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Die beiden Flüchtlinge Ayham (2.v.l.) und Eihab Abouch (l.) vom FC Gudesding mit Co-Trainer Bela Cohn-Bendit und Übersetzer Alaa (l.).

Fußballklub „Gudesding“ hat zwei Kicker aus Syrien aufgenommen

Fußball als Integrationshebel

Beim Frankfurter Fußballklub „Gudesding“ gelingt Integration spielend. Jeder hilft jedem – auf und neben dem Trainingsplatz. So haben auch einige Flüchtlinge eine neue Heimat in Frankfurt gefunden.

Von ANDREAS WOLF

Sie waren Profis, spielten in der ersten Liga. Dann überzog der syrische Bürgerkrieg ihre Heimat mit Terror und Schrecken. Ayham und Eihab A. flohen aus Al-Hasaka nahe der irakischen Grenze nach Deutschland. Jetzt sprinten, schwitzen und lachen die Brüder im Frankfurter Ostpark: Training beim „FC Gudesding Frankfurt“. Neunte Liga. Nieselregen statt Bomben.

„Sie hatten fast nichts, auch keine Fußballschuhe“, erinnert sich Trainer Jürgen Hirschläger an jenen Januar-Tag, als sein Spieler Till Tibbe mit den Brüdern und vier weiteren Flüchtlingen zum ersten Training nach der Winterpause aufkreuzte.

Ayham und Eihab A. stellten nach der Ankunft in Deutschland ihren Asylantrag im Erstaufnahmelager Gießen. Von dort wurden sie in eine Notunterkunft im Frankfurter Westen zugewiesen: die Turnhalle der Philipp-Holzmann-Schule. Tibbe arbeitete in der vom Roten Kreuz getragenen Unterkunft als Betreuer. „Viele Flüchtlinge dort wollen Fußball spielen“, berichtet der 26-Jährige. Einige nahm Tibbe mit zum Vereinstraining der „Guden“. Seine Beobachtung: „Vor allem mit Ayham und Eihab hat alles super geklappt und gepasst.“

Star-Allüren verbreiten die ehemaligen Profis beim überwiegend aus Studenten bestehenden Kreisligisten nicht: „Wir hatten auch Spieler, die haben einmal mittrainiert und erwartet, dass wir ihnen Fußballschuhe kaufen“, erinnert sich Spieler und Vorstandmitglied Luis Engelhardt. Der sportliche Leiter des 2012 gegründeten Klubs beschreibt die Brüder als bescheiden, sympathisch und zuverlässig.

„Sie kommen seit Januar regelmäßig ins Training und haben richtig Bock“, lobt Mitspieler Engelhardt und betont: „Die Jungs wollen nicht nur ein bisschen kicken, sondern sich fest ins Vereinsleben integrieren“. Vor ihren Besuchen beim FC Gudesding kickten die Mittelfeldspieler in der syrischen „Premier League“ für den SC Hasakah Al-Jazeera.

Beim Frankfurter Kreisligisten haben die Brüder mehr gefunden als eine sportliche Heimat: „Wir mögen die Stimmung hier, weil wir nicht nur ein Team gesucht haben, sondern auch eine Familie, in der wir uns wohlfühlen“, erklärt Eihab A. (22).

Vor ihrer Zeit in Frankfurt hätten die Brüder nur Gutes gehört über die Main-Metropole: „Uns wurde gesagt, die Menschen hier sind nett und in anderen Städten wäre das nicht so“, berichtet Ayham A. (26). Sein jüngerer Bruder bestätigt die Vorschusslorbeeren: „Alle hier waren und sind nett zu uns.“ Der erste Eindruck von Frankfurt sei positiv gewesen: „Eine schöne Stadt.“

Den Brüdern gefällt vor allem der Main und das Museumsufer. Gewundert haben sie sich über die öffentlichen Verkehrsmittel. „In Frankfurt sind alle Busse und Bahnen verbunden und bequem. In Syrien haben wir nur einen Bus“, sagt Eihab. Auch abseits des Sportplatzes geben die Brüder Gas: Sie wollen Deutsch lernen, haben einen Sprachkurs an der Volkshochschule absolviert. Ayham A. spricht bereits Deutsch – „ein bisschen.“ Sprachbarrieren im Training überwinden die Araber dank ihres Mitspielers und Dolmetschers Alaa Aishouna – einem Musterbeispiel an Integration.

Der 28-Jährige strahlt, während er über „sein“ Frankfurt spricht. Die ersten Gehversuche in seiner Wahlheimat brachten ihn zum Weinen: „Ich war alleine, hatte Angst, keine Familie, keine Freunde, keine Deutschkenntnisse“, erinnert sich Aishouna. Er wartete sieben Monate auf Arbeit, drei Monate auf einen Sprachkurs.

Dazu kam und kommt noch heute die Angst um seine Familie in Syrien: Vater, Mutter und vier Schwestern stecken im Kriegsgebiet, wurden teilweise schwer verletzt. „Von meinem Gehalt muss ich ihnen ständig was schicken“, sagt Aishouna. Teamkollege Santino Levi vermittelte ihm einen Job als Kellner am Römer. „Alle im Verein sind so nett; helfen, wie sie können, obwohl sie das gar nicht müssen; das ist großartig“, schwärmt Aishouna.

Den „Guden“ schloss er sich 2014 an – um mit Fußball die Sorgen und Ängste des Alltags zu verdrängen. „Alle im Verein haben mich aufgenommen wie eine Familie. Sie waren mein Ein und Alles“, erinnert sich Aishouna. In seiner Debütsaison schoss der Frankfurter 20 Tore, wurde Teambester Schütze. In Syrien stürmte er zuvor für den Zweitligisten Al-Wahda.

Nach einem Integrationskurs und zwei privaten Sprachkursen, spricht Aishouna nun auf C1-Niveau – sehr gut. Demnächst will er an der Fachhochschule Wirtschaftsrecht studieren. Um trotz seines ausländischen Abiturs für die FH zugelassen zu werden, büffelt Aishouna zwei Semester am Studienkolleg der Goethe-Uni.

Seit November wohnen sie mit etwa 100 Flüchtlingen in der Philipp-Holzmann-Turnhalle. „Das ist unbequem, ständig laut. Leute bleiben wach bis fünf Uhr nachts“, klagen die Brüder. Sie haben Schlafstörungen. In der Notunterkunft wohnen Flüchtlinge, die von Erstaufnahmestellen nach Frankfurt zugewiesen wurden und in der Stadt anerkannt sind. Die meisten Bewohner der Halle sind Eritreer und Syrer. Flüchtlinge aus diesen Ländern haben gute Chancen, länger in Deutschland bleiben zu dürfen. So auch die beiden.

Die Brüder haben trotzdem Angst, Frankfurt verlassen zu müssen. Neulich sahen sie, wie 20 Mitbewohner aus der Halle „verlagert“ wurden, in andere Städte. Alle „Guden“ hoffen, dass die Brüder der Stadt und dem Klub erhalten bleiben. „Optimal wäre, wenn wir die Jungs aus der Halle rauskriegen und eine Wohnung für sie finden“, sagt Tibbe. Der FC Gudesding hilft dabei – und hofft auf Hilfsbereite, die den Brüdern eine Bleibe vermieten oder vermitteln. Engelhardt: „Die Jungs haben bescheidene Ansprüche, Hauptsache Strom und eine Dusche. Sie würden sich auch ein Zimmer teilen.“

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