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Und über allem Melancholie: ?Abend über Potsdam?, 1930.

Ausstellung

Frankfurts Städel ehrt die große, lange vergessene Künstlerin Lotte Laserstein

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45 Werke der Künstlerin, die 1937 nach Schweden emigrierte und 1993 dort starb, zeigt „Von Angesicht zu Angesicht“, hauptsächlich aus ihren Berliner Jahren.

Ist sie nun aus der Zeit gefallen, ein Kind vergangener Dekaden? Oder ist sie es gerade nicht? Lotte Laserstein, 1898 geboren, war eine der ersten Frauen, die sich einen Platz an Berlins Hochschule für Bildende Künste eroberten. Sie wusste, was sie wollte. Zwei große Kohlezeichnungen mit Männerakten zeugen davon, dass sie sogar Aktkurse belegte. Das war für Frauen verpönt. Dass sie sich durchsetzen konnte, auch im von Männern dominierten Kunstbetrieb, steht außer Frage.

Sie malte Frauen, wie sie sich damals neu entdeckten: selbstbewusst, mit kurzen Haaren und starkem, bestimmendem Blick. Frauen, die resolut sein konnten und schön zugleich. Als die 30er Jahre kamen und die aufkeimende Emanzipation der demokratischen Jahre erstickte, war auch für Lotte Laserstein kein Platz mehr. Immer schwerer wurde es für sie, ihre Bilder zu zeigen. Eine Ausstellung in Stockholm nutzte sie 1937, um ihr Werk nach Schweden zu verfrachten – und blieb für immer dort.

Lotte Laserstein, so gesehen, ist ultramodern. Und doch ist sie zugleich fern von allem, was man damals als künstlerische Avantgarde bezeichnet hätte: Sie hat nichts gemein mit dem scharfen, satirischen Strich eines Otto Dix und ebenso wenig mit der unterkühlten Sachlichkeit eines Christian Schad. Lotte Lasersteins Vorbilder lebten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Leibl, Schuch, Trübner, das waren ihre „Hausheiligen“, wie es Alexander Eiling nennt, der die Schau gemeinsam mit Elena Schroll kuratiert hat. So wie diese großen Realisten wollte sie malen.

Aus jedem ihrer Bilder spricht der Wunsch, sehend zu verstehen, und ein Bedürfnis nach teils geradezu inniger Nähe. Das macht sie groß in der Eindringlichkeit jedes Porträts, auch wenn sie sich nicht zur Anklägerin ihrer Zeit aufschwingt wie etwa George Grosz.

Diese weibliche Sanftheit zeigt sich auch im Umgang mit ihrem Lieblingsmodell Traute Rose. In einem Gemälde malt sie sich zusammen mit ihr, die zugleich ihre Muse war – und Rose ist nicht das Objekt, das für sie posiert, sondern die Frau, die sich hinter ihr geradezu zärtlich über ihre Schulter beugt. Diese Intimität schwingt wie ein geheimes Thema durch ihre Malerei. Das macht Lotte Laserstein einzigartig. Introvertiert in einer Zeit, die die Nachkriegs-Tristesse mit lauter Lust am Spektakel bekämpfte, stand sie oft allein auf weiter Flur.

Einen „Rising Star“ nennt sie Kuratorin Elena Schroll. Doch bevor der Stern aufgehen konnte, kam jene Epoche, die sie zu erdrücken drohte und brachte Flucht, Vertreibung und die Notwendigkeit, mühsam von vorn zu beginnen.

Bei aller Weichheit transportieren viele dieser ausdrucksstarken Bilder die Ahnung eines Ungemachs. Wie ein Schleier der Trauer und Resignation liegt er etwa auf „Abend über Potsdam“, einem kapitalen Hauptwerk, das bis in Lasersteins späte Jahre in ihrem schwedischen Haus hing: Freunde, an einem ans christliche Abendmahl erinnernden Tisch auf einer Terrasse, von der sich ein spektakulär weiter Blick auf Potsdam bietet. Statt Jesus in der Mitte eine Frau in zitronengelber Bluse. Entstanden ist das Bild 1930, ein Jahr nach der Wirtschaftskrise. Das karge Mahl – ein bisschen Brot, ein paar Früchte – ist gegessen, die Becher sind fast geleert. Das Gespräch ist versiegt, und jeder in seine Gedanken versunken. Es geschieht nichts Gutes nach dem Abendmahl. Diese Erwartung liegt über allem, auch wenn man sich im Essensritual der Gemeinschaft versichert. Es sind solche Spuren, die bei manchem Werk eine politische Deutung möglich machen. Auch bei einem der beiden Bilder, die dem Städel gehören, dem 2017 erworbenen Porträt eines „Jungen mit Kasper-Puppe“ von 1933, der nicht nur den Kasper, sondern auch seinen teuflischen Widersacher mit seinen Kinderärmchen umschließt.

Für Städel-Direktor Philipp Demandt ist es eine sehr persönliche Ausstellung. Er brachte das Bild in den 90er Jahren in einer spektakulären Auktion an die Berliner Nationalgalerie. Seit zwei Jahren Direktor in Frankfurt, ist es verständlich, dass es ihm eine

Herzensangelegenheit

ist, das Gemälde in einer eigenen Ausstellung zu zeigen.

Städel Frankfurt

Bis 17. März 2019, Schaumainkai 63. Geöffnet Di–So 10 bis 18, Do/Fr bis 21 Uhr. Eintritt 14 Euro. Telefon (069) 6 05 09 82 00.

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