Hofft auf Käufer für das neue Lüftungssystem: Geschäftsführer Markus Beck zeigt ein Diffusorrohr.
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Hofft auf Käufer für das neue Lüftungssystem: Geschäftsführer Markus Beck zeigt ein Diffusorrohr.

Innovation aus Frankfurt

Frische Luft für die Klassenzimmer

  • VonManfred Becht
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Firma aus Griesheim erfindet neues Lüftungssystem für die Corona-Zeit. Die Kälte bleibt draußen.

Frankfurt -Die Kinder sitzen in Jacken und mit Pudelmützen auf dem Kopf in den Klassenräumen, weil immer wieder gelüftet werden muss - so die Beobachtung von Roland Abt. "Das ist ein Unding in einem industrialisierten Land", schimpft Abt. "Von einem geregelten Unterricht in den Frankfurter Schulen sind wir weit weg." Und das nun schon im zweiten Winter in Folge. Nach Abts Meinung wäre dies nicht notwendig. Abt ist Betriebsleiter bei der im Stadtteil Griesheim ansässigen Beck Kunststoffverformungs GmbH. Das Unternehmen hat ein System entwickelt, mit dem Klassenzimmer, aber auch Büro- oder Geschäftsräume kontinuierlich gelüftet werden können. Gekauft hat es noch niemand, aber bei wissenschaftlichen Tests wurden gute Ergebnisse erzielt.

In wenigen Stunden eingebaut

Wie sieht das System aus? Letztlich besteht es aus Rohren, die unmittelbar an der Raumdecke befestigt werden. Von dicken Rohren, die zu einem Ventilator im Fenster führen, zeigen etwas schmalere Rohre ab. Durch Schlitze in diesen schmaleren Rohren wird die Luft angesaugt und durch den Ventilator ins Freie transportiert. Durch eine Lüftungsklappe strömt frische Luft nach. Dabei ist das System so ausgelegt, dass es an keiner Stelle im Raum störende Zugluft gibt.

Atmoxchange, wie das System genannt wird, könne in wenigen Stunden in jeden Raum eingebaut werden, sagt Abt. In den Schulen sei eine Unterbrechung des Betriebes nicht notwendig. Wenn der Unterricht beendet ist, könne in drei bis vier Stunden ein Klassenraum nachgerüstet werden. Geschäftsführer Markus Beck beziffert die Kosten auf 4800 bis 5000 Euro für ein durchschnittliches Klassenzimmer.

Ein großer Teil davon sind die Kosten für den Einbau. Beim Material fallen noch die Ventilatoren besonders ins Gewicht, die Beck von anderen Herstellern zukauft. Die Rohre bestehen aus einem speziell für diesen Zweck entwickelten Schaumstoff. Der hat durch seine offenporige Struktur noch den positiven Nebeneffekt, dass er den Schall im Raum dämmt - in manchen Schulklassen eine Wohltat. Verwendet wird der Schaumstoff aber wegen seines geringen Gewichts - auf diese Weise könne die Rohre an praktisch allen Deckenkonstruktionen befestigt werden. Für die Stromversorgung wiederum reicht eine Steckdose - das begrenzt den Aufwand und die Kosten.

Die Firma Beck hat sich das alles nicht alleine ausgedacht. Man habe darüber nachgedacht, welchen Beitrag man mit der speziellen Expertise des Unternehmens einen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten könnte, berichtet Geschäftsführer Beck. Dann habe man ein System entdeckt, dass das Max-Planck-Institut entwickelt und an der Universität Mainz installiert hat. Die Beck GmbH hat dies weiterentwickelt und optimiert auch dahingehend, dass die Komponenten industriell hergestellt werden können.

Fenster können geschlossen bleiben

Was sind die Vorteile gegenüber den Luftreinigern, die in den Klassenzimmern aufgestellt werden könnten? Die Luftreiniger stehen irgendwo im Raum und saugen die Luft an - wenn es schlecht läuft, bleiben Corona-Viren dabei an den Schülern hängen, die im Luftstrom sitzen. "Unser System reinigt die Luft nicht, sondern tauscht die Luft komplett aus, und das vier bis fünf Mal pro Stunde", so Abt. Vermieden wird auch das mit dem Lüften verbundene Problem, dass sich der Gehalt der Luft an Kohlendioxid immer weiter anreichert, bis die Fenster geöffnet werden.

Deshalb, sagt Geschäftsführer Beck, verliere das System auch nicht seinen Wert, wenn die Corona-Pandemie eines Tages erledigt ist. Er geht ohnehin davon aus, dass die Gesellschaft es mit dem aktuellen Virus noch eine ganze Weile zu tun haben wird. Wie viel Geld sein Unternehmen in die Entwicklung von Atmoxchange investiert hat, möchte er nicht sagen, aber es sei schon ein beachtlicher Betrag und zu oft könne man sich derartiges nicht leisten. Drei neue Mitarbeiter wurden für das Projekt ebenfalls eingestellt. Insgesamt sind bei der Beck Kunststoffverformungs GmbH derzeit etwa 50 Mitarbeiter beschäftigt. Die seit 50 Jahren bestehende Firma beschäftigt sich mit der Entlüftung von extrem belasteter Luft. Insofern ist der Standort Griesheim kein Zufall - traditionell gehört die chemische Industrie im Frankfurter Westen zu den Stammkunden.

Jetzt hoffen Beck und Abt, dass die Politik endlich von ihrer als zögerliche empfundenen Entscheidungsfindung abweicht und die Klassenzimmer nachrüstet. Wobei auch Kindertagesstätten, Büro- und Geschäftsräume, aber auch die Gastronomie als Kunden in Frage kommen. Manfred Becht

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