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Verletzte aus der Ukraine: Kliniken in Frankfurt bereiten sich auf den Ernstfall vor

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Von: Thomas J. Schmidt

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Die 60-jährige Anna Zubenko liegt in einem Krankenhaus in Mariupol. Sie ist bei einem Raketenangriff verwundet worden. Ihre Tochter ist bei ihr. In den nächsten Tagen und Wochen erwartet man, dass mehr und mehr Verwundete in deutsche Krankenhäuser gebracht werden.
Die 60-jährige Anna Zubenko liegt in einem Krankenhaus in Mariupol. Sie ist bei einem Raketenangriff verwundet worden. Ihre Tochter ist bei ihr. In den nächsten Tagen und Wochen erwartet man, dass mehr und mehr Verwundete in deutsche Krankenhäuser gebracht werden. © dpa

Auf die Ärzte in Frankfurt kommt eine Mammutaufgabe zu: Menschen mit schweren Kriegsverletzungen aus der Ukraine werden bald auch in Hessen behandelt.

Frankfurt – Die Krankenhäuser in Frankfurt bereiten sich auf die Übernahme von Kriegsverletzten aus der Ukraine vor. "Da im Ernstfall schnelles Handeln notwendig ist, muss die Vorbereitung bereits jetzt erfolgen", sagte Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne), der Anfang März einen entsprechenden Erlass auf den Weg gebracht hat. Die Organisation und Steuerung der medizinischen Kapazitäten erfolgt in den während der Corona-Pandemie geschaffenen Strukturen durch den von Klose im Ministerium etablierten Planungsstab Stationäre Versorgung. Auch die hessischen Trauma-Netzwerke werden zu diesem Zweck in die Struktur des Planungsstabs eingebunden.

In Frankfurt sind in erster Linie die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik (BGU), das Universitätsklinikum und das Klinikum in Höchst betroffen. Sie sind informiert.

„Wir haben schon Material nachgeordert“, sagt Prof. Dr. Reinhard Hoffmann, ärztlicher Direktor der BGU. Noch seien keine Patienten da. „Es gibt die sogenannten Trauma-Netzwerke der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Hier sind verschiedene Unfallkliniken regional vernetzt und qualitätsgesichert zusammengefasst. Wir stehen in engem Kontakt“, sagt Hoffmann, der einer der Koordinatoren der Netzwerke ist, zuständig für Südhessen. „ Es erfolgt eine enge Abstimmung mit dem Sozialministerium. Wir sind auf einen Massenanfall von Verletzten im Katastrophenfall immer vorbereitet.“

Hilfe für Verletzte aus der Ukraine: „Mit Kriegsverletzungen haben wir in Frankfurt keine Erfahrung“

Im Ernstfall komme es auf die Koordinierung an: Wohin bringt man die Patienten? Wer kann was am besten? Wer hat mit welchen Verletzungen welche Expertise? „Wir haben allerdings als zivile Krankenhäuser – glücklicherweise – alle keine wirklichen, praktischen Erfahrungen mit Kriegsverletzungen, die sich in ihrer Komplexität von normalen Unfallverletzungen doch erheblich unterscheiden können“, so Hoffmann.

Zwei Fragen seien derzeit noch offen: Was geschieht vorher? Was geschieht nachher? „Was das Vorher betrifft, denke ich – und ich weiß nicht, wie weit das schon geplant ist – dass es eine Sammelstelle geben müsste, vielleicht in Polen, wo dann Ärzte der Nato-Staaten die Patienten sichten, für ein deutsches Patientenkontingent erfahrene Sanitätsoffiziere und Stabsärzte der Bundeswehr. Dann muss entschieden werden, wer in welches Bundesland und in welche Klinik kommt, um die bestmögliche Behandlung zu erhalten“, sagt Hoffmann.

Ärzte in Frankfurt stehen vor Problemen: „Wie geht es auch anschließend mit den Patienten aus der Ukraine weiter?“

Auch das Danach sollte geplant sein: „Die Patienten brauchen eine Rehabilitation im Anschluss an eine möglicherweise aufwendige und langwierige Akutbehandlung. Abhängig, wie sich die Situation in der Ukraine entwickelt, können wir ja auch nicht annehmen, dass die Patienten zurück können. Wir müssen also auch über die Familienzusammenführung nachdenken“, so Hoffmann. „Also: Wie geht es auch anschließend mit den Patienten weiter . . . ?“

Auch die Uniklinik Frankfurt ist organisatorisch auf die Aufnahme von Verletzten oder Erkrankten aus der Ukraine vorbereitet. Dabei wurden sowohl mögliche besondere Verletzungen als auch mögliche Herausforderungen durch multiresistente Keime mit gezielten Hygiene- und Isolationsmaßnahmen berücksichtigt. Die Verteilung von Patienten aus der Ukraine erfolge in der Region durch den Planungsstab Stationäre Versorgung des Sozialministeriums, teilte die Uniklinik mit.

Koordination der Kriegsverletzten aus der Ukraine profitiert in Frankfurt von Corona-Strukturen

Auf derselben Basis wie die Uniklinik bereiten sich auch die Varisano-Kliniken auf Kriegsverletzte aus der Ukraine vor. Das Klinikum in Höchst gehört zu den Varisano-Kliniken. Die Organisation der Versorgung von Kriegsverletzten solle auf Basis der zum bewältigen der Covid-Pandemie geschaffenen Strukturen erfolgen: „Dieses Vorgehen stellt sicher, dass alle beteiligten Institutionen informiert sind und auch mögliche Wechselbeziehungen zwischen der Versorgung von Kriegsverletzten und der andauernden Corona-Pandemie berücksichtigt werden. Dies betrifft vor allem die Steuerung der medizinischen Kapazitäten“, sagt Robert G. Eberle, Sprecher der Kliniken Frankfurt-Main-Taunus GmbH.

Das Sozialministerium sagte, dass Hessen Patienten erst außerhalb des Kriegsgebiets übernehmen könnte. „Eine solche Logistik müsste bis zu einem Übergabepunkt in Hessen über die bekannte Kleeblatt-Struktur in der Verantwortung des Bundes erfolgen, die über ein Lagezentrum der Bundesregierung aktiviert würde“, so die Sprecherin. „Für eine Behandlung in Hessen ist es von elementarer Bedeutung, dass die Patienten überhaupt transportfähig sind. Dies schließt den Weitertransport schwerstverletzter Personen meist aus.“

Wie bereits berichtet, haben die Kliniken in Höchst und im Taunus nicht erst gewartet, bis die Patienten kommen, sondern zwei Paletten mit Medizin-Utensilien in die westukrainische Stadt Lemberg (Lwiw) geschickt. Ein Arzt von dort, der zuvor Kinder nach Prag in Sicherheit gebracht hatte, lud seinen Transporter in Frankfurt voll und fuhr zurück in die Ukraine. (Thomas J. Schmidt)

Hilfe bekommen Flüchtlinge aus der Ukraine gerade von vielen Menschen. So taten sich Freiwillige und die Polizei erst kürzlich zusammen, um einer ukrainischen Mutter und ihrem Neugeborenen aus der Not zu helfen.

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