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Frankfurt - Geschichtskurse für Erwachsene - das klingt fremd. Genau das bietet der Verein Infrau in seinem interkulturellen Beratungs- und Bildungszentrum für Migrantinnen.

Frauen werden bestraft, Männer nicht

  • vonSabine Schramek
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BILDUNG Verein Infrau bietet Geschichtskurse für Erwachsene

Frankfurt -Geschichtskurse für Erwachsene - das klingt fremd. Genau das bietet der Verein Infrau in seinem interkulturellen Beratungs- und Bildungszentrum für Migrantinnen.

Der Zulauf ist enorm. "Wir hatten Anrufe von mehr als 20 Frauen. Wegen Corona können leider nur sechs dabei sein", sagt Annette Piepenbrink-Harraschain (58), die das Projekt "Zeitreise" koordiniert. Gebannt lauschen je eine Frau aus Kroatien, Syrien, Burkina-Faso, Äthiopien, Marokko und Kolumbien seit Ende September jede Woche der Historikerin Melanie Wurst zu Themen der Frauenbewegung seit 1800. Ob Weltkriege, Weimarer Republik oder Nachkriegszeit - die Frauen erfahren, was die Mütter, Omas und Uromas der Frankfurter erlebt und erfahren haben. Und wie sie sich eingesetzt haben für Demokratie, Gleichberechtigung und Frauenrechte.

Langer Kampf um Paragraf 218

Die Frauen werden voll mit eingebunden. An dem Tag, als es um Abtreibung, den Paragrafen 218 geht, wird darüber diskutiert, wie Frauen wo und warum abgetrieben haben. Und über die Stern-Medienkampagne "Wir haben abgetrieben" aus dem Jahr 1971. Wurst malt einen Kleiderbügel an die Tafel. Die Frauen können es nicht fassen, dass in Deutschland Frauen aus Verzweiflung dieses Mittel genutzt haben oder nach Holland gefahren sind, um ungewünschte Schwangerschaften zu beenden.

Man sieht den Migrantinnen das Entsetzen an. Die Äthiopierin schlägt entsetzt die Hände über ihren Kopf und sagt "das ist ja schrecklich". In ihrem Heimatland ist Abtreibung verboten, gemacht wird es trotzdem mit Pflanzenextrakten, die getrunken werden. Jede Frau erzählt, wie es in ihrem Land ist, wie mit dem Tabu umgegangen wird und dass viele Frauen sterben oder unfruchtbar werden.

Die Frau aus Kroatien erzählt von den momentanen Protesten in Polen, weil die Gesetze noch strikter geworden sind und von Korruption in ihrem Heimatland. Die Äthiopierin fragt, warum nirgendwo auf der Welt Männer bestraft werden, wenn sie ungewollte Kinder zeugen. "Das ist ungerecht. Strafen gibt es bei Vergewaltigung, aber nicht für alles andere." In Syrien fürchteten sich die Frauen mehr vor dem Skandal als vor dem eigenen Gesundheitsrisiko, das Frauen bei heimlicher Abtreibung eingehen. Es gibt illegale Arztpraxen, in denen abgetrieben wird gegen "sehr viel Geld. Das kann sich kaum jemand leisten", so die Frau.

Aufklärung

statt Abtreibung

Die Historikerin und die anderen Frauen erfahren, dass in Kolumbien Aufklärungs-Kampagnen laufen über Verhütung und Sterilisation von Männern. "Das ist neu. Wegen der Religion ist Abtreibung strikt verboten, es drohen zwei Jahre Gefängnis. Deshalb haben in Kolumbien auch viele 12- und 13-jährige Mädchen Kinder oder sie sterben, wenn sie versuchen, mit Pflanzenextrakten abzutreiben." In Burkina-Faso darf nur bei geschwisterlicher Schwangerschaft abgetrieben werden. Mutter und Vater dürfen dann entscheiden. Auch hier wird aufgeklärt. Organisationen verteilen Kondome, um Frauen zu schützen. "Wer beim heimlichen Abtreiben mit Pflanzen nicht stirbt, hat oft die eigene Gebärmutter zerstört", sagt die Frau. "Es gibt dort einen Slogan, der heißt 'ich darf leben'. Alles lebt, egal, wie klein es ist."

Alle schütteln den Kopf, als sie merken, dass überall Frauen in ihrer Verzweiflung weitgehend allein gelassen werden und in vielen Ländern in Prostitution enden, um die Kinder zu ernähren. "Damit ist wieder der Weg für Ächtung offen." Alle Augen öffnen sich völlig überrascht, als die Frau aus Burkina-Faso erzählt, dass es in ihrem Heimatland keine Unterschiede in der Bezahlung zwischen Männern und Frauen gibt. "Dort ist das überhaupt kein Thema. Wer arbeitet, wird bezahlt. Und es gibt ein Frauenministerium."

Die Frauen tauschen sich aus, lernen über Frankfurts Geschichte und die der eigenen Heimatländer. Sie verstehen die Hintergründe über Kulturen, Gesetze und sie fühlen sich ermutigt, selbstbewusst für Rechte einzustehen. Sie besuchen Orte in Frankfurt, die zeigen, wie wichtig Frauen in der Gesellschaft sind. SABINE SCHRAMEK

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