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Künstler Sylvain Mérot an seinem Arbeitsplatz in der Galeria Pequena in der Eckenheimer Landstraße.. FOTO: A.P. Englert

Frankfurts schönster Briefkasten

NORDEND Wie der bretonische Künstler Sylvain Mérot Frankfurt kennen und lieben lernte

Der kleine Fakir-Heizlüfter aus den fünfziger Jahren wärmt den Raum. "Ist das nicht ein tolles Ding, mit seinem futuristischen Design?", fragt lächelnd Sylvain Mérot und deutet auf das Gerät. Er hat in dem kleinen Galerieraum in der Eckenheimer Landstraße seinen Arbeitsplatz. Dort sitzt er viele Stunden konzentriert an seinen filigranen Bildern, ohne eine angenehme Arbeitstemperatur geht das nicht. Vor fünfzehn Jahren mietete der aus der Bretagne stammende Mérot zusammen mit der Schmuckgestalterin Tanja Martinho Alves den kleinen Laden. Eine Galerie für Schmuck und Illustration, das war die Geschäftsidee der beiden jungen Leute, die damals direkt aus Lissabon kamen.

Es war der Abschluss der Lehr- und Wanderjahre des jungen Bretonen. 1976 in Nantes geboren, studierte er an der "École superieure de design industriel" Produktgestaltung. "Es gibt einen großen Unterschied zwischen technischen und künstlerischen Zeichnungen", erläutert Mérot, "ich spezialisierte mich mehr und mehr auf die künstlerische Illustration." Nach seiner Ausbildung ging er zunächst nach Paris und arbeitete in einer Werbeagentur.

Mit Mitte 20, im Jahr 2000, entschied er sich, nach Süden aufzubrechen und sein Glück in Portugals Hauptstadt zu versuchen.

Er hatte Kontakte zu einem Lissabonner Theater, dem Chapitô. Einer Institution, die ein Restaurant und ein Schultheater betreibt, mit dem portugiesischen Innenministerium zusammenarbeitet und Zirkus-Projekte mit straffällig gewordenen Jugendlichen durchführt. Die Direktorin, Teresa Ricou, lud Mérot zu einem Praktikum nach Portugal ein: "Komm vorbei, schau dir unser Theater an." Aus dem kurzen Besuch wurden drei Jahre, eine "krasse und gute Erfahrung", wie Mérot erzählt.

Er lernte die deutsch-portugiesische Goldschmiedin Tanja Alves kennen und besuchte sie in Frankfurt. Es war ihre Idee, dem jungen Franzosen ein gemeinsames Projekt vorzuschlagen: Einen Laden als Raum für beider Gestaltungsideen. "Wir dachten, dass es in Deutschland Geld gibt, aber es war sehr schwer, Fuß zu fassen", resümiert Mérot den schwierigen Beginn am Main.

An jedem Ende des Monats war das Geld sehr knapp, dann kam aber glücklicherweise jemand, der auf einen Schlag zehn Bilder kaufte. Das gab dann den Mut weiterzumachen, wenigstens einen Monat noch. So ging es Monat um Monat und beide gaben die Hoffnung nicht auf.

Mérot fand eines Tages, er spazierte durch die stillen Straßen des Nordends, alte Gemälde, achtlos für den Sperrmüll in einer Ecke abgestellt. Er nahm sie ins Atelier mit, um sie neu zu grundieren, die Leinwand zu nutzen. Aber dann erkundete er spielerisch verschiedene Möglichkeiten, die Bilder zu ergänzen und witzige Anmerkungen zu den Motiven zu zeichnen.

Das wurde sein Stil, ein Erfolgsrezept war gefunden. "Das ist ein kulturelles Objekt, das bestehende Bild, oft Jahrzehnte alt, mit meinen Figuren und Szenen-Ideen, die darauf reagieren. Und die Leute fanden das super", stellt der Bretone erfreut fest. In vielen Frankfurter Wohnungen hängen nun diese heiteren Bilder, die auf den ersten Blick als "echter Mérot" zu erkennen sind, obwohl die ursprünglichen Fund-Stücke in ganz unterschiedlichen Stilen gemalt sind.

Seine Kinder Etienne und Juliette sind nun acht und sechs Jahre alt und die ersten Kritiker ihres Vaters, wenn sie ihn im Galerie-Atelier besuchen.

"Und zu Beginn der Corona-Zeit kam der Auftrag, einen Briefkasten zu gestalten", erzählt der Künstler erfreut, "das waren Leute, die schon einige Bilder gekauft hatten. Auch die Hochzeitskarte für das Ehepaar hatte ich gestaltet." Zu Beginn der Lockdown-Phase im März, als alle Geschäfte schließen mussten, dachte das Paar an den Künstler, sie wollten ihn unterstützen und auch ein schönes Objekt für ihr Seckbacher Haus haben. Mérot machte sich ans Werk. Es gab technische Fragen, die Farben waren dick und schwierig aufzutragen. Mérot: "Ich mag Details gerne, ich bin interessiert an Comics und an Filmen, ich liebe versteckte hintersinnige Details. Das Material war schwer zu nutzen, aber ich habe es geschafft, mehrere Geschichten auf dem Briefkasten unterzubringen: Katz und Maus, eine Familie mit zwei Kindern, es ist ein dreistöckiges Haus. Die Frau ist im Badezimmer, die Wanne ist voll, und das Wasser läuft bis ins Erdgeschoss, wie in einem Comic. Es gibt eine Geschichte in jedem Stockwerk, und die verbinden sich zu einer größeren Geschichte."

Wie die einzelnen Geschichten auf dem bisherigen Lebensweg von Sylvain Mérot, die ihn von Nantes in der Bretagne nach Frankfurt geführt haben. Gut so! MARTIN GLOMM

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