Fraport fordert doch Staatshilfen

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
    schließen

LUFTFAHRT Management verhandelt mit Regierungen im Ausland - Berlin soll Zuzahlung leisten

Frankfurt -Um die verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie abzufedern, setzt das Management der Fraport AG alle Hebel in Bewegung, um die Konzern-Kosten zu senken: Am Frankfurter Flughafen ist das Terminal 2 seit Anfang April geschlossen; seit Ende März sind mehr als 16 000 der rund 19 000 in Frankfurt Beschäftigten in Kurzarbeit - im Schnitt bei 60 Prozent ihrer üblichen Arbeitszeit; eine der vier Start- und Landebahnen ist nach wie vor gesperrt; und an seinen Auslandsflughäfen - wo das Instrument der Kurzarbeit nicht zur Verfügung steht - hat das Management in den vergangenen Monaten fast 600 der rund 3000 Arbeitsplätze gestrichen.

Allein durch die Kurzarbeit spart das Unternehmen nun Monat für Monat mehr als 30 Millionen Euro und damit rund 41 Prozent der Personalkosten ein, wie Finanzvorstand Matthias Zieschang gestern anlässlich seines Berichts zur ersten Jahreshälfte in einer Web-Konferenz mit Analysten sagte. Die Kurzarbeit werde bis Ende Februar 2021 fortgesetzt werden, sagte Zieschang. Zudem ist es dem Flughafen-Betreiber im zweiten Quartal gelungen, auch die anderen Betriebskosten um mehr als 40 Prozent zu senken.

Hilferuf wegen "höherer Gewalt"

Aber das alles reicht dem Fraport-Vorstand nicht: Um das Geschäftsergebnis dieses Jahr nicht allzu tief in die Verlustzone abstürzen zu lassen, versucht die Unternehmensführung inzwischen vor allem im Ausland staatliche Hilfe zu erhalten: An "nahezu allen internationalen Konzern-Flughäfen wurden Verhandlungen mit den Behörden und staatlichen Stellen aufgenommen, um Konzessionsabgaben temporär zu reduzieren bzw. die Gewährung anderer staatlicher Hilfen zu erlangen", hieß es gestern beim Frankfurter Flughafen-Betreiber. "Die vertraglichen Grundlagen mit den jeweiligen Staaten, in denen unsere Konzern-Flughäfen ansässig sind, beinhalten hierzu individuelle Vertragsklauseln über den Umgang mit Ereignissen höherer Gewalt", erklärte ein Unternehmenssprecher. Auch dabei geht es um Millionen-Summen. Und zumindest bei den Bemühungen um geringere Konzessionsabgaben haben die Frankfurter erste Erfolge errungen, wie Zieschang gestern durchblicken ließ.

Konzern verbrennt noch Geld

In der Vergangenheit hatten Fraport-Vorstandschef Stefan Schulte und Matthias Zieschang stets betont, ohne staatliche Hilfe auskommen zu wollen. Aber so ganz wollen die beiden Manager auch die Bundesregierung nicht aus der Pflicht entlassen, nachdem diese durch die Verhängung umfangreicher Reisebeschränkungen und Quarantäne-Vorschriften auch hierzulande den Flugverkehr zum Erliegen gebracht hatte. "Auf ausdrücklichen Wunsch der Bundesregierung haben wir im April und Mai die Flughäfen offengehalten, damit Deutschland eine Minimalversorgung hat", sagte Schulte. Diese "Vorhaltekosten" wollen Fraport und die anderen Airport-Betreiber in Deutschland erstattet bekommen. Dabei gehe es um 150 Millionen Euro im Monat, verriet Schulte.

Selbst wenn das Gros dieser Summe in die Fraport-Kasse fließen sollte, wäre das allerdings nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das Passagieraufkommen am Frankfurter Flughafen ist inzwischen zwar leicht gestiegen - in der vergangenen Woche betrug das Minus im Vergleich zum Vorjahr "nur" noch 78,6 Prozent, nach 91 Prozent im Juni. Aber der Konzern hat die Gewinnschwelle noch nicht erreicht, wie Zieschang gestern ausführte. Derzeit verbrenne das Unternehmen noch circa 60 000 Euro am Tag. Aber Geldmangel ist für Fraport zurzeit kein Thema: Das Unternehmen verfügt über 2,94 Milliarden Euro an liquiden Mitteln und zugesicherten Kreditlinien. Damit sei die Liquidität mindestens bis zum Ende des Jahres 2021 gesichert, hieß es.

hoher Verlust

Nachdem der Umsatz im zweiten Quartal um 74,5 Prozent eingebrochen ist, kommt das Unternehmen für das erste Halbjahr auf einen Erlös-Rückgang von 48,9 Prozent auf 910 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) färbte sich von April bis Juni mit minus 106,5 Millionen rot. Nach den ersten sechs Monaten steht insgesamt aber ein positives Ebitda von 22,6 Millionen - weil das Auslandsgeschäft, das für knapp die Hälfte des Umsatzes stand, einen Gewinn von 35,5 Millionen Euro erwirtschaftete. Unterm Strich entstand im ersten Halbjahr allerdings ein Konzern-Verlust von 231,4 Millionen Euro. Da schlug der Verlust der 50-Prozent-Beteiligung am türkischen Flughafen Antalya ins Kontor. Im Vorjahreszeitraum hatte der Fraport-Konzern noch einen Nettogewinn von 164,9 Millionen Euro ausgewiesen. Nach wie vor rechnet der Vorstand für 2020 mit einem "klar negativen Nettoergebnis". Eine Dividende wird es also nicht geben. Dieser Rechnung ist die Annahme zugrundegelegt, dass das Passagieraufkommen bis Jahresende um 60 bis 70 Prozent niedriger sein wird als 2019 - da starteten 70,6 Millionen Menschen am viertgrößten Passagier-Flughafen Europas.

bis Ende 2021

Dass diese Kundenzahl in absehbarer Zeit wieder erreicht werden wird, glaubt bei Fraport niemand mehr. Schulte hatte bereits im Juli die Erwartung geäußert, dass selbst im Jahr 2023 die Passagierzahl noch um 15 bis 20 Prozent unter dem Niveau von 2019 liegen werde. Deshalb müssten 3000 bis 4000 der konzernweit knapp 22 000 Arbeitsplätze abgebaut werden, so Schulte.

Wie Zieschang gestern ausführte, sollen diese Stellen bis spätestens Ende 2021 wegfallen - und zwar vor allem in Frankfurt, wie es scheint. Denn Zieschang sagte, damit werde das Unternehmen bis zu 250 Millionen Euro pro Jahr am Heimatstandort einsparen. Der Finanzchef betonte, dass der Job-Abbau möglichst sozialverträglich stattfinden soll: zum einen über natürliche Fluktuation, zum anderen über Vorruhestandsregelungen, Abfindungen, Transfergesellschaften oder Arbeitszeit-Reduzierungen ohne Lohnausgleich. Erste Rückstellungen dafür will das Management schon im laufenden Quartal bilden. Ob betriebsbedingte Kündigungen erforderlich werden, hängt laut Zieschang "von der Umsetzung ab". Soll heißen: davon, ob sich genügend Freiwillige finden und die Lohnzugeständnisse ausreichend erscheinen.

Panagiotis Koutoumanos

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare