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Kostümbildnerin Baum hat für fünf Fassbinder-Filme gearbeitet.

Ausstellung

Frankfurts Filmmuseum zeigt Entwürfe der Kostümbildnerin Barbara Baum

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Die Berliner Schneiderin schuf Kleider für die Kinofilme „Lili Marleen“, „Lola“ und „Das Geisterhaus“, aber auch für die Fernsehproduktion „Buddenbrooks“.

Wer würde je vergessen, wie Marilyn Monroes weißes Plisseekleid in „Das verflixte siebte Jahr“ über dem Luftschacht hochweht? Wie Audrey Hepburn im kleinen Schwarzen in „Frühstück bei Tiffany’s“ die Zigarettenspitze an die Lippen hält? Oder wie Franco Nero in dem Italo-Western „Django“ den langen Ledermantel über den Revolverhalftern hängen hat? Kleider machen Leute, Kostüme machen Stars. Was Hollywood kann, können die Filmstudios Babelsberg in Berlin und Bavaria in München freilich auch. Vielleicht gelingt es ihnen nicht immer ganz so glamourös wie Amerikas Traumfabrikanten. Aber manchmal wollen sie die Dinge auch ganz bewusst etwas bescheidener aussehen lassen.

Eine der bedeutendsten deutschen Kostümbildnerinnen ist Barbara Baum. Die heute 74-Jährige hat für maßgebliche Kinofilme und Fernsehproduktionen gearbeitet und allein fünf Kinowerke für Rainer Werner Fassbinder ausgestattet. „Wir waren füreinander bestimmt“, sagte Baum vor der Eröffnung ihrer Ausstellung „Hautnah“ im Frankfurter Filmuseum über die Zusammenarbeit mit dem Regisseur bis zu dessen Tod. Auch ohne Worte hätten sie sich bei den Vorbereitungen der jeweiligen Dreharbeiten verstanden. Gemeinsam stehen ihrer beider Namen für „Lili Marleen“, „Die Ehe der Maria Braun“, „Lola“, „Effi Briest“ und „Die Sehnsucht der Veronika Voss“. Barbara Baum hat aber auch für große internationale Gemeinschaftsproduktionen gearbeitet, an Bille Augusts Romanverfilmung „Das Geisterhaus“ mitgewirkt und ihre geschickten Hände für deutsche Fernsehmehrteiler wie „Buddenbrooks“ und „Die Manns“ gerührt.

Was die gelernte Schneiderin einst auf dem acht Meter langen Tisch in ihrem Berliner Wohnatelier ausbreitete, war der Stoff, aus dem die Träume sind. „Der Stoff ist das halbe Kostüm“, sagt sie, die zu gerne Schurwolle, Leinen, Seide, Spitze, Tüll und Pailletten durch die Finger gleiten lässt. Rund 70 Filme hat sie so mit Kostümen versorgt, bevor sie ihre Entwürfe, Schnitte und Fotografien dem Filmmuseum am Schaumainkai überließ.

Dort, im dritten Stock, stehen nun in gedämmtem Licht die kopflosen Schneiderpuppen mit den kundig genähten Roben, Kleidern und Anzügen und erzählen auf ihre Art jene Geschichten nach, die das Kino vorerzählt hat. Kostüme sind mehr als ausgeübtes Handwerk. Sie geben Auskunft über geschichtliche Epochen, familiäre Herkunft, gesellschaftlichen Stand, Geschlecht, Alter und Persönlichkeit. Immer, so Barbara Baum, habe sie sich an die historischen Vorgaben gehalten, ergänzt durch eigene Fantasie. Ein halbes Jahr hätten die Vorgespräche mit Regisseuren und Drehbuchautoren über die Filme oft gedauert, bevor die Kamera überhaupt zu laufen begann.

