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Gute Stimmung: Mohamed (26) und Barber Angel Michaela aus Mannheim.

„Barber Angels Brotherhood"

21 Friseure aus ganz Deutschland stylen Obdachlose und Drogensüchtige

Vier Stunden lang haben 21 Friseure aus drei Bundesländern knapp 100 Drogenabhängigen und Obdachlosen ihre Haare geschnitten, geföhnt und Bärte gestutzt. Ehrenamtlich und in Rockerkluft.

Der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) staunt nicht schlecht. Ein großer heller Raum der Integrativen Drogenhilfe ist voller schwarz gekleideter Männer und Frauen in dunklen Lederkutten mit Patches auf der Brust, die mit Scheren klappern. Es sind keine Mitglieder eines Motorrad-Clubs, sondern 21 Friseure, die hier ehrenamtlich fast 100 Köpfe und Frisuren von Drogenabhängigen und Obdachlosen stylen. „Eine gute Aktion“, sagt Grüttner noch vor dem Besuch im Wahllokal.

„Barber Angels Brotherhood“ nennt sich der Verein, der zum ersten Mal in Frankfurt tätig ist. Die Mitglieder sind Friseure aus ganz Deutschland, die Bedürftigen ehrenamtlich die Haare schneiden. „Nicht nur einmal, sondern wir kommen alle acht bis zehn Wochen wieder, um den Leuten ein gutes Gefühl zu geben“, sagt Präsident Markus Schmidt, der aus Mallorca gekommen ist.

Vor eineinhalb Jahren wurde der Verein mit zehn Personen gegründet, „heute sind es mehr als 250 Mitglieder in fünf Ländern“, so der bärtige Mann. Heute sind 21 Frauen und Männer aus drei Bundesländern angereist, um Wohlgefühl in der Drogenhilfe zu verschenken. Mit Shampoo-Hauben, mit denen geschickte Hände Haare desinfizieren und reinigen, mit Friseurkitteln, Scheren, Föhns und Haarschneidemaschinen.

Der Raum ist voller Menschen, die das Angebot dankbar annehmen. Mohamed (26) ist seit zwei Wochen obdachlos. „Meine Ex hat mich betrogen und da bin ich ausgezogen. Das konnte ich nicht ertragen. Zum Glück bin ich nicht drogensüchtig. Ein neuer Haarschnitt tut mir jetzt gut“, erzählt der junge Mann, der bei der Diakonie arbeitet. „Mein Traum wäre es, Model zu werden.“ Die blonde Evren Esmer (40) lacht. „Dann nehmen wir hier ein bisschen weg und lassen oben längere Haare stehen“, berät sie ihn und fängt an, zu schneiden. Esmer kommt aus Frankfurt, hat einen Salon auf der Fressgass’ und hat den Einsatz in der Drogenhilfe organisiert. „Es ist für uns das erste Mal bei Drogensüchtigen. Schön, wie entspannt und freundlich die Atmosphäre hier ist.“ Mohamed ist glücklich mit seinem Haarschnitt. „Jetzt fühle ich mich wieder richtig wohl. Tolle Aktion hier.“

Blonde und braune Haare werden penibel in Form gebracht, Haarspray und Gel geben den letzten Schliff. Ponys und Stufen werden geschnitten und frisiert, Zöpfe geflochten und Bärte getrimmt. Männer fahren sich prüfend mit den Fingern durch ihre neuen Styles, Frauen gucken begeistert in Spiegel. Wer mag, kann sich auch Schminken lassen mit guten Produkten. So werden aus blassen, fahlen Gesichtern Schönheiten mit Rouge und Wimperntusche. „Ich fühle mich wie ein neuer Mensch, Dankeschön“, sagt die drogensüchtige Sandra (35).

Ein IT-Unternehmen, das normalerweise Kassen-Software herstellt, verteilt selbst gebackene Kekse und Kakao. „Man muss helfen, wo es geht“, sagt Vertriebsleiter André Feiter (43). Ein Augenoptiker verschenkt Lese- und Sonnenbrillen. Mehr als 200 neue Brillen und mehr als 100 Gutscheine für Sehtests und Brillen sind nach zwei Stunden weg. „Jeder hat ein Recht darauf, gut zu sehen und dafür stehen wir ein“, so eine der Ehrenamtlichen. Schals, Mützen und Erste-Hilfe-Kästen werden ebenfalls verschenkt. Es sind Dinge, die die Integrative Drogenhilfe gespendet bekommen hat. Tee, Kaffee, Saft, Würstchen, Salate und Brote stellt die Drogenhilfe aus eigenen Mitteln zur Verfügung.

Die Einrichtung im Frankfurter Ostend besteht seit 1992. Geschäftsführerin Gabi Becker ist angetan von der ehrenamtlichen Arbeit der Friseure. „Es ist schön, die Menschen zufrieden zu sehen. Und noch schöner, dass die Barber Angels jetzt regelmäßig zu uns kommen.“ 95 Menschen übernachten hier regelmäßig, 80 Menschen werden beschäftigt in der eigenen Schreinerei, beim Malern und im Garten. „Wir geben ihnen Struktur, sie können duschen, ihre Wäsche waschen und sich medizinisch helfen lassen, damit sie wieder Fuß fassen können. Ein guter Haarschnitt kann schon einiges bewirken.“

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