Krebserkrankung in einer Kurklinik aufeinander treffen und enge Freundinnen werden.

Frankfurt - Im ehemaligen evangelischen Höchster Pfarrhaus wird gezaubert. Die hohe Kunst der Illusion wird im schönen Backsteinhaus von 1904 studiert. In der Idylle mit Blick auf einen kleinen Garten lebt Michelle Spillner, Deutschlands beste Kartenzauberkünstlerin. Wenn sie nicht mit magischem Seil und Spielkarten vor Publikum steht, schreibt die freie Journalistin und Autorin Bücher. Mit Schlagerlegende und Schauspielerin Dunja Rajter verfasste sie deren Biografie „Nur nicht aus Liebe weinen“. Im aktuellen Buch schildert die 51-Jährige Erlebnisse, die auf ihren eigenen Erfahrungen während einer Krebs-Reha an der Ostsee basieren.

„Der beste Sommer unseres Lebens – Überleben ist erst der Anfang!“, titelt ihr Roman, der sich mit humoristischem Tiefgang einem schwierigen Thema nähert: Was kommt nach dem Sieg über den Krebs? Die vier Protagonistinnen loten in der Kur ein neues Lebensgefühl aus, werden mutiger, selbstbewusster und wachsen als Freundinnen zusammen. Für Michelle Spillner kam mit dem Krebs, wie sie sagt, „das Beste, was mir je passiert ist, er war der Tritt in den Hintern, den ich gebraucht habe, um mich darauf zu besinnen, was ich bin und was ich will“. Sie ergänzt: „Diesen Satz habe ich vor meiner Erkrankung oft von Krebspatientinnen gehört, ich hielt ihn für Unsinn. Aber es stimmt. Krebs verändert für die Überlebenden den Blick auf die Welt, die Prioritäten und das Selbstverständnis.“

Erinnerung an die Krebsdiagnose

Der beste Sommer unseres Lebens - Überleben ist erst der Anfang! Nach einer wahren Geschichte“ titelt das gebundenes Buch der Zauberin und Autorin Michelle Spillner. Es hat 256 Seiten und ist im Verlag Adeo erschienen. Die ISBN lautet 10: 3863342186 und ISBN-13: 978-3863342180, 18 Euro

In ihrer gemütlichen Wohnküche, durch die ein Hauskater Patrouille läuft, erinnert sich die Frankfurterin an die Schreckensnachricht: „Kurz vor meinem 40. Geburtstag informierte mich meine Ärztin über das Ergebnis einer Kontrolluntersuchung. Sie riet zur sofortigen Operation.“ Zu dieser Zeit war Michelle Spillner als Redakteurin dieser Zeitung tätig, „viele spannende Termine, das war mein Leben über viele Jahre“. In der Bühnenzauberei hatte sie damals bereits Erfolge, alles lief parallel zum Job. Statt einer Chemotherapie entschied sie sich für eine Behandlung mit Mistelpräparaten und wurde geheilt. Alles kam auf den Prüfstand. Michelle Spillner löste sich aus der Festanstellung und wagte die Selbstständigkeit. Für sie ein konsequenter Schritt: „Durch die Erfahrung der Endlichkeit, bei mir nicht zuletzt durch eine schwere Komplikation nach der Operation, erlebt man eine Art Befreiung – plötzlich darf man alles.“ Den Moment so gut wie möglich zu füllen, ein Credo, das auch ihre Romanheldinnen genüsslich auszukosten beginnen.  

Liebe als „Zauberkraft“

Schaut man sich im Höchster Haus um, einst das Zuhause des evangelischen Pfarrers und von Michelle Spillner und ihrem Partner liebevoll in die bauliche Moderne geholt, ist unübersehbar, was der Frankfurterin hilft, das Leben zu genießen. Jeder Winkel erzählt Geschichten, die meisten von Zauberei. Im Fotoatelier lassen sich auch prominente Zauberkünstler ablichten, es gibt Räume für Workshops. „Ich helfe Zauberern bei der Entwicklung von Darbietungen, sie üben hier ihre Nummern“, sagt sie. Die Tischzauberei, also Zauberei ganz nah am Publikum, ist neben ihrem abendfüllenden Bühnenprogramm das Metier, in dem sie es bereits zu hohen internationalen Auszeichnungen gebracht hat. Die Täuschungen spickt sie mit Witz und kabarettistischen Einlagen. In Deutschland ist sie eine der wenigen Frauen, die professionell zaubern und nicht nur als Assistentin auftreten. Sie ist auch im Bundesvorstand des „Magischen Zirkels von Deutschland“ aktiv und verantwortet das monatliche Vereinsorgan „Magie“.

Kartentricks

Die gebürtige Gießenerin, die in Hattersheim aufwuchs, entdeckte das Zaubern spät. Es war die Liebe, deren „Zauberkraft“ den Anstoß gab: „Anfang der 90er Jahre nahm mich ein Kollege mit ins Neue Theater Höchst, so kam ich zur Theaterfotografie. Dort verliebte ich mich in einen Profi, den ich auf einen Zauberkongress begleiten durfte. Das Interesse für virtuose Kartentricks war geweckt, nur mit der Liebe klappte es nicht.“ Einer ihrer frühen Auftritte war in einem Zug, „mit 80 Gynäkologen, eine Herausforderung“, sagt sie und lacht. Und auch beim Zaubern gibt es stressige Tage, sagt sie: Morgens präparieren, dann Technikprobe am Veranstaltungsort und nach dem Auftritt oft hunderte Kilometer wieder zurück. „Früher bin ich am nächsten Morgen noch in die Redaktion.“

Anfang von etwas Gutem

Kann eine Krebsdiagnose auch der Anfang von etwas Gutem sein? Michelle Spillner erzählt in ihrem Roman, weshalb sie das bejaht. Schon während der Kur am Meer schrieb sie die dort Fragmente der erlebten Geschichten mit leichter Hand auf, zunächst nur für ihre Freundinnen, die sie aber bald ermunterten, ein Buch daraus zu machen. Im vergangenen Sommer brachte die Autorin in ihrem Garten sitzend rund 250 Seiten auf Papier. Am nächsten Buch arbeitet sie bereits und weitere sind geplant. Sie sagt: „Eigentlich müsste ich 500 Jahre alt werden, um all die Dinge zu machen, die ich mir vorgenommen habe“.

VON JUTTA FAILING

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare