Dieser private Dachgarten in Frankfurt ist vom Deutschen Architekturmuseum prämiert worden. Doch nicht jedes Dach eignet sich für ein solch umfangreiches Grünprojekt. Entscheidend und zu prüfen ist, wie viel Gewicht ein Dach aushält.
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Dieser private Dachgarten in Frankfurt ist vom Deutschen Architekturmuseum prämiert worden. Doch nicht jedes Dach eignet sich für ein solch umfangreiches Grünprojekt. Entscheidend und zu prüfen ist, wie viel Gewicht ein Dach aushält.

Wenn es heiß wird in Frankfurt

"Für viele ist es im Sommer kaum noch erträglich"

  • VonBrigitte Degelmann
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Landschaftsarchitektin Bettina Weise erklärt, warum immer mehr Menschen ihre Häuser begrünen wollen und gibt Tipps.

Immer mehr Hausbesitzer setzen auf die Begrünung von Hinterhöfen, Dächern und Fassaden. Was das mit den heißen Sommern 2018 und 2019 zu tun hat und warum ein Baum für deutlich mehr Abkühlung sorgt als ein Sonnenschirm, erklärt die Frankfurter Landschaftsarchitektin Bettina Weise.

Frau Weise, was sollten Hausbesitzer bedenken, wenn sie über eine Dach-, Fassaden- oder Hinterhofbegrünung nachdenken?

Bei Dächern sollte man erst einmal die statischen Gegebenheiten prüfen. Für eine extensive Dachbegrünung sollte man ein Gewicht von 120 bis 125 Kilogramm pro Quadratmeter einkalkulieren. Diese Begrünung hat den Aufbau mit der geringsten Höhe und ist deshalb auch nur für eine niedrige Bepflanzung mit robusten Stauden-Gräser-Mischungen oder Sedumsprossen geeignet. Falls die Statik mehr zulässt, bieten sich viele Möglichkeiten der Bepflanzung und Gestaltung von Dachgärten. Bei einer Fassadenbegrünung kommt es beispielsweise darauf an, wie hoch die Fassade ist, welche Pflanze dafür geeignet ist und wie dick die Dämmung des Hauses ist. Danach richtet sich die Auswahl der Rankhilfen.

Und bei der Entsiegelung von Hinterhöfen?

Da ist unter anderem entscheidend, welche Möglichkeiten der Entsiegelung bestehen. Wenn die Fläche nicht mehr befahrbar sein muss, könnte man vorhandenes Pflaster oder Asphalt entfernen, um dort Pflanzflächen schaffen. Bei Pflaster ist die Entsiegelung relativ einfach. Bei Asphalt ist der Aufwand etwas größer, gegebenenfalls braucht man dafür die Hilfe eines Fachbetriebes. Zugänglichkeiten zu Hinterhöfen sind dabei ein wichtiger Kostenfaktor. Je schwieriger der Abtransport des Bauschuttes und Unterbaus, umso höher werden die Baukosten. Wenn man diesen Aufwand nicht betreiben möchte, kann man auch zu Pflanztöpfen greifen. Allerdings macht es dann Sinn, große Gefäße bereitzustellen, in die man Sträucher und Gehölze pflanzen kann. Diese Gefäße sollten mindestens 50 mal 50 mal 50 Zentimeter messen. Pflanzen brauchen ein gewisses Erdvolumen, um wachsen zu können. Je mehr Pflanzen, umso besser der Verdunstungseffekt und die Beschattungsmöglichkeiten.

Welche Pflanzen sind für eine Begrünung geeignet?

Das hängt immer vom Standort ab. Es gibt sehr viele Pflanzen, die dafür geeignet sind. Die Auswahl richtet sich danach, ob die Fläche eher ganztägig sonnig oder schattig ist und welchen Zweck sie erfüllen sollen. Für eine Bepflanzung von Töpfen sind zum Beispiel Sträucher wie Zwergflieder, Sommerflieder, Schneeball und Ilex geeignet. Besonders hitzeverträglich sind auch Halbsträucher wie der Silberstrauch, ebenso Gräser wie Rutenhirse, Lampenputzergras und Chinaschilf. Letztere sind zwar für die Vogelwelt nicht ganz so nützlich wie andere Pflanzen, aber dekorativ. Ebenfalls beliebt sind Blütenstauden wie Echinacea, Duftnessel, Salbei und Lavendel. Sogar kleine Obstgehölze können in Töpfe gepflanzt werden. Spaliergehölze eignen sich vor Mauern und Wänden. Sinnvoll ist dann ein automatisches Bewässerungssystem. Das erleichtert die Pflege, gerade beim mehrgeschossigen Wohnungsbau, wo die Verantwortlichkeiten nicht genau geklärt sind.

