Glaube

Frankfurts Stadtdekan fordert freiwilliges Zölibat

Eine neue deutschlandweite Studie der katholischen Kirche offenbart: Von 1946 bis 2014 haben mindestens 1670 Geistliche 3677 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht. Als Konsequenz daraus fordert Stadtdekan Johannes zu Eltz drastische Reformen – unter anderem ein freiwilliges Zölibat für Priester.

Stadtdekan Johannes zu Eltz pilgert derzeit den Jakobsweg entlang. Fernab des Alltags hat er viel Zeit zum Nachdenken – über die katholische Kirche im Allgemeinen und die Missbrauchsstudie im Besonderen. In der vergangenen Woche wurde bekannt, dass sich von 1946 bis 2014 mindestens 1670 Geistliche 3677 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht haben. Dies dokumentiert eine Studie der katholischen Kirche.

Dass man daraus Konsequenzen ziehen muss, ist für den Stadtdekan ganz klar. „Die Leute werden sich mit Entschuldigungen nicht zufrieden geben“, sagt er am Telefon. Deshalb fordert er Reformen – und dazu gehört für ihn, die Pflicht der katholischen Pfarrer, unverheiratet zu bleiben, in Frage zu stellen. „Wir brauchen ein freiwilliges Zölibat“, sagt er. Das Zölibat habe seine Berechtigung in Ordensgemeinschaften, wo die Gemeinschaft die Ehelosigkeit ausbalancieren würde. „Aber in der Regel leben die Priester alleine, sind in keine Familie eingebunden, haben keine Haushälterin mehr“, sagt zu Eltz. Das mache einsam. „Das soll aber nicht heißen, dass das Zölibat ein missbrauchstreibender Faktor ist“, stellt zu Eltz klar. Aber: „Die verschworene Bruderschaft passt nicht mehr in die heutige Zeit.“ Dazu zähle aus seiner Sicht dann aber auch, Frauen für die Priesterweihe, mindestens zum Diakonat, zuzulassen. „Wenn Frauen und Männer in leitender Weise in der Kirche tätig wären, würde das die Atmosphäre von Grund auf ändern, ohne die Tradition zu zerstören.“

Da kann ihm Werner Portugall, Pfarrer der katholischen Gemeinde Sankt Jakobus in Niederrad, nur zustimmen. „Wenn wir uns von dem Pflichtzölibat lösen, würde das die Glaubwürdigkeit steigern“, so Portugall. Für ihn sei das schon lange ein Thema – ganz losgelöst vom Missbrauchsskandal. „Es gibt immer wieder Pfarrer, die aufhören, weil sie heiraten wollen. Das finde ich immer sehr schade, weil sie sich mal dazu berufen gefühlt haben, als Geistlicher zu arbeiten. Das ist zerstörerisch für die Kirche.“ Genauso wichtig sei aber auch ihm, über Frauen in der Kirche nachzudenken. „Das muss das eigentliche Thema sein, wir leben im 21. Jahrhundert.“

Die Vorsitzende der Stadtversammlung der Frankfurter Katholiken, Daniela Marschall-Kehrel, aber warnt davor, den Bogen zu überspannen: „Wir dürfen die konservativen Katholiken nicht verschrecken.“ Soll heißen: Man solle nicht gleichzeitig über ein freiwilliges Zölibat und Frauen in der Priesterweihe nachdenken. „Es ist jetzt wichtiger, Konsequenzen aus der Missbrauchsstudie zu ziehen“, sagt sie. Für sie sei es auffällig, dass unter den Tätern viel mehr Gemeindepriester als Diakone seien. Diakone dürfen verheiratet sein. Da muss man sich dann schon fragen, inwieweit das Zölibat in einem Reformprozess noch statthaft ist“, so Marschall-Kehrel.

Auch Pfarrer Martin Sauer von der Großpfarrei Sankt Margareta im Frankfurter Westen befürwortet ein freiwilliges Zölibat. „Die Frage werden wir uns als Kirche nach all diesen Vorkommnissen mehr denn je ernsthaft stellen müssen, um nicht völlig unsere glaubwürdige Botschaft ad absurdum zu führen. Unsere erlebte Vergangenheit scheint diese Verpflichtung längst zu verhöhnen und dies noch auf Kosten der Schwachen, für die wir einstehen sollen.“

Übrigens: In der Schweiz läuft seit vergangenen Freitag eine Online-Petition gegen das Pflichtzölibat – angestoßen von einer Ordensschwester, nachdem die Bündner Gemeinde Brigels ihren Pfarrer verloren hat, weil er eine Frau liebt. 1003 Unterstützer hat die Petition schon.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare