Große Klassen, viele Verpflichtungen außerhalb des Unterrichts: Frankfurts Lehrer sind am Limit und arbeiten mehr als sie müssten. Zu diesem Ergebnis kam nun eine Studie der Universität Göttingen.
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Große Klassen, viele Verpflichtungen außerhalb des Unterrichts: Frankfurts Lehrer sind am Limit und arbeiten mehr als sie müssten. Zu diesem Ergebnis kam nun eine Studie der Universität Göttingen.

Überlastung

Frankfurts Lehrer arbeiten am Limit

  • Julia Lorenz
    vonJulia Lorenz
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Studie zeigt: Pädagogen machen viele Überstunden

Frankfurt -Mehr als die Hälfte der Frankfurter Lehrer arbeiten mehr, als sie müssten, jeder fünfte Pädagoge arbeitet gar 48 Stunden und mehr in der Woche. Das ist das Ergebnis einer Studie der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Universität Göttingen, die von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Auftrag gegeben und gestern vorgestellt wurde.

An der Untersuchung zu Arbeitszeit und Arbeitsbelastung haben sich rund ein Viertel der mehr als 4500 Lehrer von 64 Frankfurter Schulen beteiligt. Die Pädagogen, die an Grundschulen, Kooperativen und Integrativen Gesamtschulen sowie Gymnasien unterrichten, hatten vier Wochen lang ihre Arbeitszeit erfasst und einen Online-Fragebogen zur Arbeitsbelastung ausgefüllt. Das Projekt hat sich an vergleichbaren niedersächsischen Studien aus den Jahren 2015 und 2016 orientiert, wie Studienleiter Frank Mußmann erklärte.

Die Wissenschaftler haben über 150 000 Einträge ausgewertet - mit dem Ergebnis: Frankfurts Lehrer arbeiten im Schnitt 48 Stunden und 27 Minuten in einer Woche. Mußmann und sein Team legten ihrer Berechnung die 41-Stunden-Woche von hessischen Beamten zugrunde. "Geht man davon aus, dass Lehrer in den Ferien nur Freizeit haben, kommt man rein rechnerisch dann auf eine Soll-Arbeitszeit von 47 Stunden und 36 Minuten pro Woche", rechnete Mußmann vor. So viel müssten Lehrer theoretisch pro Woche arbeiten. Tatsächlich arbeiten sie aber noch einmal 51 Minuten mehr pro Woche. Laut Mußmann sei die hessische Soll-Wochenarbeitszeit höher als in anderen Bundesländern und übertreffe gar den Durchschnittswert in der EU deutlich.

"Erholungsphasen gibt es für die Lehrkräfte nur wenige", sagte Mußmann. Selbst in den Pausen hätten die Lehrer keine Ruhe. Ein Großteil von ihnen würde sogar am Wochenende arbeiten. "Die Sieben-Tage-Woche ist quasi obligatorisch." Am häufigsten von Mehrarbeit betroffen seien Lehrer und Lehrerinnen von Kooperativen Gesamtschulen. Auch Teilzeitkräfte würden überproportional mehr arbeiten.

Doch woran liegt das? Seit Jahren beklagen sich die Lehrer, dass sie immer mehr Aufgaben außerhalb des Unterrichts bekommen: Konferenzen, Fortbildungen, Klassenfahrten, Elterngespräche, Dokumentation und vieles mehr. Das zeigt auch die Studie: 40 Prozent der befragten Lehrkräfte sehen für sich persönlich die Grenzen der außerunterrichtlichen Verpflichtungen als überschritten an, für 73 Prozent leidet dadurch die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, 63 Prozent sehen die Qualität des Unterrichts in Gefahr. Auch die schlechten Zustände der Schulgebäude sowie die sozialen Herausforderungen an den Schulen belasten die Lehrer.

"Der Arbeitsdruck und der Stress steigen", sagte Maike Wiedwald, Vorsitzende der GEW Hessen. Die Lehrer fühlten sich erschöpft, ausgebrannt und gestresst, die Gefahr eines Burn-outs sei groß. Zwei von drei Lehrkräften haben laut Studie den Eindruck, dass der Arbeitsdruck in den letzten zwölf Monaten noch weiter zugenommen hat. Dazu muss man wissen: Die Studie wurde durchgeführt, bevor die Schulen wegen der Corona-Pandemie schließen mussten. "Seither ist die Arbeitsbelastung der Lehrer eher noch weiter gestiegen", sagte Wiedwald.

Dennoch: 77 Prozent der Lehrkräfte begeistert ihre Arbeit, die Hälfte bekommt sehr oft Anerkennung durch ihre Arbeit.

Für die GEW aber ist klar: "Die Arbeitsbelastung der Lehrer muss reduziert werden", so Sebastian Guttmann von der GEW Frankfurt. Deshalb forderte er, die Pflichtstunden der Lehrer zu reduzieren. "Dann haben sie mehr Zeit für die pädagogische Arbeit außerhalb des Unterrichts", sagte er. "Nur so kann man die Bildungsqualität wieder verbessern und den Beruf des Lehrers wieder attraktiver machen." Die Gewerkschaftler wollen nun das Gespräch mit Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) suchen. Julia Lorenz

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