Mit welchen Kosten muss man bei Dach-, Fassaden- oder Hinterhofbegrünungen rechnen?

Es ist ganz schwierig, hier pauschale Aussagen zu machen, denn das hängt von sehr vielen Faktoren ab. Teuer sind nicht unbedingt die Pflanzen selbst, sondern vor allem die baulichen Maßnahmen. Die Zugänglichkeit zur Baustelle, die Entsorgung des anfallenden Bauschuttes, die Höhe der Dächer und Fassaden, die Auswahl der Pflanze und deren Wuchskraft sowie die Beschaffenheit der Wände sind Faktoren, die die Kosten bestimmen. Ganz grob könnte man sagen, dass beispielsweise die Begrünung eines Garagendachs im Durchschnitt zwischen 6000 und 9000 Euro brutto kostet.

Haben denn Hausbesitzer überhaupt Interesse an solchen Maßnahmen?

Ja, im Vergleich zu früher haben derartige Anfragen zugenommen, vor allem nach den heißen Sommern in den Jahren 2018 und 2019. Denn für viele Bewohner der Innenstädte ist es im Sommer kaum noch erträglich, auf ihrem Balkon oder ihrer Terrasse zu sitzen. Weil die umliegenden Häuserwände die Wärme speichern und dann abstrahlen, gibt es selbst abends kaum noch Abkühlung. Das hängt auch mit der zunehmenden Verdichtung der Innenstädte zusammen. Eine Begrünung kann da durchaus helfen, egal in welcher Größe und Dimension. Bäume beispielsweise tragen durch ihre Verdunstungsleistung viel mehr zur Abkühlung bei als etwa ein Sonnenschirm. Baumpflanzungen sind daher die einzige Maßnahme, mit der wir der steigenden Überhitzung der Städte entgegenwirken können. Allerdings benötigt es immer eine gewisse Zeit, bis ein neugepflanzter Baum den erwünschten Effekt erzielen kann. Deshalb sollte der Schutz des alten Baumbestandes oberstes Ziel sein. Vegetation und Grünflächen sind außerdem auch gut für die Psyche und tragen zur Beruhigung und Entspannung bei.

Mehr Grün in den Städten ist aber nicht nur für das Auge gut.

Das stimmt. Eine Begrünung von Dächern und Fassaden mindert extreme Temperaturschwankungen an den Dach- beziehungsweise Fassadenflächen. Dadurch wird die Dachabdichtung geschont, Hagelschäden werden reduziert, Feinstaub und Schadstoffe werden gebunden. Das Mikroklima wird positiv beeinflusst. Eine Fassadenbegrünung kann auch zur Lärmreduktion beitragen. Ein weiterer positiver Effekt ist außerdem, dass bei Starkregen die Kanäle weniger belastet werden, weil Grünflächen das Wasser stärker speichern und verzögert wieder abgeben. Außerdem sind begrünte Dächer, Fassaden und Hinterhöfe auch gut im Hinblick auf die Artenvielfalt. Letzteres ist übrigens für immer mehr Menschen ein wichtiges Anliegen.

War das vor ein paar Jahren noch anders?

Ja, da hieß es meistens, dass die Gestaltung pflegeleicht sein soll und wenig "Dreck" machen darf. Heute dagegen höre ich immer öfter, dass Auftraggeber eine insektenfreundliche Gestaltung ihrer Terrassen, Fassaden, Dächer oder Hinterhöfe wünschen, mit einer artenreichen Bepflanzung, die vielen Lebewesen Nahrung bietet. Der Wunsch danach, einen kleinen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt und zur Verbesserung des Mikroklimas zu leisten, ist deutlich gestiegen.

Interview: Brigitte Degelmann

Bettina Weise

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