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Frankfurt: „Bei der Ausstattung der Schulen sind wir noch im 20. Jahrhundert“

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Von: Julia Lorenz

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Frankfurts Stadtschülersprecher Hannes Kaulfersch sieht jeden Tag, wo es in Frankfurts Schulen hakt.
Frankfurts Stadtschülersprecher Hannes Kaulfersch sieht jeden Tag, wo es in Frankfurts Schulen hakt. © Rainer Rüffer

Frankfurts Stadtschülersprecher Hannes Kaulfersch fordert Tempo beim Digitalisierungs-Ausbau und kritisiert Versäumnisse während der Corona-Pandemie.

Frankfurt – Hannes Kaulfersch, 18 Jahre alt, ist Frankfurts neuer Stadtschülersprecher. Unsere Redakteurin Julia Lorenz hat mit ihm über die Situation in den Schulen angesichts der rasant steigenden Zahl der Corona-Neuinfektionen gesprochen, über das Mitspracherecht der Jugendlichen im Stadtparlament, fehlendes WLAN und siffige Toiletten.

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen steigt in Frankfurt rasant, wie überall im Land. In Frankfurt gilt seit Ende November wieder die Maskenpflicht im Unterricht. Zudem testen sich die Schüler dreimal pro Woche. Wie sicher fühlen Sie sich derzeit in der Schule?

Mit den drei Testungen und der Maskenpflicht fühlt man sich zumindest sicherer als vorher. Zusätzlich lassen sich mehr und mehr Schüler impfen. Es ist aber schade, dass die Bereitschaft der Stadt Frankfurt, doch Luftfilter flächendeckend für die Klassenräume anzuschaffen, sehr spät kam. Die werden uns im Winter fehlen. Bis sie aufgestellt sind, ist es 2022.

Gibt es weitere Maßnahmen, die Sie sich für den Infektionsschutz in Schulen erhofft hätten?

Ja. Ich würde mir wünschen, dass nicht nur die infizierte Person in einer Klasse in Quarantäne muss, so wie es jetzt die Praxis ist, sondern auch vorsichtshalber seine Sitznachbarn beziehungsweise engsten Kontaktpersonen.

Warum?

Die Delta-Variante ist hoch ansteckend. So kann es schnell passieren, dass es zu weiteren Übertragungen kommt. Im privaten Bereich werden die Kontaktpersonen eines Infizierten auch sicherheitshalber in Quarantäne geschickt.

Es sei denn, man ist geimpft.

Richtig, es sind aber noch nicht sehr viele Jugendliche geimpft. Deshalb werben wir mit der Stadt zusammen fürs Impfen. Das ist ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor, den wir jetzt brauchen.

Sind Sie denn geimpft?

Ja. Und der Großteil meines Freundeskreises auch. Das ist auch gut so. Gerade bei den älteren Schülern erkennen wir eine Impfbereitschaft. Aber man kann sicherlich noch mehr motivieren.

Habt ihr denn Angst vor erneuten Schulschließungen angesichts der derzeitigen Infektionslage?

Ich hoffe, dass das nicht passiert. Dafür müssen aber auch die entsprechenden Maßnahmen getätigt werden. Mit den Tests, den Masken und Impfungen sind wir aber relativ gut aufgestellt.

Wechseln wir mal das Thema. Abgesehen von Corona: Was beschäftigt Frankfurts Schüler derzeit noch?

Da gibt es einige Themen. Für viele ist Klima- und Umweltschutz sehr wichtig. An den Schulen ist da aber noch viel Luft nach oben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Die allerwenigsten Frankfurter Schulen haben drei Mülleimer in den Klassen- und Aufenthaltsräumen stehen. Das heißt: Der Müll von knapp 100 000 Schülern sowie den Lehrkräften wird zum allergrößten Teil nicht getrennt. Und in den Schulen kommt wirklich viel Müll zusammen. Deshalb setzen wir uns jetzt dafür ein, in den Räumen drei Mülleimer aufzustellen. Das wäre ein sehr konkreter und einfacher Schritt mit jedoch großer Auswirkung.

Gibt es weitere Baustellen?

Viele sogar. Eine große Baustelle sind die Schulsanierungen sowie der Schulneubau. Das schreitet alles sehr langsam voran, was einerseits am Personalmangel in der Stadtverwaltung, andererseits aber auch an zu wenigen freien Flächen liegt. Die neue Römer-Koalition aus Grünen, SPD, FDP und Volt hat das Bildungs- und das Baudezernat zusammengelegt, um Synergien zu schaffen. Das klingt erst mal vielversprechend.

Das klingt nach einem Aber?

Durch den Anspruch der neuen Koalition, keine Flächen für städtische Baumaßnahmen zu versiegeln, wird der Schulbau blockiert. Ich habe das Gefühl, dass selbst das Bildungsdezernat nicht richtig weiß, wie damit in der konkreten Umsetzung genug Schulen gebaut werden sollen. Das sieht man beispielhaft am Gymnasium Ost, das an den Günthersburghöfen entstehen sollte. Die Schule steht jetzt auf der Kippe, weil sie dort nicht gebaut werden soll. Jetzt muss das Planungsverfahren neu aufgerollt und ein neues Grundstück gefunden werden. Das verschiebt ein wichtiges Schulbauprojekt um Jahre. Es werden aber gerade im Nordend dringend neue Schulplätze gebraucht.

Was wäre stattdessen Ihr Vorschlag?

Man könnte Schulen verstärkt ökologisch bauen. Man kann die Dächer begrünen, Solaranlagen installieren, einen Schulgarten anlegen und die Schüler für Umwelt sensibilisieren. Man muss auch nicht den ganzen Schulhof zubetonieren, so wie man das früher immer gemacht hat. Auf diese Weise kann man Schulprojekte gut in Einklang bringen mit dem Ökologiegedanken.

Anders wird man dem Schüleransturm auch nicht gerecht werden.

Eben. Wenn wir wichtige Schulbauprojekte hintenanstellen, landen wir spätestens in 15 Jahren in einer großen Krise, weil es nicht genug Schulplätze geben wird, um den Bedarf zu decken. Es braucht also ein Umdenken in der Planungs- und Schulbaupolitik.

Neben den fehlenden Schulen gibt es auch immer noch nicht in allen 165 Frankfurter Schulen WLAN.

Das ist wirklich traurig. Das Versprechen, dass bis Ende dieses Jahres 100 Schulen ausgestattet sind, wird nicht eingehalten werden. Seit Jahren warten wir darauf. Und jetzt gibt es Lieferschwierigkeiten bei der Hardware. Wir brauchen in der Sache aber wirklich Tempo.

Warum?

Momentan kommen im Unterricht immer noch Tafel, Kreide und Overhead-Projektoren zum Einsatz. Wie früher. Was die Ausstattung vieler Schulen angeht, sind wir wirklich noch im 20. Jahrhundert.

Wofür braucht man WLAN denn im Unterricht?

Wenn man wie jetzt nur mit Arbeitsblättern arbeitet und Dinge an die Tafel schreibt, braucht man das WLAN natürlich nicht. Aber es geht ja darum, wo wir hinwollen. Wir wollen die Kreidezeit überwinden. Wir wollen, dass es möglich wird, neue digitale Unterrichtsmethoden sinnvoll einzusetzen.

Neben dem fehlenden WLAN sind auch die siffigen Schultoiletten seit Jahren ein Ärgernis.

Das ist in einigen Schulen auch nach wie vor so. Das ist ärgerlich, denn es ist eine Geringschätzung von jungen Menschen, die auch als solche wahrgenommen wird. Letztendlich führt so etwas dann zum Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden und damit zu Formen von Politikverdrossenheit. Und das fängt eben mit so trivialen Dingen wie Schultoiletten an.

Als Fazit kann man eigentlich sagen: Alles, was Schule betrifft, dauert ewig.

Richtig. Das Kernproblem ist aber wirklich der Personalmangel in den Ämtern. Nur mit ausreichend personellen Ressourcen werden wir die großen Aufgaben im Bildungsbereich bewältigen können. Deshalb fordern wir, dass im Bildungsbereich gerade in das Personal in der Verwaltung mehr investiert wird. Die Koalition hat gesagt: Bildung hat Priorität im Haushalt. Das muss man dann aber auch bei der Aufstellung des neuen Haushalts 2022 sehen.

Das heißt: Der Etat für die Bildung sollte erhöht werden?

Definitiv. Es wird nicht reichen, einfach nur mehr Stellen zu schaffen. Die müssen auch besetzt werden. Es braucht bessere Rahmenbedingungen, attraktivere Stellenprofile, damit die Menschen den Job auch machen wollen. Dafür wird man mehr Geld in die Hand nehmen müssen.

Stadtverordnetenvorsteherin Hilime Arslaner-Gölbasi (Grüne) will die Geschäftsordnung der Stadtverordnetenversammlung dahingehend verändern, dass Vertreter des Stadtschülerrats Rederecht in den Fachausschüssen und im Stadtparlament bekommen. Warum ist das so wichtig?

Wir als Stadtschülerrat haben den Anspruch über die Forderung von Allgemeinplätzen hinaus sehr konkret mitwirken zu können. Wir arbeiten uns tief in die Sachthemen ein und wollen mit diesem Wissen und der Perspektive der Frankfurter Schüler einen Beitrag leisten. Im Koalitionsvertrag der Römerkoalition steht das Versprechen, dass wir als Stadtschülerrat in bildungspolitischen Fragen stärker einbezogen werden sollen. Und genau diese bildungspolitischen Fragen werden in den Ausschüssen der Stadtverordnetenversammlung besprochen. Deshalb hoffen wir, dass der wichtige Vorstoß der Stadtverordnetenvorsteherin Einzug in die anstehende Neuauflage der Geschäftsordnung für die Stadtverordnetenversammlung findet.

Aber theoretisch könnt ihr eure Anliegen auch in der Bürgerfragestunde der Ausschüsse kundtun.

Klar. Wir können eine Frage stellen. Aber wir können nicht diskursiv auf Augenhöhe reden. Das reicht nicht. Der Seniorenbeirat hat laut Satzung übrigens auch ein Rederecht in den Ausschüssen. Deshalb finde ich unsere Forderung auch nicht vermessen.

Wenn man Sie so reden hört, merkt man, dass sich der Stadtschülerrat wirklich weiterentwickelt hat. Wie kam das?

Wir hatten einen harten Bruch: Erst kam Corona und dann auch noch ein Generationswechsel innerhalb des Vorstandes. Wir konnten bis Anfang Oktober auch keinen neuen Vorstand wählen. Alles fand digital statt. Das war eine schwierige Zeit, wir haben aber das Beste draus gemacht. Denn die Corona-Pandemie hat uns gezeigt, dass wir laut sein müssen. Das setzen wir jetzt um. (Julia Lorenz)

Zur Person: Hannes Kaulfersch

Hannes Kaulfersch sieht als Schüler jeden Tag, wo es in Frankfurts Schulen hakt - egal ob es um marode Schulgebäude, dreckige Toiletten oder fehlendes WLAN geht. Deshalb hat sich der für Politik interessierende Wöhler-Schüler dazu entschlossen, sich für bessere Bedingungen für seine Mitschüler und sich einzusetzen. Seit 2019 gehört er dem Stadtschülerrat an. Im Oktober dieses Jahres wurde der 18-Jährige zum Vorsitzenden des Gremiums gewählt. Kaulfersch lebt mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern in Preungesheim. Wenn er sich nicht gerade für die Belange der mehr als 100 000 Frankfurter Schüler starkmacht, spielt er gerne Tennis. (jlo)

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