Mit Fahnen und Bannern zogen die Teilnehmer der Demonstration über die Mainzer Landstraße und machten so auf ihre Forderungen aufmerksam. Günstiger Wohnraum fehle nicht nur im Gallus, kritisierten sie. Foto: Rainer Rüffer
+
Mit Fahnen und Bannern zogen die Teilnehmer der Demonstration über die Mainzer Landstraße und machten so auf ihre Forderungen aufmerksam. Günstiger Wohnraum fehle nicht nur im Gallus, kritisierten sie.

Kundgebung

Gallus: Mehr bezahlbaren Wohnraum in Frankfurt schaffen

  • vonGernot Gottwals
    schließen

Initiativen gehen auf die Straße, weil die Mieten in Frankfurt immer teurer werden.

Bezahlbarer Wohn- und Kulturraum wird im Gallus immer knapper. Zwar bildet die Vonovia mit ihren Wohnblöcken in der Knorr-, und Wallauer Straße einen Schwerpunkt der Demonstration "Verspielt, verkauft und abgezockt", zu dem das Mieterbündnisses Solidarisches Gallus eingeladen hatte. Doch die Wortführer betonen, dass andere Wohngesellschaften und private Vermieter ebenso in der Kritik stehen.

So appelliert Thilo Schwarmann von der Initiative Mietentscheid an die ABG Holding, Vermieter in der Hellerhofsiedlung: "Wir brauchen endlich einen geförderten Wohnungsbau zu 100 Prozent und eine Deckelung der Miete auf fünf bis sechs Euro pro Quadratmeter." Der erst auf politischen Druck eingeführte Mietenstopp für zehn Jahre bei kurz zuvor mieterhöhten Wohnungen sei längst nicht ausreichend.

"Die Nassauische Heimstätte (NH) soll als landeseigene Baugesellschaft eigentlich Wohnraum für die gesamte Bevölkerung schaffen und bezahlbare Mieten sicherstellen", betont eine Sprecherin des Mieterbündnisses Gallus. Doch ihr Projekt Praedium, im Internet als Traumhochhaus mit Eigentumswohnungen im Herzen des Europaviertels gepriesen, zeuge davon, wie gewinnorientiert die NH agiere. "Deshalb herrscht im Praedium seit Jahren massiver Leerstand, der nicht sein muss, denn viele junge Familien suchen bezahlbare Wohnungen."

Mietschulden erlassen

"Überall Widerstand, Wohnungen in Mieterhand!", skandieren einige der rund 80 Teilnehmer, Transparente fordern "Mieten runter!" oder gar die Enteignung und Besetzung leerstehender Wohnungen. Und wegen der Corona-Krise müssten Mietschulden erlassen werden. Während der Demonstrationszug in die Koblenzer Straße einbiegt, öffnen einige neugierige Anwohner ihre Fenster und zücken die Handykameras.

Die Koblenzer Straße im östlichen Gallus gehörte bis vor wenigen Jahren noch zu den bezahlbaren Wohnlagen, doch auch hier setzen schicke Neubauten neue Maßstäbe. Und wo man sich einst zu abendlichen Vorträgen oder Vernissagen traf, klaffen derzeit leere Lagerräume. "Gewinnträchtige Apartments sind hier wohl wichtiger!", beklagt Rüdiger Lang, Sprecher der Stadtteilinitiative Koblenzer Straße (SIKS) den Verlust der früheren Clubräume.

Vor drei Jahren wurde SIKS durch Patrick und Alexis Petri gekündigt, Inhaber der Alpa Immobilien & Consulting GmbH. "Für uns gab es keine Toleranz mehr", so Lang. Und im Juni habe auch wegen mangelnder städtischer Förderung die aus SIKS hervorgegangene Kulturbar HORST in der Kleyerstraße schließen müssen. "Wenn nur Großkultur, Shopping Malls und Luxuswohnen gefördert werden, können in den Stadtteilen keine neuen Synergien entstehen."

"In der Knorrstraße hat die Vonovia eine Nachverdichtung und Modernisierung durchgesetzt, die den Mietspiegel steigen lässt, ohne dass der Milieuschutz wirksam wurde", beklagt Roberto Stojanoski, Organisator der Demonstration und Sprecher der dortigen Mieterinitiative. Terrassen und große Balkone in aufgestockten Etagen hätten den Wohnmarkt kaum entlastet, dafür müssten einzelne Mieter 250 Euro mehr für Aufzüge zahlen, die sie kaum nutzen.

Aufzüge konnten die Mieter in der Wallauer Straße zwar gerade noch so verhindern. Doch dafür sind die dortigen Mietshäuser nach verzögerten Sanierungen immer noch eingerüstet. Es gab Probleme mit losen Ziegeln, verschimmelten Wohnungen - die Miete wurde trotzdem erhöht: In manchen Fällen bis auf das Doppelte, während es Mietminderungen wegen Baubelästigungen und immer wieder aufgeschobenen Reparaturen nur im Ausnahmefall gegeben habe. Der dortige Sprecher Michael Martis und Stojanoski fordern die Enteignung der Vonovia und Selbstverwaltung nach sozialistischem Vorbild.

Zum Ende trifft der Protestzug auf das Stadtteilfest der Linken, als Stojanoski noch ein Transparent vorstellt: "Der Frankfurter Adler rupft den Hahn, auf lateinisch ,Gallus', zugunsten der Investoren." Der Frankfurter Bundestagsabgeordnete der Linken Achim Kessler betont: "Das Galllus ist ein besonders abschreckendes Beispiel für eine verfehlte Wohnungspolitik. Mehr Sozialwohnungen müssen gebaut, die Spekulation verhindert, Immobilienfonds verboten werden." (Gernot Gottwals)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare