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Auf den Neuen: Apfelweinkönigin Trina I., Mundartsänger Rainer Weisbecker und Gerhard Weinrich, der Vorsitzende des Main-Äppel-Hauses Lohrberg (r.) stoßen mit dem neuen Stöffchen an. Ihr Urteil: Ausdrucksstark mit feiner Säure.

Frankfurts höchster Apfelwein

Main-Äppel-Haus auf dem Lohrberg sticht den neuen Schoppen an

Zum achten Mal in Folge lud das Main-Äppel-Haus zum Apfelweinanstich auf den Lohrberg. Und die 44. Apfelweinkönigin von Bergen-Enkheim, Trina I., feierte dabei eine Premiere. Mit drei Schlägen stach sie das Fass an, ließ den klaren Schoppen fließen.

Frankfurt - Rot-weiß karierte Tischdecken auf langen Biertischen sind mit Gerippten, Efeuzweigen und Äpfeln dekoriert. Aus der hinteren Ecke tönt Blues, während eine Schlange Wartender nach und nach in die „Mäh-Zweckhalle“ des Main-Äppel-Hauses (MÄH) auf dem Lohrberg drängt. Sie alle wollen beim 8. Apfelweinanstich mit dabei sein und den „Neuen vom Lohrberg“ kosten. Dicht an dicht sitzen die Besucher auf Bierbänken, babbeln und sind gespannt.

„Wie im Hessischen Hofbräuhaus“, sagt Lucia Widmann lachend und schleppt unermüdlich Gläser und Bembel durch die engen Gänge in der gemütlichen Holzhalle. Zwischen Männern, Frauen, Kindern und Hunden sitzt Trina I., die amtierende Apfelweinkönigin von Bergen-Enkheim, mit goldener Schärpe über einem dunkelroten Kleid. „Ich bin aufgeregt“, sagt sie. „Ich habe noch nie einen Anstich gemacht und auch nicht geprobt“, gesteht sie. Gerhard Weinrich, 1. Vorsitzender des Vereins Main-Äppel-Haus Lohrberg, zwinkert ihr aufmunternd zu. „Es ist ja auch ein Auswärtsspiel. Schließlich sind wir hier auf Seckbacher Gemarkung.“

Knapp am Notstand vorbei

Es war kein gutes Apfeljahr für Weinrich. „Apfelwickler und Apfelgespinstmotte haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Hätten wir die weit verstreuten Grundstücke in der Nähe des Vilbeler Waldes nicht gehabt, hätten wir wohl den Apfelweinnotstand ausrufen müssen“, sagt er. Im Spessart, Taunus und Odenwald seien die Bäume unter der Apfellast zusammengebrochen. Dennoch wurden auf dem Lohrberg insgesamt 20 000 Liter gekeltert und verarbeitet. „Die Hälfte davon zu Apfelsaft und zum ersten Mal auch zu einem Apfel-Birnensaft.“ Der lange heiße Sommer habe zu einem hohen Zuckergehalt geführt. „Mit zwei Prozent Speierling wurden dem Apfelwein aber die süßen Spitzen genommen, er ist dennoch ausdrucksstark, mit vollem Körper und feiner Säure“, beschreibt Weinrich den neuen Schoppen. Geblieben ist der Slogan: „Frankfurts höchster Apfelwein“, ist doch die Berger Warte, mit 212,4 Meter über dem Meeresspiegel (NN), Frankfurts höchster Punkt und nicht weit entfernt.

Bilderstrecke: Kultgetränk Apfelwein - eine Zeitreise rund ums Stöffche

Impression von der Ausstellung "Apfelwein macht schön, schlank und schlau" im Haus zum Löwen in Neu-Isenburg, Jahr unbekannt. So riesig war der Bembel im Garten „Zur Erholung“ – im Inneren war Platz für ganze Kartenspielgesellschaften.  © Leo Postl/FNP-Archiv
Alle Wege führen zum "Stöffche".  © Uwe Gerig/FNP-Archiv
Riesen-Bembel, Datum unbekannt.  © FNP-Archiv
Eine Apfelsteinmühle aus dem 16./17. Jahrhundert.  © FNP-Archiv
Eine Apfelpresse aus dem 18. Jahrhundert.  © Uwe Gehrig/FNP-Archiv
Eine 200 Jahre alte Apfelweinpresse, aufgenommen am 16. September 1967.  © Mehrens/FNP-Archiv
Der "Äppler"-Atlas als Werbeträger für Ebbelwei im "Feuerrädchen", Jahr unbekannt.  © Scheffler/FNP-Archiv
Ein handgemachtes Unikat und ziemlich alt: Ein Apfelwein-Deckel mit Stoltze aus der Sammlung Lisl Christ, aufgenommen am 6. Februar 1987.  © Mick Grosse/FNP-Archiv
Impression aus dem Buch "Alltag in Frankfurt", 1900-1960, S. 71, Fleischwurst zum Apfelwein morgens um zehn Uhr.  © Sutton Verlag GmbH/FNP-Archiv
Schenk ein und lass es dir schmecken.  © Philipp Kerner/FNP-Archiv
Impression von der Fotoausstellung "Apfelwein macht schön, schlank und schlau" im Haus zum Löwen in Neu-Isenburg. Blick in den Garten der Apfelweinwirtschaft Suard (Bahnhofstraße 67), Jahr unbekannt.  © Leo Postl/FNP-Archiv
Impression von der Ausstellung "Apfelwein macht schön, schlank und schlau" im Haus zum Löwen in Neu-Isenburg. Postkartengruß vom Äpfelwein Suard in der Bahnhofstraße 67.  © Leo Postl/FNP-Archiv
Muster eines Untersetzers für Ebbelwei-Gläser, Aufnahmedatum unbekannt.  © Uwe Gerig/FNP-Archiv
Geselliges Beisammensein in einer Apfelweinwirtschaft. Jahr unbekannt.  © FNP-Archiv
2011 feierte das Frankfurter Apfelweinlokal "Gemaltes Haus" sein 75-jähriges Jubiläum. Das Gründer-Ehepaar Anna und Alfred Ullmer übernahmen 1936 die Gaststätte.  © Rainer Rüffer/FNP-Archiv
Apfelweinkönigin Charlotte auf dem Berger Markt, 8. September 1982.  © Renate Dabrowski/FNP Archiv
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Blick auf U-Boot-Tanks mit Apfelwein, aufgenommen am 1. April 2016 in Frankfurter Kelterei.  © Bernd Kammerer/FNP-Archiv
Apfelweinkeller unter dem Schwesternhaus in Kirdorf.  © Priedemuth, Jens/FNP-Archiv
Siegerinnen eines Possmann-Gewinnspiels zusammen mit Günter Possmann vor einem "Fau-Rauscher"-Symbol, aufgenommen im Juni 1991.  © Jürgen Bugler/FNP-Archiv
Eine übliche Szene aus einer Apfelweinwirtschaft, Ort und Jahr unbekannt.  © FNP-Archiv
Meisengasse 10 um 1920. Das Foto entstand im Rahmen einer Apfelweinausstellung im August 1987.  © Uwe Gerig/FNP-Archiv
Grafik der Apfelweinstraße aus einem FNP-Bericht von 1992.  © FNP-Archiv
Zusammen trinkt sich das "Stöffche" einfach am besten (Aufnahme aus dem Jahr 1969).  © Mehrens/FNP-Archiv
Volle Fässer rollten im Juni 1990 über die "Hessische Apfelweinstraße" nach Frankfurt.  © Mick Grosse/FNP-Archiv
So schmeckt der Ebbelwei besonders gut: Frisch aus dem Bembel ins Gerippte.  © FNP-Archiv
Besuch aus den USA: Wolfgang Höhl zusammen mit "Donner vieler Stimmen" aus der Sippe der Kraniche, aufgenommen 1988.  © Mick Grosse/ FNP-Archiv
FNP-Lokales
Sachsenhäuser Brunnenkönigin 2004: Johanna Höhl (l.), Jennifer I (Breidt).  © Martin Weis/FNP Archiv
Gemütlichkeit am runden Tisch und dazu, natürlich, jede Menge Ebbelwei.  © FNP Archiv
Hoch das Gerippte: Ein Gruppe japanischer Touristen haben gute Laune im Ebbelwei-Express (1987).  © Uwe Gerig/FNP Archiv
Was gehört zur Apfelweinkultur unbedingt dazu? Richtig: strahlende Apfelweinköniginnen. Hier eine Aufnahme vom 30. Oktober 1997: Stelldichein der Königinnen: Bianca, Annette und Özlem (v.l.).  © Christian Klein/FNP Archiv
Oktober 1986: Prominenz der Apfelweinkultur vor dem Römer.  © Frank Senftleben/FNP Archiv
21. Juli 1996: Apfelweinkönigin Beate Heinrichs (l.).  © Petra Welzel/FNP Archiv
Ausschank an einem Stand auf der Fressgass, Jahr unbekannt.  © Gerd Scheffler/FNP-Archiv
Arbeit in einer Apfelweinkelterei, 1977.  © Peter Keller/FNP-Archiv
Arbeit in einer Apfelweinkelterei, 1967.  © Friedrich Kopetzky/FNP-Archiv
Apfelweinherstellung bei Höhl, 18. September 1992.  © Falk Orth/FNP-Archiv
Apfelanlage der Kelterei Höhl in Hochstadt, Datum unbekannt.  © Uwe Gerig/FNP-Archiv
Ein Mitwirkender des Ebbelwei-Umzuges in historischem Kostüm auf dem Römerberg, 30. Oktober 1987.  © Lodwig/FNP-Archiv
"Stöffche-Zeit" auf der Bundesgartenschau am 18. September 1989. Besucher schauen sich eine alte Apfelpresse an.  © Gerd Scheffler/FNP-Archiv
Ein Karre Äpfel für den Ebbelwoi. Apfelwein-Herstellung im Jahr 1991.  © FNP-Archiv
Interessant: Die Preisentwicklung des guten "Stöffche".  © FNP-Archiv
Ebbelwei-Königin Christina I auf dem Stöffche-Fest in Frankfurt, 1999.  © Thomas Ronke/FNP Archiv
Apfelweinfest in Frankfurt, 1985.  © Wenho/FNP-Archiv
Wer in Frankfurt über die Friedensbrücke Richtung Hauptbahnhof fährt, kann ein echtes Frankfurter Apfelwein-Wahrzeichen in seiner vollen Pracht bestaunen: Den Westhafen Tower (Spitzname "Gerippter") im Apfelweinglas-Look, hier noch im Bau, 15. August 2002.  © Mick Grosse/FNP-Archiv
2004 erstrahlte das 112,3 Meter hohe Gebäude in vollem Glanz.  © Keine  Angabe
Zwei Models posieren im MMK mit Apfelwein.  © FNP-Archiv
Apfelweinkönigin Bianca I am 8. August 2015 auf dem Apfelweinfest in Frankfurt.  © Bernd Kammerer
Frankfurt, 29. September 2010: Innenstadt, Fresssgass, Apfelwein-Kelterei Possmann. Rauscher-Anstich 2010. Im Bild: Stadtrat Markus Frank (CDU) , Apfelweinkönigin Melanie I. (Vereinsring Gallusviertel) und Senior-Chef Günter Possmann (v.l.n.r).  © Rainer Rüffer/FNP-Archiv
Frankfurt-Sachsenhausen, 19. Mai 2011: Exklusive Verkostung des Apfelweinjahrgangs 2010 in der Gaststätte Buchschee. Inhaber Robert Theobald (li.) und Peter Busch (r.).  © Frankfurt-Picture, Rainer Rüffer/FNP-Archiv
10. Juli 2016, Apfelweinwirtschaft „Kanonesteppel.“: Wer macht den besten Privat-Apfelwein? Diese Frage wurde vom bei der sechsten Hessischen Apfelweinmeisterschaft für Privat-Kelterer entschieden.  © Rainer Rüffer/FNP-Archiv
Mehr als nur Apfelwein: Pomologe Jürgen Pfeiffer präsentiert eine bunte Palette veredelter Apfelweine, Bränden und Seccos als die beschwingte Alternative zum Sekt.  © Sänger, Kurt/FNP-Archiv
Stadtredaktion Frankfurt
Präsentation des Adler-Schoppens bei Possmann: Bernd Hölzenbein, Peter Possmann, Marianne Boss (Frau Rauscher), Christoph Preuss.  © Martin Weis/FNP-Archiv
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Rechtsanwalt Harald F. Nolte aus Frankfurt kreierte den roten Apfelwein und nennt ihn "Roter Adam". Der Apfelwein wird erstmals auf der Frankfurter Apfelweinmesse präsentiert.  © Heike Lyding/FNP-Archiv
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Apfelweinmesse im Frankfurter Gesellschaftshaus Palmengarten: Andreas Schneider und Michael Stöckl mit den regionalen Königinnen vor dem Gesellschaftshaus.  © Heike Lyding/FNP-Archiv
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Apfelweinmesse im Frankfurter Gesellschaftshaus Palmengarten.  © Heike Lyding/FNP-Archiv
Prost!  © 

In diesem Jahr plant Weinrich 75 Veranstaltungen. „So viele wie nie zuvor. Dazu gehört auch ein Projekt der Deutschen Bundesstiftung Forschung. Drei Jahre lang bilden wir Streuobstwiesenbesitzer aus. Am Ende wird es ein Buch darüber geben, wie sich die Vogel- und Insektenpopulation entwickelt und verändert, wenn die Obstbäume professionell geschnitten werden.“ Die DBU fördere das Projekt mit 125 000 Euro, weitere 30 000 Euro zahle die Stiftung Flughafen. „Begleitet werden die Teilnehmer von uns, dem Senckenberg-Institut, der Vogelkundlichen Beobachtungsstation und der Goethe-Uni“, sagt Weinrich stolz. „Das Main-Äppel-Haus ist in Sachen Streuobst mittlerweile führend. Zu unseren Schnittkursen kommen die Leute schon aus ganz Deutschland.“

Zwischen 40 000 und 50 000 Besucher hat das MÄH im Jahr, davon 6000 Kinder. „Deren Programme würde ich gerne ausweiten, aber dazu reicht das Geld nicht. Ich bin froh, wenn wir am Ende des Jahres einen ausgeglichenen Haushalt haben. Es ist schwierig, Spenden zu bekommen. Das braucht es viel Überzeugungsarbeit“, sagt Weinrich.

Streuobst im Kommen

Auch der Garten soll weiter umgestaltet werden. „Wir werden uns von Buschbäumen trennen, mehr auf Hochstämme und Streuobst setzen.“ Insgesamt betreut das Main-Äppel-Haus 15 Hektar Land mit über 250 Sorten Äpfeln. „Allein die Population von Fledermäusen und Steinkäuzen ist schon auf das Fünffache in Bergen-Enkheim angestiegen“, sagt Gerhard Weinrich.

Derweil ist die Stimmung ausgelassen, die Besucher schunkeln, essen Eintopf im Brotlaib, singen bei den Liedern des Mundart-Barden Rainer Weisbecker lautstark mit. Und dann schreitet Trina I. zum Holzfass. Nach drei Schlägen hat sie es geschafft. Sie strahlt. „Ich wollte Gerhard Weinrich nicht auf die Finger schlagen, sonst hätten bestimmt auch zwei Schläge gereicht“, sagt sie lachend und kostet das goldene Nass. Ihre Augen strahlen. Sie nimmt gleich einen zweiten Schluck. „Oft trinke ich Apfelwein gespritzt. Aber diesen hier, den trinke ich pur. Heute und den ganzen Sommer lang.“

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