+
Nach Verkehrsunfällen sind schnell filmende Gaffer da. Nach diesem großen Crash auf der A 5 am Flughafen hatten die Schaulustigen im Januar sogar einen ?Logenplatz? auf einer Brücke.

Polizei und Feuerwehr kritisieren zunehmende Handy-Filmerei an Unglücksorten

Gaffer behindern Einsatzkräfte

  • schließen

Immer öfter behindern filmende Gaffer nach Verkehrsunfällen die Einsatzkräfte. Auch zu Staus und Folgeunfällen auf benachbarten Fahrspuren kommt es regelmäßig. Polizei und Feuerwehr sprechen von einem „Riesenproblem“. Möglichkeiten, es zu lösen, gibt es kaum.

Der Zusammenstoß an der Ecke Darmstädter Landstraße/Affentorplatz (Sachsenhausen) muss heftig gewesen sein. Eines der Unfallautos ist umgekippt und auf dem Dach liegen geblieben. Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei sind zwar schon da, die Einsatzstelle ist aber noch relativ frisch und teilweise nicht abgesperrt. Ein schaulustiger Mann, der gerade des Weges kommt, nutzt das schamlos aus: Mit einem Mobiltelefon in der erhobenen rechten Hand läuft er mitten in das Geschehen und macht Aufnahmen von den Blechschäden.

Gaffer, die mit dem Handy filmen oder fotografieren und dabei Einsatzkräfte behindern, sind ein Problem, das die „Blaulichtbehörden“ zunehmend beschäftigt. „Es kommt immer öfter vor, dass Menschen nach Unfällen oder bei Brandeinsätzen völlig rücksichtslos in die Einsatzstelle laufen, um möglichst gute Aufnahmen machen zu können“, sagt Christian Winkler, technischer Einsatzleiter der Feuerwache 2 im Gallus.

Dass die Gaffer dabei die Rettungskräfte behindern und die Privatsphäre der Unfallopfer missachten, sei ihnen entweder nicht bewusst oder vollkommen egal. „Wenn wir die Leute höflich wegschicken, werden die oft auch noch patzig“, berichtet Brandamtsrat Winkler. Manche Menschen diskutierten selbst in der Anfangsphase von Einsätzen, wo es mitunter um Leben und Tod geht, herum. „Das ist schon heftig, das wird immer schlimmer.“

Thomas Bernhard, der die Autobahnstation des Polizeipräsidiums leitet, bestätigt das „Riesenproblem“ mit der Handy-Filmerei. Gaffer, die langsam an einer Unfallstelle vorbeifahren, um ja nichts zu verpassen, habe es schon immer gegeben. Dass Schaulustige aus fahrenden Autos heraus Aufnahmen machen, sei aber erst mit den Smartphones aufgekommen.

Stationsleiter Bernhard kann beinahe unglaubliche Geschichten erzählen: So habe bei einem Autobrand auf der A 661 ein Mann seinen Betonmischer in der Gegenrichtung mitten auf der Autobahn gestoppt, um ein Foto zu machen.

Und nach dem Unfall eines Gefahrguttransporters auf der A 3 im Juli 2015 sei es in der Gegenrichtung zu so starken Behinderungen gekommen, dass ein Streifenwagen losgeschickt werden musste, um die Filmer heraus zu winken und Anzeige wegen der Handyverstöße zu erstatten.

Der Erste Polizeihauptkommissar berichtet, dass es bei Autounfällen immer wieder zu Folgeunfällen komme. Da sei dann nicht zwangsläufig nur der Fahrer des auffahrenden Autos verantwortlich, sondern häufig auch der Fahrer, der mit seinem Pkw vorausfuhr und bremste, um zu schauen. Als „besonders schlimm“ empfindet Bernhard den Einsatz von Handykameras, wenn Verletzte und Tote da sind. „Leider fordert eine große Boulevard-Zeitung ihre Leser sogar dazu auf, Fotos und Filmchen von allen möglichen Ereignissen einzuschicken – das spornt manche Leute natürlich an.“

Polizei und Feuerwehr berichten auch von dem Phänomen, dass manche Gaffer an Unfallorten erst einmal eine Foto- oder Filmaufnahme machen und danach erst auf die Idee kommen, die Notrufnummer 110 zu wählen. „Wer das tut, riskiert eine Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung“, betont Bernhard.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat jüngst eine Gesetzesinitiative gestartet, um Gaffer härter zu bestrafen. Sie zielt auf harte Strafen für Menschen ab, die Unfallopfer filmen oder Retter behindern. Ob es dazu kommt und ob eine solche Maßnahme den um sich greifenden Voyeurismus an Unfallorten eindämmen würde, ist allerdings noch völlig offen.

Auf Frankfurts Autobahnen werden Leichen oder Verletzte manchmal mit Sichtschutzzäunen oder Einsatzfahrzeugen vor den Blicken neugieriger Verkehrsteilnehmer abgeschirmt. Das löse zwar nicht alle Probleme, verhindere aber möglicherweise den ein oder anderen Folgeunfall. (chc)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare