Finanzmarkt

Funke springt bei Vodafone-Funktürmen nicht über

  • Panagiotis Koutoumanos
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Warum beim Börsengang von Vantage Towers die Bäume nicht in den Himmel wachsen

Frankfurt. Angefangen von E-Mails, sozialen Netzwerken und Video-Streaming über mobiles Arbeiten und in Echtzeit gesteuerte Industrie-Roboter bis hin zu autonom fahrenden Autos mit vernetzten Assistenzsystemen - der Daten-Hunger wächst stetig. Auch und vor allem im Mobilfunknetz: Hat der weltweit mobile Datenverkehr in den vergangenen Jahren schon zwischen fünfzig und 90 Prozent per anno zugelegt, wird er nach Schätzungen der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) schon 2025 sechsmal höher sein als heute. Der neue Highspeed-Mobilfunkstandard 5G macht's möglich. Bis zum Jahr 2030 sollen alle bewohnten Gebiete in der Europäischen Union mit dem 5G-Netz abgedeckt sein, lautet das Ziel der EU-Kommission, die für ihre Digital-Offensive 150 Milliarden Euro lockermacht.

"Das neue Betongold des 21. Jahrhunderts"

Und klar ist: Damit das technisch klappt, sind immer mehr Funktürme nötig. Zumal die höheren 5G-Frequenzen nicht so weit funken können. "Funktürme sind das neue Betongold des 21. Jahrhunderts", meint deshalb Technologie-Experte und Start-up-Investor Thomas Rappold.

Zumindest bei sicherheits- und langfrististig orientierten Anlegern sind sie jedenfalls sehr beliebt. Denn das Geschäft mit den Masten verspricht langjährig relativ risikoarme und planbare Renditen. Wird ein Funkturm doch in langfristigen Verträgen an einen oder sogar mehrere Mobilfunk-Betreiber vermietet, die ihre Antennen daran aufhängen.

Ideale Voraussetzungen also für einen fulminanten Börsengang des deutsch-britischen Funkturm-Riesen Vantage Towers an der Frankfurter Börse, sollte man meinen. Zumal die Aktienmärkte dank der Nullzins-Politik der Notenbanken derzeit boomen. Das meint natürlich auch Vivik Badminath, Vorstandschef des Düsseldorfer Unternehmens, das derzeit rund 82 000 Sendemasten in Europa hoch rentabel betreibt und in den kommenden Jahren weitere zehntausende Masten sein Eigen nennen will. "Das Timing für Vantage Towers ist perfekt", sagte der 51-jährige Franzose gestern morgen in einer Video-Übertragung der Deutschen Börse kurz vor der Erstnotiz der Aktie. "Europa wird immer digitaler, und wir sehen uns als das Rückgrat dieser Entwicklung", so Badminath Freude strahlend

Kursverlust am ersten Handelstag

Seine Freude dürfte gestern aber nicht lange angehalten haben. Nachdem das Unternehmen den Ausgabepreis der Aktie am Mittwochabend auf 24 Euro festgelegt hatte - und damit im unteren Drittel der zuvor fixierten Spanne von 22,50 bis 29 Euro - startete die Aktie um 09.17 Uhr bei 24,80 Euro. Sprich, mit einem bescheidenen Plus 3,3 Prozent. Und selbst dieses konnte das Papier im Tagesverlauf nicht halten. Am Ende ging die Aktie bei 24,35 Euro aus dem Rennen. Und das, obwohl der Dax gestern erneut ein Rekordhoch erklomm.

Damit ist die Bewertung hinter den ursprünglichen Erwartungen von Vantage Towers geblieben, das der Vodafone-Konzern im Rahmen eines "Carve-out" vor einem dreiviertel Jahr abgespalten hat. Mit dem Ausgabepreis von 24 Euro kommt Vantage Towers nun auf lediglich 12,14 Milliarden Euro. Auch für die Konzernmutter Vodafone eine Enttäuschung, die mit dem Teilverkauf ihres Tafelsilbers ihren Schuldenberg abträgt. Denn wie bei einem Carve-out üblich fließt der Emissionserlös der Muttergesellschaft zu. 2,3 Milliarden steckt sich Vodafone für die verkauften 19 Prozent der Towers-Anteile nun in die Tasche. Damit ist dieser IPO immerhin der größte Börsengang in Deutschland seit drei Jahren.

Die gleichwohl enttäuschende Bewertung entspricht auch einem deutlichen Abschlag auf die Bewertung des europäischen Branchen-Primus Cellnex aus Spanien. Das liegt sicherlich weder an den aktuellen Geschäftszahlen noch an der angekündigten Dividenden-Politik. Bei einem Umsatz von 723 Millionen Euro, kommt Vantage Towers nach den ersten neun Monaten des Pro-Forma-Geschäftsjahres 2020/21 (30. März) auf einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) von 620 Millionen Euro und ein EbitdaaL (inklusive Leasingkosten) von 394 Millionen Euro. Die entsprechenden Margen sind mit denen von Cellnex vergleichbar. Vantage Towers will das EbitdaAL - die zentrale Kennziffer bei Funkmasten-Betreibern - um sechs Prozent pro Jahr steigen. Die Spanier versprechen da ein kräftigeres Wachstum.

Attraktive Ausschüttung

Bei der Ausschüttung liegen die Düsseldorfer vorn: 60 Prozent der wiederkehrenden freien Mittelzuflüsse will Vantage an die Aktionäre weitergeben. Und die sollen laut Vorstandschef Badminath jährlich um einen "mittleren bis hohen einstelligen" Prozentwert wachsen. Zudem sollen die Anteilseigner in den Genuss der Dividenden aus Beteiligungen und Gemeinschaftsunternehmen kommen. Für '20/21 kommen da voraussichtlich 280 Millionen Euro zusammen. Das dürfte auf eine Rendite von knapp über zwei Prozent hinauslaufen.

Hoffnungsvoll kann die Aktionäre stimmen, dass Vantage Towers 19 400 seiner 82 000 Funktürme in Deutschland betreibt. Damit ist das Unternehmen hinter der Deutschen Telekom die Nummer zwei auf dem hiesigen Markt. Und der hat eine Phase der Hochkonjunktur vor sich. Denn bei der 5G-Frequenzvergabe erhielt mit 1&1 Drillisch auch ein neuer Anbieter den Zuschlag, der sein Netz komplett von Null aufbauen muss - weil dessen Vertrag mit dem Wettbewerber Telefónica nur für 2G, 3G und 4G gilt. Davon müssten auch die Düsseldorfer profitieren, bei denen hierzulande auf einen Turm im Schnitt nur 1,39 Mieter kommen. Da will Badminath mittelfristig auf eine Quote von 1,5 Prozent kommen. Besonders ambitioniert ist das aber nicht. Im Ausland kommt Vantage auf Vermietungsquoten von zwei Prozent.

Interessenskonflikt mit der Konzernmutter

Ehrgeiziger gibt sich der Vantage-Chef in puncto Übernahmen. "Angesichts der zu erwartenden Markt-Konsolidierung dürften in den nächsten Jahren rund 170 000 Masten in Europa zum Kauf angeboten werden", sagt Badminath. Allerdings nimmt sich seine Kriegskasse mit derzeit rund einer Milliarde Euro vergleichsweise bescheiden aus. Cellnex hat allein in den vergangenen vier Monaten 16,8 Milliarden für die Übernahme von 42 500 Funktürmen ausgegeben. Und ob sich der Aktienkurs von Vantage Tower so gut entwickelt, dass die Firma Übernahmen auch gut mit ihren Wertpapieren stemmen kann, muss sich erweisen.

Einen weiteren Schwachpunkt machen Branchen-Experten in der Abhängigkeit des Düsseldorfer Börsen-Debütanten von der Konzernmutter aus. Derzeit steht Vodafone für rund 80 Prozent des Vantage-Umsatzes. Das bietet zunächst zwar Sicherheit - könnte aber die Bemühungen des jungen Unternehmens um neue Kunden konterkarieren, befürchten Beobachter. Schließlich wirbt Vodafone mit der hohen Qualität seiner Netze. Wichtige Aspekte dafür sind die Zahl und der genaue Ort der Standorte. Gerade wenn Vodafone einen begehrten Ort kontrolliert, kann der Konzern mit einem guten Netz punkten. Aus dem Börsenprospekt geht denn auch hervor, dass Vodafone bestimmte strategische Orte" für Wettbewerber sperren darf. Da hat es Cellnex deutlich leichter: Zu ihren Großaktionären gehören neben der Benetton-Holding Edizione zwei Staatsfonds, die zusammen nur auf 30,5 Prozent der Anteile kommen. Damit sind die Spanier deutlich flexibler.

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