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Frankfurt 7.12.2017; Der ursprünglich hölzerne Befestigungsturm wurde im Jahr 1414 durch die heute noch existierende steinerne Galluswarte ersetzt. Der neue Turm begrenzte als ?Galgenwarte? und Teil der Frankfurter Landwehr im Mittelalter die Stadt nach Westen. Von dieser Stelle führte eine Handelsstraße von Frankfurt nach Mainz (?Mainzer Landstraße?). Die Warte war der letzte Kontrollposten. Dahinter lagen lediglich Gutshöfe wie der Hellerhof und der Gutleuthof, die sich im Gallus heute als Namenspaten für Hellerhofsiedlung und Gutleutstraße wiederfinden. Nach der Zerstörung Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Galluswarte wieder aufgebaut und ist heute Wahrzeichen und der Verkehrsknotenpunkt des Viertels.

Stadtteil-Serie (Teil 23)

Das Gallus - Immer im Wandel

Das Gallus ist ein eher junger Stadtteil, der auf alter Frankfurter Gemarkung entstand. Es gehört nicht zu den vielen vor ungefähr einem Jahrhundert eingemeindeten Vororten. Bis zum Ende des 19.

Das Gallus ist ein eher junger Stadtteil, der auf alter Frankfurter Gemarkung entstand. Es gehört nicht zu den vielen vor ungefähr einem Jahrhundert eingemeindeten Vororten. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Gebiet zwischen Main und Rebstock, den Wallanlagen und Griesheim landwirtschaftlich genutzt. Berühmte Patrizier, wie etwa die Familien Günderrode und Holzhausen, aber auch das Katharinenkloster und die Stiftungen wie Armen- und Waisenhaus hatten dort ihren Stammsitz.

Seinen ursprünglichen Namen verdankt das Gallus nicht etwa dem lateinischen Wort für Hahn. Im Mittelalter wurde das Areal „Galgenfeld“ genannt und dehnte sich in westlicher Richtung jenseits der mittelalterlichen Stadtgrenze aus. Das Galgenfeld war Frankfurts bekannteste Hinrichtungsstätte. 1806 wurde der Galgen wegen eines Besuchs von Napoleon abgerissen.

Der Eisenbahnbau ab Mitte des 19. Jahrhunderts weckte das Gallus aus seinem Dornröschenschlaf. Rund um Güter- und Hauptbahnhof entstanden Industriebetriebe wie die Adlerwerke, die Bremsenfabrik von Alfred Teves, die Deutsche Privat-Telefongesellschaft Harry Fuld & Co. (Telenorma).

Der Aufschwung erforderte bessere Infrastruktur und mehr Wohnungen, so entstand etwa die Hellerhofsiedlung. Mit dem Niedergang der Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg geriet das Gallus in soziale Schieflage, einige Straßenzüge entwickelten sich zu Brennpunkten. Aus diesem Grund ist das Gallus in das Projekt Soziale Stadt aufgenommen worden.

Seit einigen Jahren gehört das frühere Arbeiterviertel zu dem Teil Frankfurts, wo die Umwandlung von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft am deutlichsten zu erkennen ist. Die Veränderungen bedeuten gleichzeitig die Chance auf eine neue Identität. FNP-Reporter Michael Faust hat den Stadtteil mit seiner Kamera erkundet.

Die 2016 abgeschlossene Umgestaltung des Quäkerplatzes durch den zukünftigen Stadtteiltreffpunkt „Quartierspavillon Quäkerwiese“ mit der Paul-Hindemith-Schule und Kindereinrichtungen in direkter Nachbarschaft war ein zentrales Projekt in der Sozialen Stadt Gallus.

Zu den Zielsetzungen gehörte nicht die lokale Wirtschaft zu stärken, sondern auch die Identifikation mit dem Quartier und die interkulturelle Integration zu fördern. Der gepflegte Spielplatz ist bei jungen Familien ein beliebter Treffpunkt. Müll, Unrat und Drogen stellen keine größeren Probleme dar.

Der ursprünglich hölzerne Befestigungsturm wurde im Jahr 1414 durch die heute noch existierende steinerne Galluswarte ersetzt. Der neue Turm begrenzte als „Galgenwarte“ und Teil der Frankfurter Landwehr im Mittelalter die Stadt nach Westen. Von dieser Stelle führte eine Handelsstraße von Frankfurt nach Mainz („Mainzer Landstraße“).

Die Warte war der letzte Kontrollposten. Dahinter lagen lediglich Gutshöfe wie der Hellerhof und der Gutleuthof, die sich im Gallus heute als Namenspaten für Hellerhofsiedlung und Gutleutstraße wiederfinden. Nach der Zerstörung Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Galluswarte wieder aufgebaut und ist heute Wahrzeichen und der Verkehrsknotenpunkt des Viertels.

Am 20. Dezember 1963 begann im Saal des Stadtparlaments im Römer der

Auschwitz-Prozess

gegen die SS-Angehörigen im Vernichtungslager Auschwitz. Im April 1964 zog das Gericht in das neuerbaute Bürgerhaus Gallus um, in dem der Prozess bis zur Urteilsverkündung im August 1965 fortgesetzt wurde.

Für die notwendigen  baulichen Veränderungen, um Platz für die 87 Prozessbeteiligten, 143 Zuhörer und 124 Pressevertreter zu schaffen, wurden vom hessischen Justizministerium Mittel in Höhe von circa 90000 Mark bewilligt.

Nach wie vor gehört das Europaviertel zu den umstrittensten Bauprojekten in Frankfurt. Wie eine Enklave will sich das Reißbrettprojekt nicht ins übrige Gallus und die benachbarten Gebiete einfügen. Neben der unnahbaren postmodernen architektonischen Gestaltung stören sich viele Menschen an der kilometerlangen Straßenschneise im Bereich der Europa-Allee, die im Volksmund bereits den zweifelhaften Spitznamen „Stalinallee“ bekam.

Auch infrastrukturell liegt noch einiges im Argen: Die Verlängerung der U5 ist erst im Jahr 2022 zu erwarten und das Gewerbe hält nur mühsam mit der restlichen Bautätigkeit Schritt.

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Das Gallusviertel ist noch heute in weiten Teilen der Bevölkerung wegen der hohen Kriminalitätsrate in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stigmatisiert. Viele Projekte haben seitdem die Lebensqualität im Stadtteil aber deutlich verbessert.

Neben staatlich gesteuerten Konzepten gingen viele Aktionen wie Straßenfeste und Hausaufgabenhilfe auch direkt von der Bevölkerung aus, etwa von der Stadtteilinitiative Koblenzer Straße e.V. „Wir haben uns nicht für das Gallus engagiert, um es zu verändern, sondern weil es uns gefallen hat wie es ist – offen, tolerant und vielseitig“, erklärt Thomas Scharf, der seit sechs Jahren Mitglied ist. Die Zukunft des Vereins ist nach der Kündigung der Räumlichkeiten zum 1.1.2018 allerdings unklar: „Derzeit haben  wir noch kein von allen Mitgliedern getragenes Konzept, wie es im neuen Jahr weitergehen soll.“

Die Hellerhof-Siedlung besteht aus einem älteren zwischen 1901 und 1904 sowie einem neueren zwischen 1929 und 1936 erbauten Teil. Der neuere Bauabschnitt entstand im Rahmen des Wohnungsbauprogrammes Neues Frankfurt auf Initiative des damaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Ludwig Landmann und des Baustadtrates Ernst May.

Sie ist ein frühes Beispiel für den modernen Wohnungsbau aus den späten 1920er Jahren. Die zahnschnittartig gestalteten zweigeschossigen Gebäude in Zeilenbauweise gehören dagegen zu den ansprechendsten gestalterischen Lösungen des Neuen Wohnens in Frankfurt. Zur Erstausstattung der Wohnungen gehörte auch die  Frankfurter Küche der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war das Gallus zunehmend industriell geprägt. Eines der ersten größeren Unternehmen waren die Adlerwerke, vormals H. Kleyer AG, in denen diverse Fahrzeuge und Maschinen noch bis 1998 hergestellt wurden. Ein Erklärungsversuch, warum das Gallus volkstümlich als „Kamerun“ bezeichnet wird, hängt direkt mit den Adlerwerken zusammen: Nach der Schicht kamen die Arbeiter oft mit von Schreibmaschinenfarbe gefärbten Gesichtern aus der Fabrik.

In Anlehnung an die damalige deutsche Kolonie habe man sie „Kameruner“ genannt. Gesichtsbemalung gibt es heute in den Adlerwerken höchsten noch im Gallustheater, das neben einigen Event- und Werbeagenturen eine Heimat im Industriedenkmal gefunden hat.

Im Zuge des Strukturwandels hin zur Dienstleistungsgesellschaft hat das Gallus viel von seinem alten Charme verloren. Nur wenige Einrichtungen wie die Stiftung Technische Sammlung Hochhut, die sich die Erhaltung historischer Kraftfahrzeuge, Motorräder und Motoren zum Ziel gesetzt hat, erinnern noch an das historische Erbe. Die Sammlung entstand auf Betreiben des Unternehmers Fritz Hochhut, der über mehrere Jahrzehnte Raritäten aus den Bereichen Antriebe und Fahrzeuge als Hobby sammelte.

Nach seinem Tod wurde die Sammlung von ehemaligen Mitarbeitern 1999 in eine Stiftung umgewandelt. Der seit sechs Jahren angestellte Zweiradmechanikermeister und Kfz-Sachverständige Harry Neumann kümmert sich um die Fahrzeuge und die Liegenschaft in der Hattersheimer Straße.

1905 wurde die evangelische Matthäuskirche eingeweiht. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie völlig zerstört und Mitte der 50er Jahre in einfacher Formensprache wieder errichtet. Wegen des stetigen Rückgangs der Gemeindemitglieder strich der Evangelische Regionalverband die Matthäuskirche 1997 von der Liste der dauerhaft zu unterhaltenden Kirchengebäude und weckte schon vor 20 Jahren bei Projektentwicklern Begehrlichkeiten.

Im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Areals rund um das angrenzenden Alte Polizeipräsidium bekam die Diskussion erneut Auftrieb: Der städtische Bebauungsplan für das Gelände des Alten Polizeipräsidiums umfasst auch das Grundstück der Matthäuskirche.

Im Gallus geht es hoch hinaus: Mit einer Höhe von 200 Metern ist der Tower 185 der vierthöchste Wolkenkratzer Deutschlands und aufgrund seiner extravaganten Form ein beliebtes Fotomotiv bei Fotografen.

Hauptmieter des 2011 fertiggestellten Gebäudes ist die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und die Anwaltskanzlei Mayer Brown.

 

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