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Friedrich-Ebert-Schule 2.0 - so sieht die Zukunft aus

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Von: Friedrich Reinhardt

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Unterricht in der Ebert-Schule. FOTO: hamerski
Unterricht in der Ebert-Schule. © hamerski

Frankfurter IGS verzichtet auf Frontalunterricht - Eltern müssen allerdings Tablets kaufen

Kaum sind alle Schüler eingeloggt, wird es ruhig im Klassenzimmer. "Einloggen", so heißt es in der Friedrich-Ebert-Schule, wenn die Lehrerin Merve Gürbüz jeden Schüler fragt, was er in dieser Stunde erledigen will. Oli macht Deutsch, Melja Englisch, Alexander macht Ethik, ebenso Afnan, er aber mit einem höheren Schwierigkeitsgrad. Gürbüz schreibt Name und Fach an die Tafel, die Schüler sind damit eingeloggt, arbeiten von nun an selbstständig. Wenn sie Fragen haben, hilft die Gürbüz.

Gemeinsam lernen auf dem Marktplatz

Oli zieht sich einen Kopfhörer auf die Ohren. Er sagt, er kann sich so besser konzentrieren. Viele hören Musik, während sie arbeiten. Oli senkt den Kopf und beginnt still mit seinen Rechtschreibübungen. Er arbeitet heute allein. Seine Mitschüler Efthimia, Zalariga, Turek und Margam erledigen die Aufgaben gemeinsam, draußen Flur, auf dem sogenannten "Marktplatz".

Frontalunterricht gibt es in der Friedrich-Ebert-Schule nicht. Gab es nie, sagt Schulleiterin Simone Hofmann. Seit Jahren werden mit der "Lernszeit", in Formen des selbstständigen Lernens unterrichtet. Das soll auf fast alle Fächer ausgeweitet werden. In den Lernateliers, bekommen die Schüler einen Stapel von Aufgaben und mehrere Tage Zeit. Sie entscheiden, was sie wann erledigen, ob allein oder gemeinsam.

Für die Lehrer heißt das, sie bereiten nicht eine Unterrichtseinheit für alle Schüler vor, sondern erarbeiten Aufgaben in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen. Da die Fachlehrer enger zusammenarbeiteten müssen, werde Zeit gespart, sagt Gürbüz. "Und wenn ich krank werde, wissen die Schüler, woran sie arbeiten sollen." In den Klassen 5 und 6 hat die Schule das neue Konzept eingeführt, sagt Hofmann. "Jeder neue Jahrgang wird von nun an damit arbeiten." Jens Dorfmeyer, Stufenleiter der Klassen 9 und 10 sieht dafür eine Notwendigkeit. "Die Integrierten Gesamtschulen stemmen die gesamte Inklusion." Da die Schule auch Kinder mit größeren Lernschwierigkeiten integriert, sei das Leistungsspektrum groß, also der Unterschied zwischen dem stärksten und dem schwächsten Schüler. Im Frontalunterricht könne ein Lehrer mit einer Unterrichtsstunde nicht allen gerecht werden. Die unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen im Lernatelier seien da flexibler. Bei der Abstimmung in der Gesamtkonferenz, in der Lehrer, Eltern und Schüler vertreten sind, gab es keine Gegenstimmen, nur zwei Enthaltungen.

Die Umstellung steht in der Friedrich-Ebert-Schule erst am Anfang. Im nächsten Schritt soll das Lernen digitalisiert werden. Im neuen Schuljahr müssen Eltern den Schülern Tablets kaufen. Erst die fünften Klassen, ab Herbst auch die 6er und 7er. Über drei Jahre zahlen Eltern monatlich 12 Euro, sagt Dorfmeyer. Den Familien, die sich das nicht leisten können, helfe der Förderverein. So ließe sich der Preis auf 6 Euro pro Monat drücken.

Digitales in neuer Form

Das digitale Lernen soll mit dem Konzept der Lernateliers ineinander greifen. Die Tablets seien individualisierbar, sagt Dorfmeyer. "Jeder Schüler soll seinen eigenen Arbeitsplan auf das Tablet bekommen." Auch könne man bei Bedarf Apps nur dann für einen Schüler freischalten, wenn er sie braucht. Dies ist möglich, weil die Eltern die Tablets selbst kaufen. Die Schule muss eine App nicht erst beim Stadtschulamt beantragen, sie kann sie einfach herunterladen.

Darüberhinaus bietet die Technik neue Möglichkeiten. Dorfmeyer zählt auf: Dokumente gemeinsam bearbeiten, Internetadressen teilen, mit denen man ein Thema vertiefen kann, Fotos machen, Videos drehen. Dorfmeyer malt sich aus, wie Schüler eine Dokumentation über einen Käfer im Schulgarten produzieren. Der Lehrer räumt ein: "Wir haben den Umfang der Möglichkeiten noch nicht erfasst." Auch im Lehramtsstudium sei wenig über das Lernen mit digitalen Medien vermittelt worden. Die Lehrer der Friedrich-Ebert-Schule müssen sich das in den kommenden Jahren nun selbst beibringen.

Neues Raumkonzept gebraucht

Die Digitalisierung ist nur das eine. Die Lernateliers brauchen ein eigenes Raumkonzept, erklärt die Schulleiterin. Es brauche ein großes Atelier, in dem alle Klassen gemeinsam unterrichtet werden können. Mathe-, Deutsch-, und Englischlehrer könnten die Fragen der Schüler beantworten, die gerade an den Aufgaben ihres Fachs arbeiten, egal was ein Stundenplan vorschreibt.

Ein Möglichkeitsfenster für solch einen Umbau entstand, weil die Schule erweitert wird. "Eigentlich sollen wir schon ab nächstem Jahr sechszügig werden", sagt Hofmann. Bisher ist sie vierzügig. Bei der Planung für die Erweiterung habe die Schulleitung mit der Gruppe "Beschleunigter Schulbau" im Bildungsdezernat neben dem Ausbau auch die Planung für den Umbau der Klassenräume begonnen. Die Gelder seien bereits beantragt. 2024 könne der Umbau beginnen. Hofmann rechnet mit einer Bauzeit von zwei Jahren.

Die Kinder, mit denen diese Zeitung gesprochen hat, würden die freie Lernform dem Frontalunterricht vorziehen. "Weil es keine Hausaufgaben gibt", sagen mehrere der Sechstklässler. Oli mit einem Kopfhörer in der Hand, bevorzugt Lernatliers aber auch weil er auf manche Fächer an manchen Tagen keine Lust hat. Heute zum Beispiel. Er wurde von der Lehrerin ermahnt. Nun ist er grummelig. Gruppenarbeit, das könne er gerade nicht. Also stülpt er wieder den Kopfhörer über die Ohren und arbeitet lieber alleine. Friedrich Reinhardt

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