+
Georgien ist 2018 das Gastland der Buchmesse Frankfurt.

Buchmesse

Gastland Georgien: Verborgene Schätze vom Kaukasus

Georgien ist dieses Jahr das Gastland bei der Frankfurter Buchmesse, die vom 10. bis 14. Oktober stattfindet. "Georgia- Made by Characters" heißt das selbstbewusste Motto eines Volkes mit einer einzigartigen kulturellen Identität. Das schlägt sich auch in seiner Musik nieder.

Solange die Musik fremder Völker unter „Folklore“ sortiert wurde, krähte kaum ein Hahn danach. Doch dann kam Ende der achtziger Jahre in London der Begriff „World Music“ auf. Und selbst in der deutschen Übersetzung als „Weltmusik“ konnte man damit plötzlich punkten. Den Mut zur vermeintlichen Nische hatten unabhängige Plattenlabels. Ex-„Genesis“-Sänger Peter Gabriel gründete 1989 „Real World Records“ und initiierte das WOMAD Festival. Die Frankfurter Network Medien-Kooperative widmete sich ab den frühen Neunziger ihrer Anthologie „World Network“. Schon auf der zweiten Veröffentlichung der exklusiv über den Zweitausendeins-Versand vertriebenen „Basisdiskothek der Weltmusik“ (taz) war Georgien Thema, darauf zu hören traditionelle Musik vom „Rustavi“-Chor und dem Duduki-Trio.

„Wir waren ganz einfach von der Polyphonie und diesen unglaublichen Männerstimmen fasziniert und wollten etwas bei uns völlig Unbekanntes vorstellen“, erinnert sich „WeltBeat“-Experte Jean Trouillet. „Ich hatte längere Zeit vorher einen Auftritt von Rustavi im Fernsehen gesehen. Wir waren sofort Feuer und Flamme, als wir im Archiv des WDR auf die Aufnahmen stießen.“ Zumal auch die unterschiedlichen Stile aus den verschiedenen Regionen zwischen Großen und Kleinem Kaukasus zu Gehör kamen. „Ein Duduki-Trio setzte einen schönen Kontrapunkt und ließ das Album zu einem musikalischen Atlas des Landes wachsen. Es war wahrscheinlich das erste Album in Deutschland, das diese Art Musik überhaupt präsentierte.“

Eine der betörenden Solostimmen war die des 1928 geborenen und 1985 verstorbenen Tenors Hamlet Gonashvili, dessen einzigartiger Gesangsstil und archaische Volkslied-Repertoire sogar den klassischen Komponisten Giya Kancheli inspirierte, dessen Werke die Schönheit und Schwermut georgischer Musik aufgriffen. „Gonsashvilis Stimme ist so außergewöhnlich, für einen Mann so sanft, so etwas hatte ich vorher noch nie gehört“, nahm Uli Balß vom Bremer Label Jaro-Medien 1990 ein Album in seinen Katalog, mit sanften Wiegenlieder und mit berührenden Liebes- und Arbeitsliedern.

Wer immer diesen „verborgenen Schatz“ von Zeit zu Zeit wieder hebt, kann sich der Anziehungskraft des Gesanges nicht entziehen. So schwärmte die „Irish Times“ jüngst von Gonashvilis reichem Timbre, seinem tief bewegenden Ton, der hör- und spürbar anders sei und voller Magie. „Ich höre die Platte selbst immer noch gerne“, erklärt Balß. „Ich würde sie immer wieder rausbringen.“ Letztes Jahr leistete er sich seine erste Reise nach Georgien, war begeistert von der Gastfreundschaft der Menschen. Er besuchte auch die Familie Gonashvili. „Seine Frau ist Mitte 80, hat nie wieder geheiratet, weil Hamlet ihre große Liebe war.“

Mit „The Shin“ war auch die Band der georgischen Musiker Zaza Miminoshvili und Zurab Gagnidze, die seit 1994 in Deutschland leben, unter Vertrag bei Jaro. Beim 2. Bundeswettbewerb „Creole – Weltmusik aus Deutschland 2008/2009“ gingen die Georgier als einer der drei Gewinner hervor, überzeugten die Juroren dank „einer hochvirtuosen Begegnung von georgischer Mehrstimmigkeit und Polyrhythmik in einem dynamischen, voller Spielfreude vorgetragenen Dialog zwischen Jazzrock, Flamenco und Funk“.

Das aktuelle Projekt des Bassisten Zurab J. Gagnidze mit seinem Gesangspartner und Perkussionisten Mamuka „Muki“ Ghaghanidze heißt „GeoTrain“. Im Juni war das Quintett bei einem studentischen Projekt der Goethe-Universität und der Universität Tiflis zu sehen.

Die Antwort, warum georgische Musik so einmalig ist, beantwortet der Wahl-Stuttgarter so: „Weil die traditionelle georgische Musik einfach ganz anders klingt und man sie kaum mit anderer Musik vergleichen kann.“ Das kleine Land am Kaukasus – mit 69 700 km2 hat es nicht einmal 20 Prozent der Fläche Deutschlands – grenzt an Armenien, Aserbaidschan, Russland und die Türkei. Es hat eine eigene Sprache und ein eigenes Alphabet.

Gagnidze gibt einen Einblick in die musikalische Vielfalt des Landes: „Während die Musik aus dem vom Weinbau geprägten Osten Georgiens wie Kakheti oder Kartli, für die auch Gonashvili stand, langsam und locker ist, ist die westgeorgische Musik sehr polyphonisch und polyrhythmisch. Da leben schnelle Leute mit viel Humor. Der Norden dagegen ist streng und dramatisch, das Mingrelische sehr melodisch und süß.“ Fern der Heimat gibt Gagnidze auch Workshops in polyphonem Gesang. „Wenn man die eigene Geschichte verliert, würde man innerlich leer“, sagt er.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare