Ausstellung

Frankfurts MAK stellt künstlerische Formen des Widerstands vor

  • schließen

Die Ausstellung „Lara protects me“ erzählt davon, wie junge Leute in dem Land, das lange unter der sowjetischen Herrschaft litt, eine neue Identität suchen.

Vor hundert Jahren war Georgien, malerisch dahingestreckt zwischen den Fünftausendern des Kaukasus und dem Schwarzen Meer, ein Sehnsuchtsort. Im Seelenhaushalt vieler Russen spielte es eine Rolle, die sehr der ähnelte, die die Toskana für Deutsche hat. Georgien, das war eine geheimnisvolle, attraktive Kultur, und als überaus gastfreundlich galten die Georgier auch. Dann kamen die Kriege, die Zerrüttung mit der mächtigen Sowjetunion und ungeklärte Grenzstreitigkeiten, die bis heute andauern. Georgien, das sich erst in den 90er Jahren von den kommunistischen Unterjochern befreien konnte, taumelt seither, ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Herrschaft der Sowjets sitzt allen tief in den Knochen.

Und doch ist da etwas erwacht. Es gibt Anzeichen eines neuen Frühlings, eine Jugend, die den Anschluss an den Westen sucht und sich von patriarchalen Strukturen nicht mehr gängeln lassen will.

Diesen Spuren einer suchenden, teils rebellischen und teils sehr unsicheren Jugend geht die Ausstellung „Lara protects me“ nach. Konzipiert hat diese Ausstellung Mahret Kupka. Sie arbeitet am Frankfurter Museum Angewandte Kunst als Kuratorin für Mode, Körper und Performance. Auf mehreren Reisen in den vergangenen zwei Jahren hat sie sich eingelassen auf das Abenteuer Georgien. Als Buchmessegastland macht es in diesem Jahr an zahlreichen Frankfurter Orten von sich reden.

So, wie die Jugend im Land nach ihrer Bestimmung tastet, hat auch Mahret Kupka es bei tastenden Bewegungen belassen. Das fängt schon beim Titel an: „Lara protects me“ – die Botschaft, dass eine Lara sie beschütze – fand Kupka eines Morgens auf einem Zettel auf dem Boden ihres Hotelzimmers. „So auffällig, dass sie nicht schon am Abend vorher dort gelegen haben konnte.“ Als sie diese geheimnisvolle Geschichte erzählte, der unbekannten Lara hinterherforschend, traf sie viele Menschen, die ihr andere nicht minder rätselhafte Begebenheiten mitteilten. So entstand letztlich ein ganzes Netzwerk aus mysteriösen Suchbewegungen und Botschaften.

Die Ausstellung aus zehn künstlerischen Positionen kann man deuten als eine Art künstlerischen Spiegel dieser Suchen.

Sie beginnt mit einem Film des Künstlers und Tiflis-Experten Wato Tsereteli, der im Titel vorgibt, die Stadt zu beschreiben, sich aber in den eisigen Schneehöhen der umliegenden Gebirge, in Kriegsruinen und nebliger Unendlichkeit verliert. Eine Anti-Beschreibung gewissermaßen, eine Suche im Nirgendwo.

Von dort dann der Sprung in die Gegenwart. Etwa zum Modelabel „Situationist“, das mit aufgesprühten georgischen Botschaften auf einem Jackett und umgestürzten Stühlen eine Installation präsentiert, die an jüngste Konflikte gemahnt. Im Sommer ging die Regierung mit massivem Polizeieinsatz gegen zwei aufstrebende Techno-Clubs in Tiflis vor. Wochenlange – friedliche – Proteste zog das nach sich und wirft ein bezeichnendes Licht auf die Stimmung im Land: Die einen sind jung, verstehen sich als Künstler und politische Avantgarde und suchen den Anschluss an den Westen. Die anderen sind restriktiv, geprägt von alten sozialistischen Machtstrukturen und sehen in allem Neuen eine Gefahr.

Das muss man wissen und mitlesen, wenn man verstehen will, was die Modedesignerin Tamuna Karumdze sagen will, wenn sie Skateboarder in Mäntel aus ihrer Kollektion hüllt und beim Fahren filmt. Jede Szene und jede modische Gründung wird begierig erwartet und willkommen geheißen als Zeichen einer neuen Zeit, die sich mühsam aus dem Alten schält.

Sinnbildlich wird das in der Patara Gallery, einem winzigen Avantgarde-Kabuff in einer miefigen Unterführung inmitten jeder Menge „Bullshit“-Läden. So beschreibt es Gvantsa Jishkariani, die diese Galerie 2017 gegründet hat. Das MAK hat eine 1:1-Replik von ihr aufgebaut, in der man zumindest erahnen kann, wie es zugeht im Tbilisser Underground. Der Gestank freilich und die siffige Umgebung werden nicht mitgeliefert. Im MAK ist alles hübsch, weiß und sauber.

Der privateste Raum, den es gibt, ist wohl das Schlafzimmer. Die Fotografin Dina Oganova hat sich vorgenommen, junge Georgier eben darin zu fotografieren. Man sieht sie auf großen, ungemachten Betten, vor gruseligen, teils zerrissenen Tapeten – auch das Privateste, merkt man, ist ein Statement zur Lage. Oganova hat sich vorgenommen, ihre Schlafzimmer-Modelle alle zehn Jahre wieder zu besuchen. So könnte aus der Momentaufnahme eine Langzeit-Reportage werden, die von der Geburt einer demokratischen Gesellschaft zeugt. Oder von deren Scheitern, je nachdem, welchen Ausgang die Sache nimmt. In Georgien steckt viel Hoffnung, doch viel kann auch zerbrechen. Da ist es gut, mit dem Gefühl durchs Land zu wandern, von Lara beschützt zu werden – wer immer sie auch sein mag.

„Lara protects me“

Bis 20. Januar 2019, Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Frankfurt. Geöffnet Di–So 10–18, Mi bis 20 Uhr. Eintritt 12 Euro. Tel.: (069) 21231286. Internet:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare