Kamikazeartig auf den Gehweg und um die Ecke: Trotz bester Infrastruktur fahren viele Radfahrer an der Kreuzung von Kettenhofweg und Senckenberganlage völlig gegen jede Verkehrsregel.
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Kamikazeartig auf den Gehweg und um die Ecke: Trotz bester Infrastruktur fahren viele Radfahrer an der Kreuzung von Kettenhofweg und Senckenberganlage völlig gegen jede Verkehrsregel.

Infrastruktur

Jagdszenen auf Bürgersteigen: Frankfurts Fußgänger klagen über dreiste Radfahrer

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    vonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Aggressiv in jeder Weise: Solche Beschwerden über Fahrradfahrer häufen sich. Immer wieder kommt es zu brenzligen Situationen. Polizei und Stadt Frankfurt reagieren

Frankfurt - Die größere Zahl von Radfahrern verstärkt die Zahl gefährlicher Situationen besonders mit Fußgängern. Das wird an vielen Stellen in Frankfurt deutlich, immer wieder wird von Anwohnern Kritik an Kampfradlern und Falschfahrern laut. Polizei und Stadt reagieren - für mehr Frieden auf dem Trottoir.

Eine Chance hatte Peter Scherbaum (61) nicht. Als er durch die Pforte auf den Gehweg des Kettenhofwegs trat, rauschte der Radfahrer vorbei und touchierte den freischaffenden Maler. "Ich bin zu Boden gegangen." Erfreulicherweise gab es keine Blessuren. Der Zweiradfahrer habe sich entschuldigt. Als Scherbaum ihn aber fragte, warum er rechtswidrig auf dem Gehweg fahre, "da wurde er frech". Der Anwohner seufzt. Solche Reaktionen nähmen zu, ist sein Eindruck. "Die Aggressivität vieler Radfahrer ist bemerkenswert."

Frankfurt: Probleme mit Radfahrern - Viele halten sich nicht an die Verkehrsregeln

An diesem Morgen beobachtet Scherbaum zusammen mit seinem Nachbarn Peter John die Situation des Verkehrs im Kreuzungsbereich mit der Senckenberganlage. Die Strecke Kettenhofweg-Robert-Mayer-Straße ist eine wichtige, direkte Rad-Verbindung von Bockenheim und aus der City West in die Innenstadt. Die Kreuzung wirkt für Radler fast ideal ausgebaut, mit eigenen Fahrspuren, eigenen Ampeln, Verkehr gegen die Einbahnstraße.

Doch viele halten nicht an ihren eigenen roten Ampeln. Binnen einer halben Stunde zählen Scherbaum und John 15 solcher Verstöße. Fünfmal fahren Radfahrer als Geisterfahrer auf dem Radweg auf der falschen Seite Autos und Lastern direkt entgegen - lebensgefährlich. 13-mal weichen Radler auf die Gehwege aus, um rote Ampeln zu umgehen oder Umwege zu vermeiden.

Frankfurt: Radler "picken sich die Rosinen heraus" - Anteil des Radverkehrs in Stadt gestiegen

"Viele picken sich die Rosinen heraus und fahren einfach dort, wo es gerade geht", sagt Peter John (71). "Als Fußgänger wird man noch weggeklingelt." Das macht den früheren Rundfunkredakteur stocksauer. Sogar auf dem Gehweg müsse er wegspringen, um Crashs zu vermeiden.

Der Anteil des Radverkehrs in der Stadt ist binnen 15 Jahren von 8,9 auf 19,8 Prozent im Jahr 2018 angestiegen. Laut Experten gab es durch die Corona-Pandemie seit Frühjahr nochmals einen Schub. Jedoch gebe es im Vergleich zum Vorjahr nicht mehr Unfälle mit Radlern, sagt Polizei-Sprecherin Chantal Emch. "Der Eindruck, dass Radfahrer rücksichtsloser unterwegs seien, kann daher weder abschließend bestätigt, noch widerlegt werden." Reagiert hat die Polizei dennoch: Seit Februar hat sie mit einer Fahrradstaffel die Zweiradfahrer im Fokus.

Frankfurt baut Radwegenetz aus - Mehr Platz für Radfahrer

Zunehmende "Konfliktsituationen" bestätigt Joachim Hochstein vom Radfahrbüro der Stadt. "Grundsätzlich ist das Fehlverhalten von Radfahrern nicht zu verteidigen." Dieses resultiere jedoch "teils" aus einem fehlenden Angebot für Radfahrer. Sprich: Es gibt nicht genug Platz auf der Gass' für mehr Pedalritter. Das ändert die Stadt aber, baut das Radwegenetz seit vorigem Sommer massiv aus. Zuvor hatten 40 000 Unterschriften für einen Bürgerentscheid genau das gefordert.

Als Beispiel nennt Hochstein die Friedberger Landstraße am Bethmannpark. "Weil es auf der Straße saugefährlich war, sind fast alle Radler auf den Gehweg ausgewichen."

In den Sommerferien ließ die Stadt eine breite Radspur auf der Fahrbahn markieren. Nun haben die Fußgänger das Trottoir wieder für sich allein - fast. "Unbelehrbare erreicht man damit trotzdem nicht", räumt der Radfahr-Experte aber ein. Viele weitere Verbesserungen für Radfahrer sind für die nächsten Jahre vorgesehen. Beispielsweise soll die Fahrradstraße in der Goethestraße durch einen bequemeren Fahrbahnbelag attraktiver werden. Damit könnte die Zahl gefährlicher Rad-Raser in der parallel laufenden Fußgängerzone der Fressgass' sinken, hofft Joachim Hochstein.

Frankfurt: Gehweg-Gastronomie verschärft Situation

Dass das Mehr an Radfahrern mehr Infrastruktur erhält, lobt Scherbaum. "Ich bin nicht gegen Radverkehr, aber man muss sich doch an Regeln halten." Sein Eindruck: Je bequemer die Situation für Radler werde, desto dreister seien einige Rüpel unterwegs. "Man muss als Fußgänger viel stärker schauen, ob was kommt", sagt der Anwohner. "Das war früher nicht so."

Bernd Schneider bestätigt den Eindruck. Er hat mit seiner Frau Angelika eine Bürgerinitiative für sichere Fußwege gegründet. 30 Leute machen schon mit. "Mehr Radverkehr ist an sich ja positiv", sagt Schneider, "aber das führt auch zu mehr gefährlichen Situationen." Etwa durch Rotlichtsünder auf zwei Rädern, mit denen ein Zusammenstoß drohe, wenn Fußgänger auf dem Überweg gerade grün hätten.

Lobby für die Fußgänger: Treffen von Fußweg-Aktivisten mit den Rad-Aktivisten

Ebenso sei es kritisch, wenn sich Radfahrer und Fußgänger zu schmale Wege teilen müssten - was durch die verstärkte Außengastronomie auf Trottoirs wegen Corona auf viele Gehwegen noch verstärkt werde. Offenbar wüssten zu wenige Wirte, dass die Stadt ihnen erlaube, Stühle und Tische auf Parkplätze zu stellen, erkennt Bernd Schneider einen Informationsmangel der Stadt. Das klappe bisher nur in wenigen Straßen wie der Ost-Zeil und in der Braubachstraße gut.

Über all das wollen sich die Fußweg-Aktivisten mit den Rad-Aktivisten vom Fahrradclub ADFC bei einem Treffen dieser Tage austauschen, kündigt Schneider an. "Wir wollen nicht gegeneinander arbeiten, sondern gemeinsame Lösungen finden." Die "Initiative für sichere Fußwege" ist unter Telefon (0 69) 55 15 14 erreichbar. Mitstreiter sind willkommen. Ein Treffen ist geplant, sobald es die Pandemie-Lage ohne Gesundheitsgefahr zulässt.

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