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Rechenzentrum in Frankfurt: Das Wachstum hier ist derzeit auch wegen Corona gigantisch, die Datenmenge wächst jedes Jahr um die Hälfte.

Rechenzentren

Frankfurts Digital-Wachstum ist spitze in Europa

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    vonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Plus 50 Prozent - jedes Jahr! Nirgendwo sonst in ganz Europa wächst das Digitale so stark wie in Frankfurt. Es gibt schon 60 Rechenzentren, viele weitere kommen noch. Die Stadt will jetzt die Entwicklung stärker steuern.

Frankfurt -In Gewerbegebieten in Frankfurt schießen Rechenzentren wie Pilze aus dem Boden. Damit das für Nachbarn verträglich bleibt, will die Stadt das Wachstum mit einem Entwicklungskonzept steuern. Eile ist nötig: Frankfurt wächst im Digitalen gerade so stark wie kein anderer Standort in Europa und Afrika.

Sage und schreibe 100 Rechenzentren von 35 Betreibern gibt es in Frankfurt bereits, und der Ausbau läuft in atemberaubendem Tempo. 16 weitere Data-Center, in denen Firmen ihre Daten speichern und untereinander austauschen, sind nach Angaben der Stadt in Bau. Frankfurt habe "weltweit eine zentrale, einzigartige Position in der Digitalwelt", schwärmt Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU) in einem aktuellen Magistratsbericht.

Frankfurt ist mit großem Abstand größter Rechenzentrumsstandort in Deutschland, was auch daran liegt, dass sich der weltgrößte Internetknoten in der Stadt befindet. Allerschnellste Glasfaserkabel, Verbindungen in die ganze Welt sowie die zentrale Lage schätzen die Firmenkunden, getrieben von Finanzbranche und Banken. Auch "Risikofreiheit bezogen auf Erdbeben und Hochwasser" sei wichtig, betont Planungsdezernent Mike Josef (SPD).

Magnete für andere Firmen und Arbeitsplätze

Die Rechenzentren konzentrieren sich auf das Gallus, Sossenheim, Rödelheim im Westen sowie Ostend und Seckbach im Osten der Stadt. Doch die Flächen werden knapper. Gerade erst ist dem Betreiber Interxion ein Coup gelungen: Er hat an der Hanauer Landstraße große Teile des alten Neckermann-Areals gekauft. Hier werden Industriebrachen neu genutzt, ähnlich wie es zum Beispiel Konkurrent Equinix entlang der Friesstraße in Seckbach macht.

Längst schwingt bei gewerbetreibenden Nachbarn und in der Stadtpolitik die Sorge mit, dass bestehende Firmen aufgrund des großen Flächenhungers der Rechenzentren und steigender Grundstückspreise verdrängt werden könnten. Es sei anders herum, widerspricht Stadtrat Josef in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage von Christiane Loizides (CDU): Die Rechenzentrumskapazitäten "scheinen eine wichtige Grundlage für die Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit ortsansässiger Industrie- und Gewerbebetriebe zu sein." Nur aufgrund der Rechenzentren siedelten sich viele andere Unternehmen an und schafften Arbeitsplätze, betont auch Wirtschaftsdezernent Markus Frank (CDU).

Zudem investieren die Rechenzentrumsbetreiber mit 400 bis 500 Millionen Euro pro Jahr kräftig in Frankfurt - plus jährlich 50 Millionen für Wartung und Instandhaltung. Der Beitrag der Rechenzentren zum Gewerbesteueraufkommen sei "ein wirtschaftlich positiver Aspekt", unterstreicht Frank.

Jedes Jahr 50 Prozent mehr Datenaustausch

Jedoch verbrauchten die Data-Center 2019 mit 1426 Megawattstunden inzwischen mehr Strom als der Flughafen. Zum Vergleich: 2018 verbrauchten die 400 000 Haushalte in der Stadt zusammen rund 940 Megawattstunden Strom. Die CO2-Emissionen sind hoch, die Abwärme bleibt bislang ungenutzt.

Und: Meist sind Rechenzentren 30 bis 40 Meter hohe Klötze. "Die aus Wirtschaftlichkeit und Zertifizierungsanforderungen entstandene Funktionalarchitektur berücksichtigt die städtebauliche Komponente nicht genug", so Josef. Er rechnet zur derzeitigen Fläche von 60 Hektar für Data-Center bis 2030 mit einem Bedarf von weit über 80 Hektar. Von 27 Hektar im Ostend, Seckbach und Sossenheim weiß die Stadt schon. Das sei alles die "Basisinfrastruktur für die Zukunft", mahnt Josef.

Corona treibt das Wachstum an

Daher müssten Städtebau- und Stadtplanungsaspekte nun stärker berücksichtigt werden. Deshalb werde ein städtebauliches Entwicklungskonzept erarbeitet, um das Wachstum zu steuern, kündigt Josef an. Dabei muss sich die Stadt sputen: Die Corona-Pandemie mit immer mehr Homeoffice-Plätzen beschleunigt das Wachstum aktuell rapide.

Wegen Covid-19 hätten Firmen in allen Branchen ihre IT-Initiativen beschleunigt, erklärt auch Jens-Peter Feidner, Deutschland-Geschäftsführer von Equinix, dem weltgrößten Data-Center-Betreiber. "Dies beobachten wir insbesondere in Frankfurt". Die Stadt sei jetzt sogar der größte Wachstumsmarkt beim Datenaustausch in ganz Europa: In Frankfurt nimmt der Datenaustausch aktuell um jährlich rund 50 Prozent zu, hat der globale Rechenzentrumsprimus dieser Tage in seinem "Global Interconnection Index" ermittelt.

Papierstapel alle 25,6 Sekunden bis zum Mond

Damit würde sich die Menge an in Frankfurt übertragenen Daten von 2019 bis 2023 von 153 auf 767 Terrabit pro Sekunde erhöhen. Würden diese Daten, ausgedruckt auf DIN A4-Papier und alle Seiten aufeinander gelegt, wäre der Stapel mehr als 15 000 Kilometer hoch - jede Sekunde! Ein Papierstapel würde also alle 25,6 Sekunden bis hinauf zum Mond anwachsen.

Ein kommunales Entwicklungskonzept gebe den Betreibern Planungssicherheit, lobt Jens-Peter Feidner. "Wir begrüßen daher, dass die Stadt bei der Planung des Flächenkonzepts auch mit Betreibern sprechen wird." Dabei möchte er auch etwa "Optionen zur Abwärmenutzung besprechen". Equinix sammelt bereits Erfahrungen, wie Rechenzentren verträglicher werden: Der Betreiber arbeitet im Pilotprojekt "Nachhaltiges Gewerbegebiet" in Seckbach mit und baut aktuell ein begrüntes Rechenzentrum in Griesheim.

Rekord am weltgrößten Internetknoten

Im Corona-Shutdown mit geschlossenen Lokalen, Theatern, Kinos, Sport- und Freizeiteinrichtungen steht das Streamen von Filmen und Online-Spielen extrem hoch im Kurs: Am 3. November sind im weltgrößten Internetknoten De-Cix in Frankfurt erstmals mehr als 10 Terabit Daten pro Sekunde verarbeitet worden.

Kurz nach 20 Uhr sei der Rekord erzielt worden, erklärt Thomas King, Technik-Vorstand von De-Cix. Das sind 40 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und zehn Prozent mehr als beim vorigen Rekord von neun Terabit Anfang März. Zehn Terabit entsprechen dem gleichzeitigen Abspielen von 2,2 Millionen Filmen in HD-Qualität.

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