Fast sieht man Armin Mueller-Stahl als Konsul Johann in seinem Frack aus Kammgarn vor sich stehen, wenn man den Ausstellungsrundgang bei den „Buddenbrooks“ beginnt. Das gepflegte Kleidungsstück zeugt ebenso vom Wohlstand der Lübecker Kaufmannsfamilie wie die rosafarbene Seidenbluse, die Iris Berben als Bethsy Buddenbrook, geborene Kröger, trägt. Ein paar Meter weiter zeigt sich der seidene Schlafrock in Jacquard-Musterung, dessen wattierter Kragen Burt Lancaster um den Hals liegt. Der berühmte Amerikaner spielt den Frankfurter Industriellen Carl Julius Deutz in dem Fernsehmehrteiler „Väter und Söhne“ von Bernhard Sinkel. Da geht es um Macht, um Verantwortung, um Geld, um Fortschritt und um Patriotismus im Deutschland der Jahre 1911 bis 1947, und all das macht die Stattlichkeit des Patriarchen ebenso aus wie das schimmernde Material, das seinen Körper umspannt.

Viel öfter aber geht es in dieser Schau um die Kraft und die Schönheit der Frauen, um deren Freiheitswillen und den Preis, den sie dafür zahlen. Die Sehnsucht trägt Silberlamee, wenn sie nicht gleich zu Goldlamee aufsteigt. Das beginnt bei „Das Mädchen Rosemarie“, Bernd Eichingers Kinowerk über die ermordete Frankfurter Lebedame Rosemarie Nitribitt, gespielt von Nina Hoss. Sie trug vor der Kamera jenes Neckholder-Kleid aus gefälteltem Goldlamee, das wie ein stiller Gruß von Marilyn auf dem Podest steht, als Glitzerhülle einer Illusion, die jung gestorben ist, unter ungeklärten Umständen. Das Silberlamee führt weiter zu der Sängerin Willie Bunterberg in Fassbinders Film „Lili Marleen“, samt deren Glitterkleid mit passendem Turban. Und noch einmal Goldlamee ist zu sehen, getragen von Rosel Zech in Fassbinders „Die Sehnsucht der Veronika Voss“, nunmehr mit weit gebauschten Ärmeln, zusammengerafft an den Handgelenken mit Manschetten.

Dann kommen die prächtigen Zarenkleider aus „Katharina die Große“. Für den Monumentalfilm von Marvin J. Chomsky stieg Catherine Zeta Jones in die Reifröcke. Das Gewicht der Kreationen aus Samt und Seide, Brokat und Goldlitzen muss ebenso auf ihr gelastet haben wie die politischen Pflichten der russischen Herrscherin.

Für Meryl Streep als Clara in der Verfilmung von Isabel Allendes Roman „Das Geisterhaus“ schuf Barbara Baum schließlich ein Brautkleid aus crèmefarbenem Satin-Crêpe mit Tülleinsatz, Stickerei und Perlen. Tellerförmig liegt die lange Schleppe auf dem Boden. Auf einer ausgehängten Notiz ist Meryl Streeps Dank für diese feengleiche Schöpfung zu lesen, „with many thanks and congratulations“.

„Hautnah“ heißt die Ausstellung wohl auch deshalb, weil jedes Filmkostüm eine zweite Haut ist, angestreift und abgestreift von Schauspielern, die es zu ihrem Beruf gemacht haben, andere Identitäten anzunehmen, in Rollen zu schlüpfen wie in Kleidungsstücke, um beide irgendwann an den Garderobehaken zu hängen, ohne dass ihnen der Atem ganz ausginge. Denn die Erinnerung hält alles lebendig. „Memories are made of this“, singt Rosel Zech als Veronika Voss und ergänzt, worum es beim Film letztlich fast immer geht: „One girl, one boy. some grief, some joy“.

Filmmuseum Frankfurt, Schaumainkai 41. Bis 10. März 2019, Di, Do, Fr, Sa, So 10 – 18 Uhr, Mi 10–20 Uhr. Eintritt 9 Euro. Telefon (069) 96 12 20- 220. Internet

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